„Es ist zu Ende!“

Heute stieß ich im Internet auf den Artikel eines jüdischen Journalisten, der in einer kleinen Stadt in Niederbayern alte Gefängniszellen der SS unter einer neu erbauten Berufsschule entdeckte. Auf dem Gelände des heutigen Industriegebiets der Stadt befand sich ein geheimer Testflughafen der Messerschmitt-Werke, auf dem während des Krieges jüdische Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Im Ort traf er überall auf eine Mauer des Schweigens, der Vertuschung und des Vergessens. Als er der Lehrerin, die ihn in die Katakomben der Schule führte, vorschlug, doch die Geschichte dieser Räume zu dokumentieren und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erwiderte sie scharf: „Es ist zu Ende!“, wobei sie den Kopf schüttelte. Und wenig später: „Ja, wir sind alle Söhne und Töchter von Nationalsozialisten, aber wir brauchen einen Neuanfang. Die Bürger der Stadt wissen nicht, was hier passiert ist. Die Ereignisse sind wie ein Schatten. Aber jetzt ist es endgültig vorbei.“ Die Lehrerin war – meine Mutter. Im Übrigen sind die Kellerräume, wie der Journalist bemerkt, erstaunlich gut erhalten und in einem weit besseren Zustand als viele andere historische Gedächtnisstätten des NS-Terrors. Auf einem der Bilder steht an der Wand der Gefängniszelle in Frakturschrift „Gut Holz“. Das waren die letzten Worte, die die Häftlinge lasen, bevor sie in dieser Zelle hingerichtet wurden.

4 Gedanken zu „„Es ist zu Ende!“

  1. Nein, diesen Schuh ziehe ich mir nicht an. Ich habe den Namen der Kleinstadt nicht genannt, weil ich weiter anonym bleiben will und nicht, um meine Mutter zu decken, wie man auch vermuten könnte. Außerdem wird derjenige, der die Augen ein wenig offen hält, sogar auf meinem Blog Hinweise auf jenen besagten Artikel finden. LG, WilderKaiser

  2. Ich bin erst vor kurzem auf dein Blog aufmerksam geworden und kenne deshalb nur einige wenige Beiträge von dir. Aber das wird sich noch ändern. 🙂

    Ich hatte bei Google vergeblich nach näheren Angaben gesucht. Selbst wenn ich die von dir genannte Quelle gefunden hätte, wäre ich vermutlich an meinen armseligen Englischkenntnissen gescheitert.

    Eigentlich wollte ich dir mit meinem obigen Kommentar weniger einen Vorwurf machen als einen Denkanstoß liefern.

    Dass mir dieses Vorhaben gelungen ist, freut mich ebenso wie deine Reaktion.

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