Abschiede

Heute erfuhr ich endlich die Wahrheit über die mysteriöse, nun schon Wochen andauernde Krankheit meines Chefs: er hat einen Tumor, und zwar eine besonders aggressive Variante. Er ist jetzt 10 Jahre älter als ich. Gegenüber meiner Kollegin äußerte er, er gebe sich selbst als Arzt noch maximal 5 Jahre. Dazu passt, dass während seiner krankheitsbedingten Abwesenheit auf Vorstandsebene gerüchteweise Überlegungen angestellt wurden, die halbe Abteilung aufzulösen. Und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die jahrelange Arbeit von mindestens zwei sehr engagierten Kollegen schlicht und einfach umsonst war. Noch sehe ich dem relativ gelassen entgegen. Aber die Neuigkeiten über den Gesundheitszustand meines Chefs haben mich in eine sehr nachdenkliche Stimmung versetzt. Hat er sich so sehr unter Druck gesetzt oder setzen lassen, dass alles andere – Gefühle, Freizeit, Entspannung, Innehalten – auf der Strecke blieb? Das Pensum, das mein Chef sich beruflich und privat aufgeladen hat, entspräche jedenfalls ziemlich genau meiner Vorstellung eines alptraumhaften Lebens. Und am Ende bleibt nicht viel davon übrig, nicht einmal das Gefühl, etwas vom eigenen Leben mitbekommen zu haben. Erst erblickt man das Nichts, das am Ende der persönlichen Bilanz steht, und dann kommt der Tod mit seiner besonderen Form von Gnade. Ich möchte aber auch nicht ausschließen, dass meine Gedanken völlig unangemessen sind, und ich kann mir kein Urteil anmaßen, wenn ich nicht mindestens eine Woche in seinen Mokassins gelaufen bin, um bei einem indianischen Sprichwort zu bleiben. Ich sollte mein Mitgefühl sprechen lassen.

Datum: Donnerstag, 29. März 2007 19:09
Themengebiet: Desorganisation Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. 1

    Das, lieber Gipfelstürmer, ist leider das Problem der meisten von uns. Wir verdienen mehr, erhöhen unseren Lebensstandard – und dann arbeiten wir mehr, um diesen erhöhten Lebensstandard abzusichern. Ein Teufelskreis.

    Und dass dabei Alles, was das Leben lebenswert macht, auf der Strecke bleibt, merken wie erst wenn es zu spät ist.

  2. 2

    Hallo Wilder Kaiser..

    danke für dein kommentar auf meinem Weblog.

    Ich habe nachgedacht über die ganze Idee. Und ich muss gestehen es war eine doofe Idee.

    Ich möchte mich herzlich dafür bedanken, das du meinen beitrag so kritisch betrachtet hast.

    Du hattest Recht.

    Habe mit sofortiger Wirkung die Sache rausgenommen.

    Ich hoffe mein weblog spricht dich an, und würde mich freuen dich als leser auf Memorys wiederzufinden.

    Alexander Stritt

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