Schatten und Schattierungen

Ich bin zu müde, um noch vollenden zu können, was mir der Tag an Aufgaben beschert hat. Der abendliche Ausgleichssport beschränkt sich auf die Pendelei zwischen Kühlschrank, Schreibtisch und Bett. Das Verlangen meines Körpers nach Ruhe ist das eine, die zum Zerreißen angespannten Nerven sind das andere. Beides ergibt eine explosive Mischung aus unausgeschlafener Reizbarkeit und emotionalen Ausbrüchen. Ich weiß weder, was mit mir los ist, noch kann ich sagen, wo das Ganze hinführen soll. Ich bin erschöpft. Was ich vorfinde, sind Türen, die mir vor der Nase zugeschlagen werden. Oder Streitigkeiten, die sich an winzigen Unregelmäßigkeiten entzünden. Etwas ist mir fast vollkommen aus der Hand geglitten und stört nun die Balance. Was ist es nur?

Pluto – wie es wirklich war

In einem Hinterzimmer der Gaststätte „Zum Astronomen“, das in einer abgelegenen Seitengasse der Stadt Kosmonia lag, traf sich jeden ersten Dienstag im Monat eine seltsame Versammlung alter, ergrauter Männer. Sie berieten darüber, wie man die starre und auf Dauer öde Ordnung des Universums ein wenig durcheinanderwirbeln könnte, natürlich nur auf dem Papier (in Wirklichkeit handelte es sich um eine wiederbeschreibbare Silberfolie mit einem durchschimmernden Wasserzeichen, das die Ringe des Saturn zeigte). In den letzten Jahren hatten sie einige wundervolle Ideen wie die Relativitätstheorie und die Existenz schwarzer Löcher ersonnen, aber im Moment mangelte es ihnen ein wenig an genialen Einfällen. Aus Langeweile malte einer der alten Männer, der mit seinem weißen Bart und seinen Locken aussah wie Gottvater persönlich, mit Kugelschreiber einen dunklen Punkt in sein Bierfilzl (das aus Pappe war. Darauf war eine hübsche kleine Szenerie abgebildet. Das Papamobil kreiste im Weltall und war zu einem Raumschiff umfunktioniert worden. Der Feuerstoß war in kreischend bunten Farben gezeichnet. „Marsbier – don´t drink and fly.“) „Was ist das?“ fragte ihn sein Nachbar, ein hagerer Greis im braunen Schlafrock. „Ein schwarzes Loch?“ „Nein, nein, der Pluto.“ Er sagte nicht „Pluto“, sondern „Bludo“. „Mir war er als Planet noch nie besonders sympathisch. Ein vereister Felsbrocken, der irgendwo da draußen herumschwirrt.“ Er strich sich über seinen Bart und nahm einen herzhaften Schluck vom „Marsbier silber“, das etwa unserem „Weizen light“ entsprechen dürfte. „Genau wie tausend andere Felsbrocken“, sagte eine Stimme vom Tischende. Alle schwiegen. „Streichen wir doch diesen Pluto.“ „Ja, genau. Die Blogger werden uns dankbar sein.“ Sie gaben ihre einhellige Meinung dem Wirt bekannt und bestellten eine weitere Runde Marsbier. Und so verschwand der Pluto vom Himmel. Er war jetzt kein Planet mehr, sondern ein vereister Felsbrocken, der irgendwo da draußen herumschwirrte. Viele Väter zeigten in klaren Nächten auf einen leeren Platz im Weltgefüge, bückten sich zu ihren Söhnen hinunter und flüsterten: „Sieh! Dort war einst Pluto, der verschwundene Planet.“ Sie sagten nicht „Pluto“, sondern „Bludo“.

Vertrauen

Eine der Fragen, die ich im Rahmen dieser Nachbefragung zur bereits 2005 durchgeführten Umfrage „Wie ich blogge?“ beantwortete, lautete sinngemäß: „Würde dir einer deiner Blogfreunde spontan 250 Euro leihen, wenn du sie/ihn darum bittest?“ Abgesehen davon, dass es sich um eine relativ persönliche Frage handelt, kam ich doch ein wenig ins Grübeln. Ich habe sie damals mit „Nein“ beantwortet. Dass diese Skepsis manchmal völlig unbegründet ist, erfuhr ich im dritten Semester meines Studiums. Damals bewohnte ich ein winziges Dachzimmer mit Nachtspeicherofen, und da ich diesen Ofen auch während des Tages laufen ließ, präsentierten mir meine Vermieter eines Tages eine Stromrechnung über mehrere hundert Mark, die ich innerhalb von zwei Wochen bezahlen sollte. Meine Vermieter waren ein älteres Ehepaar, das angesichts der in ihren Augen horrenden Summe völlig niedergeschmettert war. Ich war selbst völlig verzweifelt und fragte eine Kommilitonin, die ich kaum kannte, ob sie mir das Geld leihen würde. Zu meiner Überraschung war sie bereit, mir aus der Patsche zu helfen. Am nächsten Tag besuchten wir die Bank, und sie drückte mir das Geld in die Hand, das sie für ihren Urlaub angespart hatte. „Ich weiß ganz genau, dass ich es von dir wiederbekomme.“ Und so war es auch. Es folgten viele Abende, die wir gemeinsam in meinem Zimmer verbrachten. Wir saßen auf dem warmen Ofen, hörten Musik und rauchten Zigaretten.

Una notte italiana

Der Traum, der noch kurz vor dem Aufwachen eine zusammenhängende, dramatische Struktur besaß, verflüchtigte sich schon beim Aufwachen wie Spätsommernebel…ich fahre mitten in der Nacht via Bus nach Italien. Im Bus befinden sich viele meiner Arbeitskollegen, aber auch einige andere Personen, die ich überhaupt nicht kenne. Mein Gepäck spielt eine herausragende Rolle, aber ich weiß nicht mehr, welche. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil es unausweichlich ist, eine Nacht in Italien zu verbringen, meine Freunde in Deutschland mich aber noch heute zurückerwarten. Ich verpasse die Station, an der mein Fahrrad abgestellt ist, und steige erst die nächste Station aus. In der Nähe befindet sich eine blau beleuchtete Tankstelle. Sehr viel später stehe ich zwischen zwei fremden Menschen (einem Mann und einer Frau) auf einer steinernen Brücke neben einer Ausfallstraße. Wir erleben gerade einen Sonnenaufgang, der uns einen glühenden Himmel hinzaubert, und mich durchströmt ein unbekanntes Glücksgefühl. Ich kann mich sehr schlecht mit ihnen verständigen, da ich nur äußerst lückenhaft italienisch spreche, meine Gesprächspartner sich aber auch mit Englisch sehr schwer tun. Ich frage sie: „Wo ist denn die Toscana?“, und sie deuten beide mit dem Daumen über ihrer Schulter nach hinten. „Hinten, gleich dort hinten.“ Ich scheine mich irgendwo in der Nähe von Florenz zu befinden. „Und wo ist Umbrien?“ („Where is umbria?“) frage ich erneut, und sie sehen mich erstaunt an. „Naja, das ist wohl auch zu weit entfernt.“ sage ich mehr zu mir selbst und lächle bei meinen Hintergedanken. Später befinde ich mich mit denselben (?) Personen in einem Zimmer. Wir unterhalten uns über eine Gedichtanthologie, die beide veröffentlichen wollen. Plötzlich kommt mir ein Einfall, den ich ihnen sofort mitteilen muss: „Auf jeden Fall sollten Gottfried Benn, Georg Trakl und – wie heißt denn der dritte?-“ Sie nicken stumm. Aber der Name des dritten Dichters fällt mir nicht mehr ein. Kurz darauf wache ich auf, und grüble weiter über den Namen des Dichters, dessen Gedichte mir im Zusammenhang mit denen Benns und Trakls so passend schienen.

Herr K. und der reiche Herr

Herr K. wohnte in Untermiete bei einem reichen Herrn, der sich, wie er selber behauptete, ihm gegenüber immer äußerst großzügig verhalten habe, und zwar nur aus reiner Sympathie heraus und nicht etwa deswegen, weil er auf seine kümmerliche Mietzahlung angewiesen sei. Er hatte nur eine seltsame Angewohnheit, die K. zunächst gleichmütig aufzunehmen verstand, ihn aber allmählich immer mehr in rasende Wut versetzte: der Herr lief mehrere Male am Tag an seinem Fenster vorüber, hielt dann kurz an, betrachtete durch das Fenster hindurch K. wie ein interessantes Tier, das er in einem Käfig hielt, bestaunte die Einrichtung und schnitt dazu Grimassen, als missfalle ihm alles, was er zu Gesicht bekäme, und ging dann mit der Andeutung eines Kopfschüttelns weiter. Oder er fuchtelte wild mit den Armen, rief laut den Namen seiner Haushälterin und warf dem wie immer am Schreibtisch sitzenden und untätigen K. im Vorübergehen einen erzürnten Blick zu. Eines Tages ging K. zu ihm hin und bat ihn, dieses Verhalten doch zu
unterlassen; es störe ihn ungemein und er könne sich so in seiner Wohnung nicht unbeobachtet fühlen. Der reiche Herr beachtete ihn anfangs kaum, er seufzte nur ab und zu und blickte in eine imginäre Ferne, als stünde er einem unverständigen Kind gegenüber, packte ihn aber dann mit einer blitzschnellen Bewegung so fest am Arm, dass K. beinahe vor Schmerz aufgeschrien hätte, und sah ihm beschwörend in die Augen: „Aber Herr K.! Sie haben doch nichts zu verbergen, oder?“