Die Legende

Um den kaiserlichen Palast hatte sich schon seit Jahren eine fiebrige und emsige Menschenmenge versammelt, die jeden Laut, der von den inneren Kammern durch die verschlossenen Türen nach außen drang, abfing, seine Botschaft deutete und die Sensation als eine Welle der Erregung von innen nach außen trug. Am letzten Mauerring hielten die Paladine und Fürsten ihr Ohr auf den Stein gepresst, während die einfachen Beamten, die in der Menge fast untergingen, ihre Ohren hilflos dem Palast entgegenstreckten. An den ausgefransten Rändern der Menschenmasse in den Vororten setzten sich Läufer und berittene Boten in Bewegung, um den Strahl des seltenen kaiserlichen Wortes in die fernsten Ecken des Reiches zu tragen. In den Fensternischen kauerten Späher, die gegen Bezahlung jedem Neugierigen ihre Beobachtungen mitteilten, die sie durch schwere samtene Vorhänge hindurch glaubten gemacht zu haben. Die Wächter hielten sich grau und müde an ihren Hellebarden fest, mit denen sie den Zugang zum Palast versperrten. Seitdem sie ihren Dienst angetreten hatten, litten sie unter einer unheilbaren Schlaflosigkeit; die zitternde, gespannte Erwartung der Masse übertrug sich auf ihre geschwächten Körper, und schließlich gab es niemanden mehr, der diese schwere Aufgabe auf sich nehmen wollte. Die Legende berichtet jedoch von einem Hirtenjungen, dem es gelang, über einen unterirdischen Kanal zufällig in die innersten kaiserlichen Gemächer einzudringen. Erstaunt nahm er die kostbaren Seidentapeten, die zart schimmernden Porzellanvasen und die grellrot gefärbten Teppiche wahr, die die Gemächer schmückten. Vor allem aber fiel ihm auf, dass niemand diese Räume bewohnte. So laut und so oft er auch rief, niemand antwortete ihm. Als der Tag zur Neige ging und der Hirtenjunge Hunger verspürte, suchte er nach einem Ausgang und öffnete versehentlich die schweren Flügeltüren, vor denen sich die atemlose Masse drängte. Und als sie über seinen bereits reglosen Körper hinwegflutete, hauchte er noch: „Ich bin es nicht!“

Widerstand

Gestern besuchte ich den Skulpturenpark in Regensburg, der etwas abseits am Donaukanal liegt. Das mehrere tausend Quadratmeter große Grundstück gehört einem eigensinnigen Bildhauer, der vor Jahren in einem Interview auf die Frage, was denn seine Stelen bedeuteten, antwortete: „Gehen Sie doch in die Unibibliothek, dort finden Sie die Bedeutungen der Symbole! Das steht doch alles in den Büchern!“ Bereits mehrere Male hatte ihm die Stadtverwaltung ein großzügiges Angebot für die Veräußerung des Areals unterbreitet, aber er wollte nicht verkaufen. Er nutzte es lieber weiterhin für die Dauerausstellung seines künstlerischen Schaffens. Soweit mir bekannt ist, hat sich das Ensemble der Skulpturen seit Jahren nicht verändert. Ich beginne mich zu fragen, ob der Bildhauer nicht schon gestorben ist.

Gespräche

In einem sehr weitläufigen Gebäude findet eine große Feier statt. Ich entdecke einige Arbeitskollegen, aber auch Ärzte, Studenten und Offiziere unter den erschienenen Gästen. Das Gebäude ist eine alte, rustikale Scheune, die zu einem Wirtshaus umgebaut wurde. Die Einrichtung ist in warmes, stimmungsvolles Licht getaucht und kommt deswegen um so mehr zur Geltung. Da ich großen Hunger verspüre, laufe ich die Treppe zum ersten Stock hoch, in dem das Buffet aufgebaut ist. Zunächst habe ich Verlangen nach den frischen Weintrauben, die dort appetitlich angerichtet sind. Ich pflücke sie und will sie in eine große Schale legen, die aus einer ausgehöhlten, weintraubenähnlichen Frucht besteht, werde aber ständig angerempelt und gestört. Als die Schale auf den Boden fällt, platzt mir der Kragen, und ich fluche endlos vor mich hin. Einer meiner Arbeitskollegen ruft mir aufgebracht zu: „Was hast du denn?“ Da ich die Weintrauben nicht in Ruhe genießen kann, rühre ich mir aus verschiedenen Zutaten eine riesige Schüssel Schokoladenpudding zusammen. Neben mir taucht ein weiterer Arbeitskollege auf, der mir verschiedene Fragen stellt. Ich zögere mit der Antwort, da ich weiß, dass er mich nur aushorchen will. Weiterlesen

Kleiner Junge

Dieser kleine Junge belagerte mich während meines Mittagessens vergangenen Freitag. Ich besuchte ein kleines, billiges Restaurant in der Nähe des Bahnhofs. Er war das Kind der Besitzer und spielte zunächst ausgelassen vor dem Restaurant, bis er von seiner Mutter, die mich bediente, in den Innenraum zurückgeholt wurde. Dort wurde er dann auf mich aufmerksam. Er druckste am Anfang noch ein wenig herum, aber als ich mich freundlich mit ihm unterhielt, breitete er seine umfangreiche DVD-Sammlung vor mir aus und plapperte mir in seinem drolligen polnischen Kauderwelsch etwas vor, das ich nicht verstand. Als Krönung winkte er mich ungeduldig an den Bildschirm, als er hinter der Theke stand und sich seine Kinderfilme ansah. Ich zeigte ihm schließlich noch das Display meiner Digitalkamera und schoss dieses Foto, bevor ich mich von ihm und den Besitzern verabschiedete.

Kartenspiel

Ich sitze in einem Seminarraum im Keller, in den nur ein paar Sonnenstrahlen scheinen, als würde die Sonne von einem Baum oder einem großen Gebäude verdeckt. Er erinnert mich an einen Kellerraum in der Grundschule, die ich besucht habe. Es beginnt gerade ein Meeting mit einer ungewöhnlich großen Anzahl an Teilnehmern, die an den in einem Viereck aufgestellten Tischen Platz nehmen und dort ihre Unterlagen vorbereiten. Neben oder hinter mir sitzt eine mir sehr nahestehende Person – ich weiß allerdings nicht, wer es ist, ich spüre nur, dass ihre Anwesenheit großen Einfluss auf mein Verhalten ausübt. Ich will sie durch mein taktisches Verhandlungsgeschick beeindrucken und darf mir deswegen keine Fehler erlauben. Als die Leiterin der Runde das Meeting eröffnet, werden Skatkarten ausgeteilt, die ich mir dicht vor das Gesicht halte und eingehend studiere. Ich besitze sehr viele kleinere Nummernkarten und bin mir sehr unsicher, ob ich ein gutes Blatt in Händen halte und mit den anderen mithalten kann. Als mich die Leiterin fragt, ob ich mitspielen könne, antworte ich mit einem genuschelten „Noja“, kann aber zwei Karten abwerfen. Das scheint zu genügen. Als sich das Spiel dem Ende zuneigt, sehe ich, wie meine Mitspieler Münzen in kleinen Häufchen vor sich aufgetürmt haben, sie selbst aber teilweise nur noch zwei Karten ausspielen können. Ich habe zwar kein Geld, aber durch meine gesammelten Karten sehr gute Chancen, das Spiel zu gewinnen. Meine Laune bessert sich zusehends. Als ich die Karten auf den Tisch lege, handelt es sich plötzlich um kleine braune, violette und gelbe Reclam-Hefte, die mit einstelligen Ziffern nummeriert sind. Mein Tisch ist zum Schluss vollständig damit bedeckt. Schließlich öffne ich meine braune Aktentasche, um sie wieder einzusammeln, und lache im Gespräch mit meinem Nachbarn, der mir eine interessante Geschichte erzählt.

Letzte Nacht

Die letzte Nacht hatte ich mich wieder ruhelos hin-und hergewälzt, ohne den dringend benötigten Schlaf zu finden. Das Gefühl, noch keinen Ort gefunden zu haben, an dem ich ich selbst sein durfte, verdichtete sich kurz vor dem Einschlafen zu einer diffusen, undurchdringlichen Masse des Schmerzes. Wenn ich meine Vergangenheit mit meiner Gegenwart vergleiche, stelle ich fest, dass ich keinen Menschen mehr kenne, mit dem ich über die Dinge sprechen könnte, die mich bewegen. Die brennende Sehnsucht, verstanden zu werden, war kaum auszuhalten und löste sich in einem Tränenstrom, der mich in eine Traumwelt mit erschreckenden und trostlosen Bildern entließ.

Im Klassenzimmer

Ich stehe in einem Klassenzimmer, dessen Stuhlreihen nach hinten ansteigen. Vor mir in der ersten Reihe befindet sich mein leerer Platz, und offenbar habe ich gerade an der Tafel eine Aufgabe gelöst, denn ich will mich wieder setzen. Meine Klassenkameraden tragen goldene, starr lächelnde Masken und betrachten mich. Ich bekomme von meiner Lehrerin eine Aufgabe auf den Tisch gelegt, die viel zu schwer ist und die ich nicht lösen kann. Da sie sehr aufgebracht ist, will ich sie nicht auch noch durch meine Gegenrede provozieren. Ich habe das Gefühl, kaum mehr atmen zu können. Plötzlich ist es sehr wichtig, dass ich ein mir sehr gut bekanntes Mädchen der Klasse vorstelle. Ich sehe sie am Eingang stehen, aber sie ist völlig mit einem braunen Stoff umwickelt, wie er für Mäntel verwendet wird, so dass sie niemand sehen kann. Als ich mehrere Schichten des Stoffes entfernt habe, will ich nach ihrem Kopf greifen. Doch der Stoff ist vollkommen leer, und an der Stelle, an der ihr Kopf sein sollte, befindet sich nur Luft und sonst nichts. Kurz bevor mich das Grauenvolle dieser Szene erreicht, wache ich auf.