Algebra am Vormittag

Eigentlich ist es ja eine ganz einfache Rechnung: wenn ich morgens 90 Cent in einem Automatenschlitz entsorge und mir nachmittags noch ein Luxusheißgetränk für 1,85 Euro leiste, komme ich auf arbeitstägliche Koffeinversorgungskosten von 2,75 Euro. Bei 100 Arbeitstagen im Halbjahr (Krankheit, FZA und Urlaub mit eingerechnet) ergibt das die stolze Summe von 275 Euro. Wenn ich mir jedoch eine eigene Maschine (15 bar) für ca. 50 Euro anschaffe und ich pro Tasse und Kapsel 25 Cent ausgebe, habe ich die Investitionskosten nach genau 22 Tagen wieder hereingeholt. Ab diesem Tag spare ich nämlich (ganze 175,50 Euro auf 100 Tage)  und habe im Vergleich zum Automatenkaffe auch eine deutlich bessere Qualität. Und trotzdem konnte ich mich bis vor kurzem nicht dazu durchringen, eine eigene Maschine für das Büro zu erstehen.

Kommunikation

„Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.“ Franz Kafka

Turm XVI Haindl-tarotWarum fällt mir immer wieder gerade dieser Text ein? Ich sehe da einen verborgenen Zusammenhang zwischen den von Kafka beschriebenen Verhältnissen und solchen Erscheinungen wie twitter.com. Das inflationäre Posten von Nachrichten ist ja das glatte Gegenteil von dem, was Kommunikation will. „Ich habe eine Botschaft, und deshalb teile ich sie mit, völlig unabhängig davon, ob sie auch ankommt“, könnte das Motto lauten. Dieses Motiv taucht auch bei Rachel Pollacks Deutung des Turms aus dem Haindl-Tarot wieder auf. Sie schreibt: „Das Bild zeigt uns eine moderne Version des Turms von Babel. … Alle möchten reden, und niemand kann mehr zuhören. Die Menschen stecken Fahnen aus, um sich in der Welt bemerkbar zu machen. In dem runden Turm blickt jedoch jeder nach draußen. Niemand kann den anderen mehr sehen.“

Sting sang gemeinsam mit „The Police“ im Song „Message in a bottle“: „Walked out this morning, dont believe what I saw / Hundred billion bottles washed up on the shore./ Seems Im not alone at being alone / Hundred billion castaways, looking for a home.“ Wahrscheinlich ist es nicht so dramatisch, wie ich es jetzt darstelle. Die Botschaften kommen an, und ein echter Austausch findet statt. Nicht zuletzt deswegen, weil wir glauben, was über unsere Bildschirme flimmert. Es muss ja einen Grund haben.

Vorstellungsgespräch

Im Krankenhaus. Zusammen mit einem OP-Pfleger, den ich kenne, gehe ich zu den Spinden, die seitlich in einem Gang aufgestellt wurden. Mir wird langsam klar, dass ich ebenfalls als Pfleger in der Intensivstation arbeiten werde. Die Station selbst ist als abgetrennter Bereich an einen verglasten Kreuzgang angeschlossen, in dessen Mitte sich Büros und radiologische Untersuchungsräume befinden, die von einer gläsernen Kuppel überwölbt werden. Es dringt nur diffuses und schwaches Licht in die unterirdische Anlage, die mit ihren Glas- und Spiegelflächen wie ein Aquarium wirkt. Irgendwo in diesen Gängen steht auch mein Schreibtisch. Eine einzelne, übrig gebliebene Rechnung zieht meine Aufmerksamkeit auf mich. Was soll ich tun? Telefonieren? Ich bin mir nicht sicher und wandere unentschlossen durch die Gänge, wobei ich einen Kollegen aus der Medizintechnik treffe, der meine Kleidung in gewohnter Manier lautstark und ironisch kommentiert: „Gehörst du jetzt auch zu den Pflegern?“ Dabei fällt mir siedend heiß ein, dass ich mich ja auf eine freie Stelle als Pfleger beworben habe. Als ich gerade auf die Station gehen will, öffnet sich eine der Bürotüren und der Oberarzt der Intensivstation tritt heraus. Er trägt eine Brille, einen Schnauzbart und hält ein Klemmbrett in der Hand. „Halt, Herr T.! Sie will ich auch noch sprechen!“ Weiterlesen

Dicker Fisch an der Angel

Ich soll gemeinsam mit anderen einen gefährlichen Hai fangen und ihn an Land ziehen. Dabei treibt mich die Sorge um, das Tier könne meine Hand abbeißen. Mein Begleiter, der das Unternehmen leitet, zeigt mir, wie man es anstellt, den Hai zu fangen: er rammt einen Angelhaken in sein Fleisch und zieht den Hai an der Leine mit sich. Schließlich gibt er mir die Leine in die Hand und bedeutet mir, den Hai gegen die Strömung einen Kanal aufwärts zu ziehen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das gelingen kann – der Haken erscheint mir sehr klein und die Leine ist zu dünn, um das Gewicht des Hais auszuhalten. Plötzlich gelangen wir in die oberste Etage eines Hochhauses, da mein Begleiter eine wichtige Person sprechen will. Immer noch halte ich die Leine in der Hand und wundere mich darüber. Als ich mich aus einem Fenster lehne und in die Dunkelheit starre, sehe ich einen weiß leuchtenden Fisch, der auf dem trüben, schlammigen Wasser des Kanals schwimmt. Immer wenn ich an der Leine ziehe, bläht er seine Kiemen zu ungeheurer Größe auf. Ich erkenne deutlich jede einzelne Gräte und wende mich erschrocken ab.

PS: Diesen Traum träumte ich irgendwann Mitte April; ich fand ihn gestern nur zufällig in meinem Fundus nicht veröffentlichter Beiträge.

Geschlaucht

In dieser Woche fand ich kaum Zeit für meinen Blog. Hinzu kamen zwei Tage Internetentzug, nach denen ich mir die Frage stelle, welchen zusätzlichen Nutzen eine zweite, virtuelle Realität haben könnte beziehungsweise welche Dinge sie nicht nur abbildet. Ja, Netzwerke, ich weiß. Haha. Egal. Ich besuchte am Dienstag und Mittwoch einen Medizintechnikkongress in Würzburg und musste meine bisherige Ansicht, dass in technischen Berufen eitle Selbstdarsteller weniger stark vertreten sind als in anderen Tätigkeitsfeldern, leider revidieren. Ich konnte aber wirklich gute Gespräche führen und neue Kontakte knüpfen. Ein mir bisher nur dem Namen nach bekannter Techniker eines anderen Krankenhauses in R. begleitete mich auf der Rückfahrt und gab mir einen wertvollen Tipp. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit und Lust, um Würzburg ein bißchen besser kennenzulernen, und so schleppte mich am Mittwoch in der nachmittäglichen Affenhitze durch den Hofgarten der Residenz und die Altstadt, um wenigstens ein paar kümmerliche Beweise meiner Anwesenheit auf die Speicherkarte meiner Kamera zu bannen. Am Donnerstag improvisierte ich eine Schulung für ein kleines Grüppchen neuer Pflegekräfte, die aber gerade wegen der mangelhaften Vorbereitung sehr gut, harmonisch und rund wurde – bis auf die Tatsache, dass mitten in meiner Schulung ein Patientenmonitor ausstieg, dessen Akkukapazität gerade mal für zwanzig Minuten reichte. Ich will nicht verschweigen, dass das bei überwachungspflichtigen Patienten für die begleitenden Pfleger oder Schwestern nicht gerade prickelnd ist. Heute hingegen war mir alles zuviel: Menschen, Wetter, Arbeit, Vergnügen. Darf das? Ja, darf. Ich bin ja kein Perpetuum Mobile. Darum sitze ich jetzt hier bei Kerzenschein, höre Norah Jones und beobachte das heraufziehende Gewitter.

Der Tod und die CD

Beiläufig erfahre ich vom Tod meiner Mutter. Als ich die Nachricht höre, fühle ich mich seltsam leer und betroffen, aber nicht wirklich traurig. Es ist, als würde ein Stück meines Lebens unwiederbringlich zerstört werden. „Meine Mutter? Wie kann das sein?“, frage ich den gesichtslosen Überbringer der Nachricht. Noch vor wenigen Tagen versuchte sie, mir im Krankenbett einen Brief zu schreiben. Leider reichte ihre Kraft nicht mehr aus, um ihn fertigzustellen. Ich sehe das Blatt und eine Zeile ihre typische Handschrift im Traum vor mir, und eine starke Sehnsucht nach ihrer Anwesenheit überschwemmt mich plötzlich. Unvermittelt wird meine Aufmerksamkeit jedoch von etwas anderem beansprucht: ich öffne einen Briefumschlag und ziehe eine CD hervor, auf der sich eine Collage von Elsas lyrischen Texten und einigen Musikstücken befindet. Die CD hat ein rotes Cover, auf dem in großen orangen Buchstaben „Elsas Nacht(b)revier“ steht. Ich nicke anerkennend mit dem Kopf. „Nun hat sie ihr Versprechen eingelöst!“, ist mein erster Gedanke. Der Bitte von einigen anderen anwesenden Personen, die CD abzuspielen, komme ich gerne nach. Ich gehe über eine Treppe in das Erdgeschoß und lege sie in den CD-Player ein. Als ich wieder nach oben komme, schallt es mir entgegen: „Lauter! Wir hören ja gar nichts!“ Wenig später gelange ich in einen Seitenflügel des weitläufigen Hauses, in dem ich mich aufhalte. Dieser Trakt wird von Geistern bewohnt, wie ich aus früheren Träumen weiß. Ich muss eine kleine Abstellkammer absperren und beeile mich, bevor ich wieder Geister zu sehen bekomme. Um so verwunderter bin ich, als ich zwei Freundinnen im Raum sehe, die dort auf dem Boden sitzen und völlig ins Gespräch vertieft sind. Offensichtlich wissen sie nichts von den bösartigen Geistern, und ich frage sie zögerlich: „Kommt ihr zurecht? Darf ich hier absperren?“ Beide nicken unkonzentriert. Als ich die Flügeltüren der Kammer schließe, bemerke ich, dass sie aus schwarzem, glänzendem Ebenholz geschnitzt und mit klassisch-strengen Ornamenten versehen sind.

Haschisch

In einem Raum mit rötlich schimmerndem Holz an den Wänden sitze ich auf dem Sofa und breite meine Utensilien zur Vorbereitung eines Joints vor mir auf dem Couchtisch aus. Ich klebe das Papier zusammen und greife in einen losen Haufen Tabak, der auf dem Tisch liegt. Nur das Haschisch, die wichtigste Zutat, fehlt mir. Als ich einen halb angerauchten Joint aufdrösele, entdecke ich kleine, schwarze Kügelchen, deren Menge ausreichend sein könnte. Als ich auch im losen Tabak ein kleines Stück entdecke, ziehe ich es heraus und drehe es im Licht hin und her. Ich bin von seiner seltsam gemusterten Oberfläche und seiner giftgrünen Farbe irritiert. Ich zögere, es zu verwenden und glaube, dass es schon in geringen Mengen ein heftiges Rauscherlebnis auslösen könnte. Andererseits ist es gerade das, was mich daran so fasziniert.

Verhältnisse

Mein ganzes gegenwärtiges Übel liegt vielleicht darin begründet, dass ich dramatisch weniger Verhältnisse hatte als der Durchschnitt meiner Vergleichsgruppe. (Für Frauen bin ich diesbezüglich wahrscheinlich ein Analphabet.) Nur ein Beispiel aus meinem unerschöpflichen Fundus: ich betete eine Kommilitonin an (deren sprichwörtlich bildhübsches Konterfei immer noch über Google abrufbar ist), aber unternahm keinen einzigen Versuch, das ihr gegenüber in Ton und Farbe und live auszudrücken. Hie und da ein schüchternes Erröten und mittlere Panikzustände, wenn ich sie alleine traf. Sie war nicht nur schön anzusehen, sondern hatte tatsächlich was auf dem Kasten, und ich fand mich in ihrer Gegenwart so bedrückend langweilig, unoriginell und tumb, dass es kaum auszuhalten war. Ab und zu durfte ich schweigend neben ihr einen Kaffee schlürfen. Gut, die Lektüre von Hesses Steppenwolf im zarten Alter von 14 Jahren hatte mich bis ins Mark verdorben – er deutete an, es gebe die Möglichkeit, im magischen Theater alle diese Liebschaften nachzuholen. Gut gebrüllt, Löwe. Und unter welcher Adresse finde ich das jetzt genau?