Vorstellungsgespräch

Im Krankenhaus. Zusammen mit einem OP-Pfleger, den ich kenne, gehe ich zu den Spinden, die seitlich in einem Gang aufgestellt wurden. Mir wird langsam klar, dass ich ebenfalls als Pfleger in der Intensivstation arbeiten werde. Die Station selbst ist als abgetrennter Bereich an einen verglasten Kreuzgang angeschlossen, in dessen Mitte sich Büros und radiologische Untersuchungsräume befinden, die von einer gläsernen Kuppel überwölbt werden. Es dringt nur diffuses und schwaches Licht in die unterirdische Anlage, die mit ihren Glas- und Spiegelflächen wie ein Aquarium wirkt. Irgendwo in diesen Gängen steht auch mein Schreibtisch. Eine einzelne, übrig gebliebene Rechnung zieht meine Aufmerksamkeit auf mich. Was soll ich tun? Telefonieren? Ich bin mir nicht sicher und wandere unentschlossen durch die Gänge, wobei ich einen Kollegen aus der Medizintechnik treffe, der meine Kleidung in gewohnter Manier lautstark und ironisch kommentiert: „Gehörst du jetzt auch zu den Pflegern?“ Dabei fällt mir siedend heiß ein, dass ich mich ja auf eine freie Stelle als Pfleger beworben habe. Als ich gerade auf die Station gehen will, öffnet sich eine der Bürotüren und der Oberarzt der Intensivstation tritt heraus. Er trägt eine Brille, einen Schnauzbart und hält ein Klemmbrett in der Hand. „Halt, Herr T.! Sie will ich auch noch sprechen!“ Dabei sieht er mich über den Rand seiner Brille scharf an. Gut, ich warte also noch eine Weile. Inzwischen füllen sich die Gänge. Anfänglich halte ich diese lärmenden Grüppchen für Besucher und schenke ihnen keine Beachtung. Viel mehr beschäftigt mich die Frage, wie mein Chef wohl reagieren wird, wenn er erfährt, dass ich mich auf die Stelle eines Pflegers beworben habe. Wahrscheinlich sitze ich im Vorstellungsgespräch dem Pflegedirektor gegenüber, der mir ebenfalls vorwerfen wird, mein Projekt, an dem ich gerade arbeite, im Stich zu lassen. Noch dazu bin ich mir nicht sicher, ob ich die richtige Qualifikation besitze. Theoretisch verstehe ich zwar etwas von der Pflege, aber praktisch hatte ich noch nie Kontakt mit einem Patienten. Oder soll ich die Erfahrungen, die ich im Zivildienst gesammelt habe, anführen? Das erscheint mir als Argumentationslinie etwas schwach. Ich werde nach und nach nervöser. Um mich abzulenken, setze ich mich in einem Nebenraum auf eine Sitzbank. In diesem Raum gibt es eine riesige weiße Badewanne, in der sich bestimmt fünf oder sechs Leute gleichzeitig aufhalten können – vielleicht ein kleines Schwimmbecken für die Physiotherapie. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Intensivpatienten dieses Becken nutzen können. Nach einer endlosen Zeit höre ich wieder die Stimme des Oberarztes auf dem Gang. Ich gehe kurz hinaus und bemerke, dass zuerst die Personen, die ich anfänglich für Besucher gehalten hatte, aufgerufen werden. Es kann also noch ewig dauern, bis ich an der Reihe bin.

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