Theaterstück

Ich entdecke ein verstaubtes Bücherregal, das mir bisher nicht aufgefallen ist, und werfe einen Blick auf die Buchrücken. Zu meiner Verwunderung handelt es sich um die verlorene Bibliothek meines älteren Bruders. Auf einem Regalboden verdeckt ein Stapel Zeitschriften die Bücher, und ich lege den Stapel auf den Boden. Ein Schauer duchläuft mich: dahinter sind nicht nur Reclam-Ausgaben, die mein Bruder handschriftlich kommentiert hat, sondern auch mehrere Tagebücher. Ich nehme ein gebundenes Notizbuch aus dem Regal und schlage es auf. Sein Einband ist wunderschön gemustert, und im Inneren enthält es eine gedruckte, persönliche Widmung mit schwarzem Rand und einem Foto, die als Beiblatt in die Innenklappe gesteckt wurde. Die Widmung stammt aus dem Jahr 1966 und zeigt auf dem Schwarzweissfoto ein kleines, lächelndes Kind mit blonden Haaren, das eine Latzhose trägt und auf einer Anhöhe steht. Außerdem ist auf der ersten Seite eine kleine, lederne Tasche mit Druckverschluss angebracht, die mit allerlei Krimskrams vollgestopft ist. Ich höre die Stimme meiner Mutter, die sich darüber beschwert, dass mein Bruder noch nie Ordnung halten konnte. Ich finde jedoch keine Notizen meines Bruders. Als nächstes ziehe ich einen zerfledderten Reclam-Band aus dem Regal, der mit mit handschriftlichen Anmerkungen meines Bruder gespickt zu sein scheint. Er enthält zwar Spuren von Bleistifteinträgen, aber alle Anmerkungen wurden fein säuberlich herausradiert. Ich spüre ein leichtes Unbehagen und denke an die emotionale Barriere, die mein Bruder um sich errichtet hat und die schließlich zu seinem Wahnsinn führte. Auf einer malträtierten Seite sehe ich sogar den Abdruck meiner eigenen Handschrift, die die Buchstaben in großen Kringeln ausführt. Bei dem Reclam-Band handelt sich um ein Theaterstück, das wir zwar einstudiert, aber nie aufgeführt haben, und aufgrund dieser Erinnerung finde ich mich plötzlich in den Proben wieder. Im ersten Akt spiele ich einen Connaisseur, der sich mit drei anderen Herren (darunter ist auch mein Bruder, der ebenfalls auf der Bühne steht) unterhält. Im nächsten Akt gebe ich einen faschistischen General in einer grauen Uniform, der eine (orientalische?) Stadt erobert hat und einen Trupp Soldaten auf der Bühne herumkommandiert. Ich trage ein Monokel, Reitpeitsche, Reithosen und Reitstiefel. Und während ich mich selbst aus einer Ecke der Bühne beobachte, denke ich über den Begriff „Teichoskopie“ nach.

MP3-Player

Da mich brennend interessiert, welche Musik ihr auf euren MP3-Playern gespeichert habt, fabriziere ich aus meiner Neugierde ein Stöckchen und werfe es der- oder demjenigen zu, der sich zur Übernahme befähigt fühlt und genügend Zeit investieren kann. Ich selbst mache hier natürlich den Anfang:

1. Elliot Smith: Memory Lane
2. Christina Aguilera: Hello
3. Jethro Tull: Locomotive Breath
4. Aretha Franklin: Respect
5. Eric Clapton: Sunshine of your love
6. Jamiroquai: Virtual Insanity
7. Lou Reed: Women
8. Eric Clapton: Cocaine
9. Jethro Tull: Living in the past
10. The Doors: Riders on the storm
11. Eric Clapton: White Room
12. The Beatles: Fixing a hole
13. The Eagles: Hotel California (Live)
14. Aretha Franklin: Save me
15. Eric Clapton: Strange Brew
16. Hair: Aquarius
17. Eric Clapton: I feel free
18. Lenny Kravitz: Breathe
19. Alan Parsons Project: The Raven
20. The Verve: Lucky Man
21. Abba: Fernando
22. Silje Nergaard: Be still my heart
23. John Dowland: Mrs. White´s Nothing (interpretiert von Hopkinson Smith)
24. Soledad Sacheri: Volver
25. Broadbend/Foster: Wonder why

Die Reihenfolge ist natürlich auch wichtig…“Now, the making of a good compilation tape is a very subtle art. Many do’s and dont’s. First of all you’re using someone else’s poetry to express how you feel. This is a delicate thing.“ Aber das hatten wir ja schon mal.

Warum?

Das ist die Frage aller Fragen, mit der ich früher meine Umgebung so lange traktierte, bis die Gefragten entnervt das Handtuch warfen. Mir konnte das mit den Gründen nie weit genug gehen. Heute noch kann ich es nicht lassen, alles in Frage zu stellen, und erscheine deswegen dem einen oder anderen als Berufsquerulant. (Auch hier zeigte sich also schon die merkwürdige Anhänglichkeit an die Vergangenheit. Und letzten Endes war und ist alles Gegenwärtige irgendwie historisch bedingt.) Ich stelle mir vor, dass ich in der Zukunft als Archäologe meiner eigenen Geschichte aktiv werde und mit Helm, Beleuchtung und Klappspaten in die dunklen Gänge hinabsteige. Das Konzept der Psychoanalyse unterscheidet sich ja nicht wesentlich davon – nur dass man hier vom Analytiker in der Unterwelt geführt wird. Gemeinsam ist uns der Kampf gegen das Vergessen, das mit wachsendem zeitlichen Abstand immer dickere Nebel zwischen uns und jenen Zeitpunkt legt, den wir hinter uns gelassen haben. Auf diese Weise entgleitet uns langsam unser eigenes Leben, und das Schreiben ist unter anderem ein nur bedingt wirksames Heilmittel dagegen. Im Film „The Butterfly Effect“ ist die Kompensation vollständig: der Held liest sein Tagebuch und kehrt daraufhin an den Ort und in die Zeit zurück, die er beschrieben hat, und kann dort einige seiner Entscheidungen revidieren. Das kann ich nicht – ich kann nur die Gründe rekonstruieren, die mich zu der einen oder anderen Entscheidung geführt haben (und ansatzweise jene Gefühle durchleben, die mich damals begleitet haben). Gründe? Eben. Deswegen ein Blog, Tagebücher, Fotos. D., meine erste Freundin, die mir als sanft lächelnde Wiener Lebedame wieder begegnete, erzählte mir von meinen Briefen, die sie immer noch aufbewahrte. Meiner Bitte, mir doch Fotokopien dieser Briefe zu überlassen, stand sie ablehnend gegenüber: „Das fühlt sich für mich nicht richtig an. Wenn ich wieder in Bayern bin, bringe ich sie mit.“ Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen, und auf unsere Beziehung fällt jenes seltsame Zwielicht, das die große zeitliche Entfernung mit sich bringt.

Das Ablaufbecken

Ich bewohne im ersten Stock eines unbekannten Hauses ein Zimmer, das feucht und mit dunklen Rattanmöbeln vollgestellt ist. Im Zimmer sind mehrere Pflanzen verteilt, die ich gießen will. Einige sind bereits halb eingegangen, obwohl ich sie immer genügend mit Wasser versorgt habe. Als ich meinen Kopf nach links wende, sehe ich einen Gummibaum, der sehr fleischige und grüne Blätter trägt. Es ist aber auch keine besondere Kunst, einen Gummibaum zu pflegen, halte ich mir vor. Ich betrete das Badezimmer, um Wasser zu holen, und entdecke anstelle meiner kleinen, blauen Gießkanne eine große grüne, die 10 Liter faßt. Diese Gießkanne muss mir wohl jemand absichtlich hingestellt haben. Die blendend weiße Badewanne ist bis zum Rand mit klarem, eiskaltem Wasser gefüllt, und ich fröstele bei der Vorstellung, darin zu baden. Als ich meine Hand aber an die Stelle lege, unter der sich die Wasserleitungen befinden, fühlt sich die Wanne angenehm warm an. Es gibt also warmes Wasser! Ich tauche die Gießkanne in die Badewanne und bemerke links neben der Wanne ein kleines Ablaufbecken, das in den Boden eingemauert wurde. Offensichtlich sollte hier eine Dusche entstehen, aber das Becken ist völlig falsch gesetzt und befindet sich nun direkt unter der Mansarde. Wo soll denn hier eine Duschkabine Platz finden? Daneben entdecke ich einen dicken Betonwulst, der mit einer himmelblauen Farbe angestrichen wurde. Und während die Badewanne und das Ablaufbecken sehr nobel und teuer wirken, kann ich über den stümperhaften Einbau des Beckens und den Betonwulst nur den Kopf schütteln.

Fünf Lieblingsfilme

Das Zweierpack stellt seine fünf Lieblingsfilme vor, und ich schließe mich gerne an. Es wird sehr eng, denn eigentlich könnte ich gut und gerne 30 Streifen nennen. Aber ich beschränke mich auf fünf, die da wären:

1. Der Herr der Ringe: Trilogie

Eine bildgewaltige Umsetzung des Romans, den ich vor Jahren, als ich das Bett hüten mußte, in einem Zug verschlugen habe. So oder so ähnlich sah auch mein Kopfkino aus, auch wenn die Buchvorlage viel mehr lyrische Passagen und mittelalterliche Patina enthält und Tom Bombadil im ersten Teil wohl dem Cutter zum Opfer fiel.

2. The Matrix

Die rote oder die grüne Pille? Deja-vus? Maschinen und Menschen als deren Energielieferanten? Gut, da würde mir auch erst mal kotzübel werden. Das Schauspielerensemble ist erstklassig, das Skript auch, die Optik berauschend: bleibt nur die Frage offen, was in aller Welt die zwei Fortsetzungen bedeuten sollten.

3. Das wandelnde Schloss

Huch, ein Anime? Ja, und ein sehr gutes obendrein. Ich gebe zu, hier flossen reichlich Tränen. Ja, ich bin ein Mann. Aber diese Geschichte ist so zartbitter erzählt, dass sie unvergleichlich ist. Die Zauberin aus dem Niemandsland, Hauro, Sophie, Rübe, Calcifer – sie alle sind poetische Charaktere und suchen das Glück auf ihre je eigene Weise. Ich darf verraten: es gibt ein Happy End, aber es befriedigt mich nicht. Und dennoch könnte ich den Film in einer Endlosschleife laufen lassen, und er würde nicht langweilig werden.

4. Trainspotting

Die untereinander verwobenen Erzählstränge über fünf Freunde in einem Vorort von Edinburgh gehören zum Lustigsten und Tragischsten, was ich in den letzten zehn Jahren im Kino gesehen habe. Vielleicht ist der erhobene Zeigefinger hier nicht ganz so deutlich wie in der Romanvorlage, aber vieles dreht sich auch hier um Drogen und ihre Beschaffung. Die Dialoge sind jedoch glänzend, und das Feuerwerk der Szenen sorgt immer wieder mal für einen Lacher. Der Film machte Ewan McGregor auf einen Schlag berühmt. Lassen wir Renton, den Protagonisten, einmal zu Wort kommen: „Sag ja zum Leben, sag ja zum Job, sag ja zur Karriere, sag ja zur Familie. Sag ja zu einem pervers großen Fernseher. Sag ja zu Waschmaschinen, Autos, CD-Playern und elektrischen Dosenöffnern.“

5. Dead man

Der Abgesang des Westerngenres wurde von Jim Jarmusch mit so viel liebevoller Ironie und Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt, dass man ihm jede noch so absurde Verwicklung abkauft. Und so stapft Johnny Depp in Schwarz-Weiss und halbtot durch Indianergebiet, während die Gitarre von Neil Young wie ein Rudel Wölfe dazu heult und ihn immer wieder vorantreibt. Als er einen Indianer kennenlernt, begibt er sich auf eine spirituelle Reise, die ihn zum Schluss in einem Kanu auf das offene Meer hinausführt. Aber die Handlung steht nicht so sehr im Vordergrund als vielmehr die sperrige Schönheit des Films, die sich erst langsam erschließt.

Clare Clark: Der Vermesser

Clare Clark Der VermesserClare Clarks Roman „Der Vermesser“ spielt im London des 19. Jahrhunderts und beschwört schon allein deshalb die Erinnerung an Charles Dickens. Aber obwohl das Personal des Romans „Der Vermesser“ ebenso wie bei Dickens zum größten Teil aus der Unterschicht stammt, ist die Erzählung weniger eine detaillierte Studie sozialer Umstände als eine mitreißende Geschichte. Der junge Ingenieur William May, ein Krimkriegsveteran, der bei der Londoner Baubehörde arbeitet, hat die Aufgabe, die Sanierung des maroden Londoner Kanalnetzes voranzutreiben. Die Kanäle ziehen ihn aber auch aus anderen Gründen magisch an: sie sind für ihn dunkle Verstecke, in denen er ungesehen seiner geheimen und verzehrenden Leidenschaft, der Selbstverletzung, nachgehen kann. Er gewinnt durch seine genaue Kenntnis der Materie Ansehen und Respekt innerhalb der Baubehörde. Als jedoch die Vergabe eines Auftrags für die Sanierung des Kanalnetzes von der Leitung der Baubehörde zugunsten eines billigeren, aber qualitativ unbrauchbaren Anbieters forciert wird, widersetzt sich William und setzt dadurch seine Karriere aufs Spiel. Auch die Kanaljäger erhoffen sich ihr Glück im Untergrund Londons. Sie verdienen sich nämlich ihren Unterhalt mit dem, was sie im Kanalnetz finden. Ein einträgliches Geschäft ist das Verkaufen von Ratten, die für Wettkämpfe zwischen Hunden und Ratten in schäbigen Hinterhofkneipen gebraucht werden. Joe und Tom, zwei Freunde, beliefern damit das Black Badger. Tom gabelt dort eines Tages eine Hündin auf, die er „Lady“ nennt und für den Kampf mit Ratten abrichtet. Plötzlich geschieht ein Mord und William May, für verrückt erklärt und von seiner Frau verstoßen, gerät unter Verdacht. Nur Tom kennt die Wahrheit, und es bleibt bis zum Ende hin offen, ob William tatsächlich entlastet und der wahre Mörder gefaßt werden kann. – Nach einem fast schleppend und gemächlich sich entwickelnden Anfang, in dem Williams Erinnerungen an den grausamen Krimkrieg und seine seelischen Verwundungen überzeugend dargestellt werden, treibt die Erzählung zum Ende hin rasant auf ihren Höhepunkt zu, in dem sich die psychologischen und kriminalistischen Motive zu einem atemlosen Finale verdichten. Der Roman pendelt kapitelweise zwischen zwei Polen: einmal das immer gehetztere und von inneren Dämonen aufgepeitschte Leben Williams, und zum anderen die Passagen, in denen über Tom und seine Beziehung zu „Lady“ berichtet wird. Williams Versuch, sich in der bürgerlichen Welt mit einer Familie zu etablieren, scheitert ebenso wie Toms Versuch, sich mit Hilfe seiner Hündin ein Leben ohne Sorgen zu verschaffen. Ich konnte den Roman aufgrund der stimmigen Zeichnung seiner Charaktere und der spannenden Handlung nicht mehr aus der Hand legen, bis ich ihn zu Ende gelesen hatte. Clark ist nicht der Versuchung erlegen, sich allzu sehr auf historisierende Effekte zu verlassen oder sich dokumentarischer Faktenhuberei anzunähern. Im Gegenteil, die Beschreibung Londons als stinkendem Moloch mit seinen dunklen Hinterhöfen, verwinkelten Gassen und schmutzigen Straßen wirkt um so realistischer, je nüchterner und genauer ihre Diktion ausfällt. Ihr ist es gelungen, fesselnde Portraits von Menschen zu schaffen, die in dieser Umgebung um ihre physische und psychische Existenz kämpfen und immer tiefer im Strudel aus Täuschung und Verrat versinken.

Birnen und Äpfel

Manuel Barroso hat Helmut Kohl angesichts seiner Verdienste um Europa für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Ich bin von dieser Idee nicht gerade begeistert. Ich gehe sogar noch weiter und spreche dem Dicken rundweg die Kompetenz ab, die man für eine solche Ehrung braucht. Wenn er damals wegen der Parteispendenaffäre in Beugehaft gekommen wäre, hätte er sich den Preis verdient – wie Nelson Mandela etwa. Aber so fehlen ihm halt ein paar Schlüsselqualifikationen.

Wilder Kaiser on tour

Residenz

Am 22. und 23. Mai halte ich mich hier (naja, nicht ganz, aber im nahegelegenen Kongresszentrum) auf und bette mein Haupt sogar für eine Nacht in die weichen Federkissen des Mühlenhofs im Stadtteil Versbach. Leider werde ich die schönen Seiten dieser Stadt nur für ein paar Stunden am Abend zu Gesicht bekommen.

Hölderlinturm An den Neckar zieht´s mich Anfang September für drei Tage zwecks Hospitation am örtlichen Uniklinikum. Ich freue mich schon darauf, die Stadt und die Umgebung ein wenig näher auszukundschaften und überlege mir ernsthaft, während meines Besuchs ein Fahrrad zu mieten.

Gemischte Gefühle

Warum kippt ausgerechnet dieses sonnige Frühlingswochenende? Warum ist mir nicht ein kleines Quantum Stabilität gegönnt, das ich brauche, um mich sicher zu fühlen? Ein, zwei Jahre würden als Verschnaufpause durchaus reichen. Könnte es nicht einmal so einfach sein wie bei anderen? Statt dessen beschleunigt jetzt auch noch die defekte Waschmaschine den freien Fall meines Kontostands nach unten, von rot nach tiefrot. Und schon wieder tritt diese Belanglosigkeit eine Welle los, die das Potential hat, mir auch noch die letzte Freude am Leben zu vergällen. Ich bin das gegenseitige Aufrechnen von Schuldgefühlen so leid, weil das Ergebnis ja schon feststeht und sich nicht ändert. Ich hoffe, dass ich morgen wenigstens meinen Chef in genießbarer Stimmung antreffe. Aber wenn sich diese Tendenz so fortsetzt, kommt er morgen entweder überhaupt nicht oder fertigt mich in zwei Minuten brutal ab. Ich sehe der Woche also durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen.