Das letzte Versteck

Als es klingelte, fuhr er aus einem traumlosen Schlaf hoch. Die Jalousien waren halb herabgelassen und brachen die Strahlen der Sonne. Ein paar Staubflocken tanzten in den Lichtstreifen. Es war früher Nachmittag. Mit einem flüchtigen Blick sah er die zwei hochgewachsenen Polizisten, die am Zaun standen. Sie hatten ihn entdeckt, daran bestand kein Zweifel, und seine Fluchtmöglichkeiten waren begrenzt. Er hatte das im Wissen um die Sicherheit seines Verstecks einkalkuliert. Die schwarze Ledertasche, die in der Ecke glänzte, war mit dicken Bündeln aus Banknoten vollgestopft und würde ihm ein sorgloses Leben garantieren. Wochenlang war nach ihm gefahndet worden, aber das Bild der Überwachungskameras war nicht besonders scharf. Eigentlich war darauf wenig mehr zu erkennen als die Tatsache, dass er einen schwarzen Strumpf über seinem Kopf trug. Alles, was die Polizei gegen ihn in den Hände hatte, war einer seiner falschen Namen. Er wartete noch auf seinen Pass, und dann würde er in wenigen Tagen nach Afrika und von dort weiter nach Südamerika fliegen. Er würde seine Beute nicht sinnlos ausgeben. Vor einigen Tagen hatte er per e-mail das erste Bild seines neuen Domizils erhalten: äußerlich eher bescheiden, aber mit einem riesigen eingezäunten Grundstück am Rande einer kleinen, unauffälligen Siedlung. Noch immer starrte er aus dem Fenster im ersten Stock, während es zum zweiten Mal klingelte. Er mußte etwas unternehmen. Eine Flucht über die Feuertreppe wäre zu waghalsig gewesen, also entschied er sich dafür, die Polizisten unverfroren nach ihrem Anliegen zu fragen. Er schnappte sich seine neue Jacke und lief nach unten. In der Tasche fühlte er das Relief seines alten Ausweises. Seltsamerweise gab ihm das ein Gefühl der Sicherheit, als er aus der Haustüre trat. „Guten Tag, was gibt es denn?“ fragte er unsicher, und einer der Polizisten baute sich vor ihm auf und sagte: „Am Montag ist hier in der Straße in einem Haus eingebrochen worden. Ist Ihnen vielleicht etwas Merkwürdiges aufgefallen?“ Er überlegte fieberhaft, was er antworten sollte. „Nein, hier ist es eigentlich immer sehr ruhig.“ Verdammt! Mußte das sein? „Ruhig.“ Das klang höchst verdächtig. Aber es war ihm einfach so herausgerutscht. Die beiden Polizisten sahen sich an und zogen die Augenbrauen hoch. „Ja, das kriegen wir hier ständig zu hören. Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte bei uns.“ „Ja, das werde ich tun.“ Um dem spröden Eindruck seiner letzten Worte etwas entgegenzusetzen, schob er seine Hand aus der Jackentasche, um sie den Polizisten zur Verabschiedung zu reichen. Dabei zog er seinen Ausweis mit, der kurz durch die Luft trudelte und mit einem lauten Klatschen vor den Füßen der Polizisten landete. Einer der Polizisten bückte sich und hob den Ausweis auf. Als er ihm den Ausweis entgegenhielt, konnte er das Zittern seiner Hand nicht mehr unterdrücken. Er fixierte den Ausweis und nahm ihn halb in die Hand, als der Polizist sagte: „Halt! Sie sind verhaftet!“ und so tat, als wolle er den Ausweis zurückziehen. Seine Augen weiteten sich, er verkrampfte sich und hielt die Luft an. Schließlich gab der Polizist nach, tippte sich schmunzelnd kurz an die Schirmmütze und stieg unter dem meckernden Gelächter seines Kollegen in den Polizeiwagen. Die Flugtickets auf seiner Kommode erschienen ihm später wie ein Traum, und er spielte kurz mit dem Gedanken, sich zu stellen.

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