Individualismus

Wenn die Gewissheit erlahmt, steigt man auf Wolkenschiffe um. Individualität und Originalität werden nur vor der Folie feststehender Gewissheiten sichtbar. Wenn diese Folie fehlt, werden nicht etwa Individualität und Originalität entfesselt, sondern der Nährboden für Konformismus geschaffen. Das Gefühl der Einzigartigkeit kann nur durch eine ständige Selbstvergewisserung entstehen, die sich mit einem Gegenüber misst. Das Gegenüber kann auch ein festes Wertesystem sein, das auf der einen Seite Orientierung bietet, aber auch und vor allem Reibungspunkte bereitstellt. Erst damit kann Authentizität erprobt werden, die nicht bloße Behauptung bleibt. Historisch kann dieser Prozess in den Anfängen der Neuzeit nachvollzogen werden: während vorher die praktische Intelligenz vorherrschte, trat damals der neue Typus der theoretischen Intelligenz als mindestens gleichberechtigt hinzu. Ihr besonderes Kennzeichen war die spielerische Frivolität, mit der sie alte Modelle behandelte und neue einführte; Authentizität wurde dadurch fast zu einem handelbaren Wert, zu einer Größe an sich, einem Ideal, einer Projektionsfläche.

Erinnerungen

Vieles ereignete sich während dieser Januartage, tief eingeschneit vor dem atemberaubenden Panorama der Alpen, zwischen Musikinstrumenten, fiebriger Freude, der hoch aufgetürmten Bettwäsche. Wir lachten, wir tanzten, wir musizierten und lebten gleichzeitig einen Traum, den wir tief inhalierten, um ihn nie zu vergessen (wie wenig war er schon wert, als wir uns zum Abschied küßten und in die Arme nahmen). Ich sah dich an und war verliebt, ohne dass ich wußte, was Verliebtsein eigentlich bedeutete. Ich trug dich ins Bett, als du zu betrunken warst, um noch vom Boden aufzustehen. Mit beinahe brüderlicher Besorgnis deckte ich dich zu und küßte dich auf die Stirn, bevor du endgültig einschliefst. Ich schrieb ein Gedicht für dich. Wir tranken am Abend Baileys und Wein und bestaunten die helle, klare Nacht. Du hattest mich dazu überredet, zusammen mit dir die verrufenste Disco in unserem kleinen Städtchen zu besuchen. An diesen Besuch erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Nur noch an die niemals endenden Tage, im Herbst, mit dir. Die Panik, die mich überfiel, wenn wir uns nicht sehen konnten; ich glaubte, dann würde auch die Schönheit unserer Träume zunichte sein, und das fürchtete ich mehr als alles andere. Irgendwann kamst du zu mir nach Hause und schenktest mir eine Kassette mit der Musik, nach der ich schon so lange vergeblich gesucht hatte. Ich öffnete die beigefügte Karte, in der nur ein paar Zeilen standen, und darunter: „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt“. Ich sah dich an, deine blonden Locken, dein süßes Lächeln, deine glänzenden Augen, und ich glaubte, mein Herz müßte jeden Augenblick zerspringen. Ich erinnere mich an deinen Duft, als ich dich berührte, küßte und in dich eindrang, als wir nebeneinanderlagen und die Kerze herunterbrannte, an die Schatten an der Wand und die Sterne, die wir durch das Dachfenster sehen konnten. Ich glaubte, nur noch eine Handbreit vom Glück entfernt zu sein.

OP-Vorbereitung und der Kampf mit einem Dämon

Ich bereite zusammen mit mehreren Arbeitskollegen einen OP-Tisch vor, auf dem in Kürze eine größere Herz-OP durchgeführt werden soll. Wir decken den Tisch mit grünen Tüchern ab, aber es sind keine glatten Papiertücher, sondern Stofftücher aus rauhem Frottee. Irgendjemand legt das glänzende OP-Besteck zurecht, als ein Kollege mit grünem Kittel, Mundschutz und Haube neben mich tritt und mir ein längliches, flaches Stahlband zeigt, das an einem Ende mit einem Gummischutz versehen ist. Es dient zum Aufspreizen des Brustkorbs. Als er mich fragt, ob er mir das Werkzeug einmal vorführen soll, lehne ich ab. Er nimmt meine Ablehnung amüsiert zur Kenntnis und hebt kurz die Augenbrauen. Dabei bin ich mir durchaus der Tatsache bewußt, dass er der erfahrene Chefoperateur ist und meine Ablehnung als persönliche Kränkung auffassen könnte.

Wenig später befinde ich mich in der dunklen Garage im Haus meiner Eltern. Ich bin mir höchst unsicher, was ich als nächstes tun soll, aber ich bekämpfe einen unsichtbaren Dämon, dem ich immer einen kleinen Schritt voraus bin. Ich fühle eine sehr reale Bedrohung, die mich immer rastloser und gehetzter werden läßt. Als der Dämon ankündigt, nun wirklich Ernst machen zu wollen und das Haus meiner Eltern mit völliger Dunkelheit überzieht, um mir zu schaden, klettere ich auf der Rückseite des Hauses über das Fenster in mein ehemaliges Zimmer. Da ich instinktiv spüre, dass ich beobachtet werde, sprühe ich in alle offenen Schlüssellöcher und Ritzen mit einer Sprühdose schwarzen Lack, der die Löcher verklebt. Der Dämon wird wütend und versucht nun, über die Türe in das Zimmer einzudringen. Aber auch hier gelingt es mir, ihn durch eine Attacke mit der Sprühdose aus dem Zimmer zu drängen. Die Türe verformt sich zwar zu einer Blase, als der Dämon von außen dagegendrückt, aber er kann sie nicht wirklich durchbrechen.

Achill

Siehst du nicht
die schwankenden
Schilde deines Heers?
Und doch läßt du dich fallen
in tonloses Dunkel:
kein Zweig erblühte je
in siedend heißen Malen.
So fliegst du ihm
entgegen, dem lächelnden
Verführer, dem einen
Pfeil aus Pfeilehageln: so,
wie sich auch die Klage
sammelt im Gefäß,
das nicht mehr
deines ist.

Perpetuum mobile

Auf der Terrasse des Klinikums, unter freiem Himmel.

Benedetto: Ach Georg, was meinen Sie? Sollten wir sie noch länger warten lassen?

Don Giorgio: *macht eine unbestimmte Geste, als verscheuche er eine Fliege* Mmmhh..

Benedetto: *lacht trocken* Haha, 300000. Das sind höchstens die Hälfte. Daran ist nur dieser Gerhard Ludwig Müller schuld. Vereinbaren Sie einen Termin mit ihm, wenn wir wieder in Rom sind. Ich will ihn zum Rapport einbestellen und ihm die Leviten lesen, dass die Wände wackeln. Bei dem werden sogar eingefleischte Benedetto-Groupies zu Atheisten.

Die Glastüre zur Terrasse öffnet sich. Der wilde Kaiser, gehüllt in feinstes italienisches Garn (sandfarbene
Nadelstreifen), nippt an seinem hyperdypersuperoriginalhallowach Espresso, als wäre es nichts. Don Giorgio schneidet eine mißbilligende Grimasse, als er dessen abgespreizten kleinen Finger und die goldenen Manschettenknöpfe registriert.

Benedetto: *bemerkt den wilden Kaiser ebenfalls* Wickie, wollen Sie nicht Platz nehmen? Die Gespräche mit Ihnen sind immer so angenehm und unterhaltsam.

Don Giorgio: *läuft puterrot an*

Wickie: Ich will ja nicht in ihre theologischen Disputationen platzen…mit Verlaub. *zieht einen Stuhl zu sich und nimmt Platz*

Benedetto: Sagen Sie, Ihr Bruder war doch bei den Domspatzen?

Wickie: Ja, er kannte Georg…

Don Giorgio: Wir sollten jetzt wirklich langsam, heiliger Vater. *schaut geschäftig auf die Uhr*

Benedetto: Alte Spaßbremse. *seufzt, lächelt dem wilden Kaiser zu* Naja, Sie wissen ja, die Pflichten eines
Staatsoberhaupts…

Don Giorgio: *zieht Benedetto am Arm mit sich*

Benedetto: *ruft so laut, dass es alle Umstehenden hören können* Besuchen Sie mich doch im Vatikan! Ich würde mich freuen! Das Flugticket besorgt Ihnen mein Sekretär hier…*lacht, deutet auf den wutschnaubenden Don Giorgio*

Wickie: *winkt Benedetto zu*

…plötzlich wachte ich auf. Ganz groß sah ich auf grauem Umweltpapier mit Kugelschreiber geschriebene Zahlen und erkannte erst nach minutenlanger Verwirrung die Inventurlisten, auf die ich mit dem Kopf geknallt war…

Turbulente Zeiten

Dass ich nach mehreren Jahren der Stagnation nun plötzlich Veränderungen anziehe wie Honig die Bienen, ist mir auch selbst völlig neu. Ich habe ja nichts gegen Veränderungen, solange sie in einem normalen Rahmen stattfinden. Aber derzeit bricht auf mehreren Gebieten ein Sturm los, der mich völlig unvorbereitet trifft: zum einen freue ich mich auf ein völlig neues Arbeitsgebiet, in das ich hineingestolpert bin und dessen Konturen sich noch nicht so recht zeigen wollen, auch wenn die Vorteile auf der Hand liegen. Eines scheint festzustehen: es wartet eine Menge Arbeit auf mich, während noch nicht einmal ein Arbeitsplatz für mich gefunden wurde. Als nächster Punkt auf der Agenda steht im September ein Umzug in eine neue, größere Wohnung an, der zur Zeit mehr als ungewiss ist und von vielen Voraussetzungen abhängt. Und als wäre das nicht noch genug, helfe ich an den Wochendenden bei einem Hausbau mitten in der abgelegensten Ecke der Oberpfalz. Ich glaube, es ist nicht gerade eine Überraschung, wenn ich nach einer Übernachtung in der Arbeit und der zwölfstündigen Arbeitsschicht wegen des päpstlichen Impacts in Regensburg etwas abgespannt bin und wie ein nasses Handtuch nach dem nächsten Bügel suche, über den ich mich hängen kann. Sogar das Bloggen kommt eindeutig zu kurz…

Sonntagabend

Nach einem plötzlich hereinbrechenden Katastrophenalarm und einem Husarenritt über mehrere hundert Kilometer stelle ich mir jetzt – wie ich glaube, berechtigt – die Frage, warum mein Leben so überaus kompliziert sein muss. Könnte es nicht so ausssehen: Ich bewohnte eine schnuckelige Mietswohnung in der Provinz mit guter Verkehrsanbindung an die nächstgelegene Großstadt. Mein Job wäre zwar herausfordernd, aber nach Feierabend kein Thema mehr. Wenn mir nach Ausgehen wäre, bräuchte ich nur in den Zug zu steigen, hätte aber ansonsten meine Ruhe. Meine Freunde lebten verstreut in aller Welt. Wenn ich mal Trost oder Rat bräuchte, könnte ich jederzeit jemanden anrufen. Ich hätte keine unangenehmen Verpflichtungen. Ich lebte nur für mich und meine Neigungen. Nein, könnte es nicht. Und jetzt höre ich auch schon auf mit dem Träumen. Ganz einfach.