Verloren gehen

Kafka war ein Realist, der bestehende psychologische Verhältnisse in symbolische Formen kleidete. Seine Erzählung „Der Bau“ illustriert auf schlagende Weise meinen Wunsch, der Welt auf eine Art und Weise verloren zu gehen, die nur ich selbst verstehe, jenseits der Verlockungen des Wahnsinns und des Freitods. Es ist die angemessene Reaktion auf die Enttäuschung darüber, nicht als derjenige erkannt zu werden, der man seinem Wesen nach ist. Jeder, dem ich begegne, pflegt nur seine eigenen Vorurteile über mich und will von der Realität nichts wissen. Nein, das ist kein Vorwurf. Ich fühle nur eine Müdigkeit in mir, deren Ausmaß nicht zu beschreiben ist. Und ich bin es so leid, mich mit den Gedankenwelten anderer auseinanderzusetzen – wenn das Produkt dieser Auseinandersetzung nur die mehr oder weniger geschickt getarnte Demütigung ist. Selbst wenn ich es im günstigsten Licht betrachte, kann ich darin keine Übung in Demut mehr erkennen, sondern nur noch eine Demonstration von Macht und Erpressungpotential: „Ohne mich wärst du ein Nichts!“. Sie soll in die hierarchische Unterordnung münden und in Ritual und Struktur erstarren. Wann und zu welchen Bedingungen die Diskussion beendet ist, legen andere für mich fest. Ich gehöre zur Seite der Befehlsempfänger. Um das, was ich will, zu erreichen – nämlich keine Befehle entgegenzunehmen und keine zu erteilen, also neutral zu bleiben – müßte ich allerdings die Seite wechseln, was ich schlechterdings nicht kann.

2 Gedanken zu „Verloren gehen

  1. Lieber Gipfelstürmer,

    sobald Du Dich selbst erkannt hast, sollte es Dir völlig wumpe sein, wie der Rest der Welt Dich sieht. Gestalte Dein leben, wie du es für richtig hältst und lass Dich nicht von Deinem Weg abbringen. Das Einzige, was zählt, ist dass Du morgens ohne Scham in den Spiegel schauen kannst. der Rest ist eh nur Tand.

    Und wenn Du das tust, wirst Du erstaunt feststellen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die dich so akzeptieren wie Du bist.

    Ich wünsche Dir Glück!

    Und was die Rolle als Befehlsempfänger/geber betrifft: Gibt es keine Möglichkeit, Dich in Deinem Beruf ohne Mitarbeiter selbstständig zu machen? Dann bist du auch im Berufsleben dein eigener Herr, der sich weder schikanieren lassen noch andere scheuchen muss.

    Mir geht es in dieser Rolle ziemlich gut. Auch wenn ich für meine Auftraggeber gelegentlich Texte produzieren muss, auf die ich lieber verzichten würde. Aber wenn’s mir zu schlimm wird, kann ich jederzeit einen Schlussstrich ziehen – sofern ich bereit bin, die finanziellen Einbußen in Kauf zu nehmen.

  2. Die ganze Welt ist ein einziges Machtspiel. In verdammt vielen Formen der Kommunikation geht es um die Frage, wer der Über- und wer der Unterlegene ist, auch wenn das nicht immer offensichtlich ist, sondern über den Energieaustausch vor sich geht. Das ist super in dem Roman „Die Prophezeiungen der Celestine“ von James Redfield dargelegt und meine Beobachtungen bestätigten mir, dass es tatsächlich so ist, sogar bei völlig belanglosen Gesprächen. Einige neigen eher dazu, die Unterlegenen zu sein, und ich glaube, dass sind gerade solche, die sich weigern eine Rolle in diesem Spiel zu spielen oder einfach schlechte Schauspieler sind. Aber sie übersehen dabei, dass sie so oder so eine Rolle spielen, und wenn man sagt, man will nicht spielen, entscheidet man sich für die des Unterlegenen. Selbst wenn man versucht neutral zu bleiben, muss man bestimmte Kniffe kennen seine Energie zu halten, damit man von den rabiateren Typen, die gerne Einschüchterungs- oder sonstige Manipulierungsmethoden anwenden, nicht untergebuttert wird. Und das bedeutet, es gibt kein Enthalten. Wenn man das begriffen hat, kann man sich leichter dafür entscheiden, ab und zu auch auf der anderen Seite mitzuspielen, ohne es allzu wichtig zu nehmen oder den Respekt vor den Mitmenschen zu verlieren. Es ist alles ein großes dramatisches Theater. *gg* Das war jetzt der theoretische Teil. Der praktische Teil sieht so aus, dass ich ebenfalls ein äußerst schlechter Schauspieler bin, aber seit ich versuche, die Sache so wie beschrieben zu sehen und die Theorie in die Praxis umzusetzen, konnte ich einige Fortschritte bemerken. ;o)

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