Global playing

Der Chaostheorie zufolge löst der Flügelschlag eines Schmetterlings in Argentinien in China einen Taifun aus. Was ist, wenn, wie es im Sprichwort heißt, in Peking ein rostiges Rad umfällt? Verändert sich dadurch die globale Lage? Ich glaube schon.

Früher war es wirklich schön. Wir segelten in eine unbekannte Welt hinaus und gründeten Kolonien. Wieder zuhause ließen wir uns gemütlich vor dem Kaminfeuer nieder, wenn nicht gerade Krieg war, und träumten beim Genuss exotischer Mitbringsel vom edlen Wilden.

Der erste, dem auffiel, dass das eine trügerische Ruhe war, war Goethe. „Amerika, du hast es besser“, seufzte der alte Geheimrat, der Uneinigkeit Europas überdrüssig. Damit hatte er die wirtschaftliche Dynamik Chinas unterschätzt, wie Analysten heute sagen würden. Aber er besaß auch noch keine Aktien von China Online, wie mein Arbeitskollege (danke für den Tipp, übrigens). Er kannte auch die soziale Errungenschaft der 38,5-Stunden-Woche noch nicht. Denn sonst hätte er geschrieben: „China, du hast es besser.“

Globalisierung ist eine tolle Sache. Picklige Manager von Hedgefonds jagen Milliardensummen per Knopfdruck quer über den Erdball und setzen damit die Unternehmen weltweit unter Druck. BOOSH! – 20000 Arbeitsplätze weg. „Ja, Leute, ihr seid nicht mehr wettbewerbsfähig!“ BOOSH! Hauptsache, die Rendite, das Vorstandsgehalt und die Boni stimmen. Man sollte das in den virtuellen Raum auslagern. Oder zur Gewerkschaft gehen.

Bei den meisten Gewerkschaften herrscht derzeit eine Stimmung, die wohl nur ein zitterndes Lämmchen haben kann, das von einem Rudel Wölfe umzingelt ist. Es schreit ganz kläglich „Määähh“ und hofft, dass das etwas hilft. Ich habe es zumindest so erlebt. Dieser Ruf verhallt etwas. Die Kundgebungen, auf denen ich zuletzt war, waren gut besucht. Zumindest von Gewerkschaftsmitgliedern. „Stoiber, Räuber!“ skandierten alle. Ich war glücklich.

Stoiber wütete wie gewohnt. Nur nicht gegen die Demonstranten. Wenn man nicht selbst dabei gewesen wäre, man hätte glauben können, alles wäre ein Spuk gewesen. Keine Zeitungsmeldung erschien, keine Radiomeldung wurde gesendet, kein Fernsehbeitrag schaffte es in die Abendnachrichten. Wenn man sich umsah, blickte man in ganz, ganz lange Gesichter. Eine Resignation machte sich breit, die die immergleichen Mobilmachungsparolen der Gewerkschaft ungerührt an sich abprallen ließ. Uns allen ging auf: „Aha, so läuft das also!“

Damals hatte ich begriffen, warum das mit ein bisschen Straßentheater nicht funktionieren konnte. Ich vertiefte mich in globale Verschwörungstheorien, die mir prompt erste Anhaltspunkte lieferten. Die CIA, der MI5, der Mossad – die üblichen Verdächtigen. Natürlich war es da hilfreich, dass der amerikanische Vizepräsident früher Vorstandsvorsitzender eines erdölproduzierenden Unternehmens war. Jetzt wusste ich endlich, aus welcher Ecke mein tarifvertragliches Unglück kam. Und damit ich daneben nicht so kleinlich aussah, hatte die Verschwörung natürlich globale Ausmaße.

Globalisierung ist eine tolle Sache, ich wiederhole mich nur ungern. Im WorldWideWeb fand ich, was ich suchte: den ultimativen Beweis für die Unterdrückung der Arbeitnehmer durch die Kapitalisten. Stolz präsentierte ich ihn meinen Kollegen, die ebenfalls Gewerkschaftsmitglieder sind: nein danke, kein Bedarf. Wir wollen arbeiten und unsere Ruhe haben. Wenn nötig, auch zu schlechteren Bedingungen. Dann kaufen wir eben kein deutschen Qualitätsprodukte mehr, sondern chinesische Billigimporte. Was soll´s. Verschone uns bloß mit deinen globalen Zumutungen.

Ich glaube, das mit dem Hinaussegeln kann ich weglassen. Ich kann immer noch keine Yacht mein eigen nennen. Nein danke, kein Bedarf. Es sei denn, das mit China Online wird doch noch mal was. So aber starre ich weiter in´s Feuer, eingehüllt in eine Wolldecke, denke über den verhängnisvollen Fehler in meiner Theorie nach und esse dazu original chinesische Glasnudeln. Da kommt mir doch glatt der Verdacht, dass das früher auch schon so gewesen sein könnte…

PS: Dieser Beitrag erschien bereits April 2006 in der Ausgabe 0208 von mindestenshaltbar.net. Hier der Link zum Originalbeitrag.

Datum: Samstag, 10. März 2007 22:03
Themengebiet: Zwischenrufe Trackback: Trackback-URL
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