Warum?

Das ist die Frage aller Fragen, mit der ich früher meine Umgebung so lange traktierte, bis die Gefragten entnervt das Handtuch warfen. Mir konnte das mit den Gründen nie weit genug gehen. Heute noch kann ich es nicht lassen, alles in Frage zu stellen, und erscheine deswegen dem einen oder anderen als Berufsquerulant. (Auch hier zeigte sich also schon die merkwürdige Anhänglichkeit an die Vergangenheit. Und letzten Endes war und ist alles Gegenwärtige irgendwie historisch bedingt.) Ich stelle mir vor, dass ich in der Zukunft als Archäologe meiner eigenen Geschichte aktiv werde und mit Helm, Beleuchtung und Klappspaten in die dunklen Gänge hinabsteige. Das Konzept der Psychoanalyse unterscheidet sich ja nicht wesentlich davon – nur dass man hier vom Analytiker in der Unterwelt geführt wird. Gemeinsam ist uns der Kampf gegen das Vergessen, das mit wachsendem zeitlichen Abstand immer dickere Nebel zwischen uns und jenen Zeitpunkt legt, den wir hinter uns gelassen haben. Auf diese Weise entgleitet uns langsam unser eigenes Leben, und das Schreiben ist unter anderem ein nur bedingt wirksames Heilmittel dagegen. Im Film “The Butterfly Effect” ist die Kompensation vollständig: der Held liest sein Tagebuch und kehrt daraufhin an den Ort und in die Zeit zurück, die er beschrieben hat, und kann dort einige seiner Entscheidungen revidieren. Das kann ich nicht – ich kann nur die Gründe rekonstruieren, die mich zu der einen oder anderen Entscheidung geführt haben (und ansatzweise jene Gefühle durchleben, die mich damals begleitet haben). Gründe? Eben. Deswegen ein Blog, Tagebücher, Fotos. D., meine erste Freundin, die mir als sanft lächelnde Wiener Lebedame wieder begegnete, erzählte mir von meinen Briefen, die sie immer noch aufbewahrte. Meiner Bitte, mir doch Fotokopien dieser Briefe zu überlassen, stand sie ablehnend gegenüber: “Das fühlt sich für mich nicht richtig an. Wenn ich wieder in Bayern bin, bringe ich sie mit.” Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen, und auf unsere Beziehung fällt jenes seltsame Zwielicht, das die große zeitliche Entfernung mit sich bringt.

Datum: Samstag, 28. April 2007 10:41
Themengebiet: Zeitlinien Trackback: Trackback-URL
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