Kommunikation

„Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.“ Franz Kafka

Turm XVI Haindl-tarotWarum fällt mir immer wieder gerade dieser Text ein? Ich sehe da einen verborgenen Zusammenhang zwischen den von Kafka beschriebenen Verhältnissen und solchen Erscheinungen wie twitter.com. Das inflationäre Posten von Nachrichten ist ja das glatte Gegenteil von dem, was Kommunikation will. „Ich habe eine Botschaft, und deshalb teile ich sie mit, völlig unabhängig davon, ob sie auch ankommt“, könnte das Motto lauten. Dieses Motiv taucht auch bei Rachel Pollacks Deutung des Turms aus dem Haindl-Tarot wieder auf. Sie schreibt: „Das Bild zeigt uns eine moderne Version des Turms von Babel. … Alle möchten reden, und niemand kann mehr zuhören. Die Menschen stecken Fahnen aus, um sich in der Welt bemerkbar zu machen. In dem runden Turm blickt jedoch jeder nach draußen. Niemand kann den anderen mehr sehen.“

Sting sang gemeinsam mit „The Police“ im Song „Message in a bottle“: „Walked out this morning, dont believe what I saw / Hundred billion bottles washed up on the shore./ Seems Im not alone at being alone / Hundred billion castaways, looking for a home.“ Wahrscheinlich ist es nicht so dramatisch, wie ich es jetzt darstelle. Die Botschaften kommen an, und ein echter Austausch findet statt. Nicht zuletzt deswegen, weil wir glauben, was über unsere Bildschirme flimmert. Es muss ja einen Grund haben.

3 Gedanken zu „Kommunikation

  1. „Alle möchten reden, und niemand kann mehr zuhören.“

    Ein Satz, in dem meiner Meinung nach viel Wahrheit steckt.

    Die Hoffnung, sich mit eigenen Worten „Gehör“ zu verschaffen, dient vermutlich auch zahlreichen Bloggern als Antrieb zum Schreiben.

  2. Das erinnert mich an einen kurzen Text, den ich einmal geschrieben habe. Die durcheinanderplärrenden Stimmen der Kommunikations- und Informationsgesellschaft bezeichnete ich dabei allerdings als „Posaunen von Jericho der Neuzeit“…

    Es ist eine Tretmühle. Weil die anderen ihre Meinung herausschreien, glaubt man selbst, sie übertönen zu müssen, und übersieht vor lauter Anstrengung die wenigen, die still dasitzen und zuhören wollen. Der Lärm steigert sich ins Unermessliche, und kein einziges Wort ist mehr zu verstehen. Auf Dauer geht es deshalb nur noch darum, „Attitüde zu zeigen“, und nicht mehr um Sinnvermittlung.

    Dachte ich mir damals…

  3. Ich hoffe nicht, dass es eine Tretmühle ist und sich städnig selbst steigert. Obwohl, wenn man es genau betrachtet, kann man sich da nicht so sicher sein. Die berühmten 5 Minuten Ruhm, um die sich jeder bemüht, sind wahrscheinlich das einzig verbliebene Mittel, um sich deutlich sichtbar herauszuheben, und dieses Konzept ist so schreiend falsch, unecht und gezwungen, dass es weh tut. Auch und gerade hier in der Blogwelt.

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