Beiträge vom Juni 2007

Prämissen

Samstag, 30. Juni 2007 17:40

Ich bin mal wieder besserwisserisch – wider besseres Wissen. Aber viele Interaktionen laufen nach einem Schema ab, das ich gerade in meiner näheren Umgebung immer wieder beobachten kann. Es geht in aller Kürze darum, wie man in einer auf Erfolg frisierten Welt mit dem Misserfolg umgeht.

Da ein Scheitern aufgrund der eigenen Unzulänglichkeit ausgeschlossen ist, müssen es andere Einflüsse sein, die die eigenen Anstrengungen vereitelt haben. Diese Haltung führt in Widersprüchlichkeiten, die so augenfällig sind, dass sie von außen betrachtet lächerlich wirken. Man begreift als Außenstehender oft gar nicht, wie man in eine Sackgasse laufen und sich darüber beschweren kann, dass die Widerstände zu groß werden. Man sieht von außen die Prämissen und kann das negative Ergebnis bereits mit simplen Überlegungen und ein wenig common sense vorwegnehmen. Wenn man selbst eingreifen und dem Sich-Verirrenden einen Ausweg zeigen will, erlebt man völlig überraschend einen Ausbruch an Aggressivität, der sich in regelrechten Mordphantasien entlädt. Warum? In jeder kleinen, banalen Gelegenheit wird die Möglichkeit eines allumfassenden Guten gesehen, das über einen kommen soll – und selbst die offensichtlichste Täuschung wird geleugnet, geschönt, verdrängt. Man ergreift jeden sich bietenden Zipfel des Glücks, selbst wenn er zu Atomen zerfällt, ja selbst die Atome haben noch Potential in sich, und so gräbt man immer weiter und erbaut sich gleichsam sein eigenes Fluchtlabyrinth aus toten “Wenn”. Jedes dieser “Projekte” wird anfangs von einem euphorischen Überschwang begleitet, der sich leichtfüßig und mild-sarkastisch lächelnd über die warnenden Stimmen erhebt. Wenn man allerdings einsehen muss, dass Begeisterung und Euphorie nicht ausreichen, um zu Ergebnissen zu kommen, ja dass im Gegenteil nüchterne strategische Entscheidungen und taktische Abwägung gefragt gewesen wären, deren Zeit längst verstrichen ist, beginnt man die mahnenden Stimmen zu hassen und versucht, sich ihrer zu entledigen. Jede Kritik ist dann sofort bösartige Häme und Ausdruck destruktiven Willens.

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Listendingens

Donnerstag, 28. Juni 2007 19:56

Was ich zur Zeit so mache, ist stichpunktartig Folgendes:

  • Patienten als nichtärztlicher Mitarbeiter verlegen lassen
  • Der gehobene Termindreikampf: Anruf, Zettel, Outlook
  • PDA spazierenführen
  • Psychologische Beratung respektive Kriegsführung
  • Ein Lacher pro Termin, und mein Soll ist erfüllt
  • Gefährliche Chefsympathien erwecken
  • Überall gleichzeitig sein
  • Das Chaos im Büro ignorieren

Bin ich jetzt voll in die Erfolgsfalle getappt? Dass ich so gefordert und eingespannt werde, ist ja an sich ein gutes Zeichen, aber momentan eben auch superstressig. Zuhause kollabiere ich dann vor dem Rechner. Ich schaffte es dann nicht einmal mehr, mich rechtzeitig von meiner Kollegin zu verabschieden, die heute ihren letzten Tag hatte. Es wird Zeit, dass der Vogel endlich landet.

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Essen

Donnerstag, 28. Juni 2007 19:24

Essen ist ein durchaus intimer Akt, dessen öffentliche Zurschaustellung leicht exhibitionistisch wirkt. Das Sich-Einverleiben kann auch als Selbstvergewisserung durch Zerstörung und Umwandlung gesehen werden. Ich werde mehr und nehme zu, indem ich etwas in meinem Schlund verschwinden lasse. Interessant dabei ist, dass der für die Nahrungsaufnahme zuständige Mechanismus des Kauens und Schluckens auch für die Sprache verwendet wird. Auf der ätherischen, gleichsam höchsten Stufe der Kommunikation, der Sprache, wird etwas mitgeteilt, was im Aufteilen des Essens seine Entsprechung findet. Im Kern geht es um die Botschaft, dass die Furcht vor dem Alleinsein und der drohenden Überwältigung durch unbekannte Mächte durch die lebendige Anwesenheit der anderen gemildert wird. Das gemeinsame Essen hat insofern etwas, das die Unterschiede weitgehend nivelliert. Dennoch bleibt das Geschäftessen ein Widerspruch in sich. Auch bei einem zu großen sozialen Gefälle will sich das Erlebnis der Gemeinschaft beim Essen nicht so recht einstellen. Die Tischgenossen sollte man also sorgfältig auswählen, wenn man Ernüchterung und Entfremdung vermeiden will. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der gemeinsame, ritualisierte Genuss mehr verbindet, als man auf den ersten Blick für möglich halten würde.

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Der Veteran und seine Erbschaft

Sonntag, 24. Juni 2007 11:14

Mein Großvater mütterlicherseits war, wie ich schon einmal an anderer Stelle schrieb, dem Wüstenfuchs in die staubigen Hügel Nordafrikas gefolgt, um schließlich bei El Alamein von den Briten gefangengenommen zu werden und den Rest des Krieges im Schatten der Pyramiden zu verbringen. Aus dieser Zeit stammte wohl auch seine lebenslange Vorliebe für die Zigarettenmarke “Camel”, deren Packung sowohl das Beige der Wüste wie auch die Pyramiden zeigte. Eines Tages wollte mein Großvater nach getaner Arbeit ein Bad im großelterlichen Haus nehmen, fiel dort, wie vom Blitz getroffen, um und war trotz umfassender notärztlicher Bemühungen nicht mehr zum Leben zu erwecken. Welche tiefe emotionale Bindung zwischen meinem Vater und meinem Großvater bestanden haben mußte, bewies die Tatsache, dass mein Vater kurz nach der Trauerfeier mit gerade mal 40 Jahren einen tückischen Hinterwandinfarkt hatte und dem Tod gerade noch von der Schippe sprang. Immer wenn von meinem Großvater gesprochen wurde, brachte man allenthalben großen Respekt vor seiner diszplinierten, ich möchte fast sagen manischen, Arbeitsleistung zum Ausdruck (“Arbeitsschwein” – mein älterer Bruder über meinen Großvater), während meine Großmutter das gut bestellte Ackerland nach und nach zu Spottpreisen losschlug, in ihren Schränken immer größere Vorräte an Stoffen, Kleidern und Schmuck anhäufte und die Enkel mit kleinen Geldgeschenken für sich einnahm. Der lange schwelende Konflikt zwischen meinem Vater und meiner Großmutter entlud sich eines Tages ziemlich heftig, als meine Großmutter einen Wäschekorb voll mit Handtüchern und Vorhangstoffen bei meinen Eltern vorbeibringen wollte. Den Erzählungen meiner Mutter nach packte mein Vater den Wäschekorb, schleuderte ihn voller Zorn zurück über die Hecke auf das Grundstück meiner Großeltern und brüllte meine Großmutter an: “Wir brauchen deine Wäsche nicht! Verschwinde! Du hast hier ab sofort Hausverbot!” Daraufhin entschloss sich meine Großmutter, das großelterliche Anwesen zu verkaufen. Sie tat das nicht ganz freiwillig, sondern weil sie die Vertreter der örtlichen Sparkasse nachdrücklich an die roten Zahlen erinnerten, die nicht aufhörten, zu wachsen und so dick und rund zu werden wie meine Großmutter. Ab dem Zeitpunkt des Verkaufs übernahmen die Anwälte die Regie und schrieben Briefe, die vor bitterem Hohn und gegenseitiger Verachtung nur so trieften. Da die Forderung meiner Mutter, ihr Erbe, das bereits mit einem Grundstück abgegolten war, noch auszuweiten, sich zunehmend ins Lächerliche auswuchs, schlief dieser Streit nach einigen Monaten wieder ein, obwohl er durch die hell lodernde Wut meines Vaters immer wieder neu angeheizt wurde. Meine Großmutter, die den Verlust ihrer Repräsentationsmöglichkeiten als bitteren Verlust empfand, richtete sich dennoch in ihrer neuen Wohnung ein und hielt bei Familienfeiern Hof wie nur irgendeine russische Großfürstin. Ihr Herz schlug für das sündhaft teure Schlafzimmer aus Nußbaumholz und die Tischdecke mit Goldborte, die ihr den schwachen Trost gewährten, “es zu etwas gebracht zu haben” und nicht völlig unbedeutend zu sein. Andere Menschen spielten in diesem Universum aus Selbstmitleid nur eine Nebenrolle – außer sie waren in irgendeiner Art und Weise bedeutend und der Umgang mit ihnen konnte dazu verwendet werden, im Gespräch zu beeindrucken.

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Die Welle der Wiedergeburt

Montag, 18. Juni 2007 19:45

SchattenIm Hallenbad treffe ich mehrere Menschen, aber bis auf das lästige Gefühl, unentwegt von Menschen und seltsamen schwarzen Meerjungfrauen verfolgt zu werden, kann ich mich kaum deutlich an Einzelheiten erinnern. Einmal springe ich vom Beckenrand in das Wasser und verlasse kurz darauf bereits wieder das Hallenbad. Ich gehe eine steil ansteigende Rampe hinauf, die in einen rundum verglasten Durchgang mündet. Das nächste Fragment beginnt in einem Lokal. Ein Mitglied der früheren Theatergruppe stellt in der Runde die Frage, wohin denn ein bestimmter, teurer Bildband verschwunden sei. Ich äußere die Vermutung, dass es nur zwei Leute sein könnten, nämlich S. und R., bei denen der Bildband wahrscheinlich zuhause herumliege. Als ich kurz darauf nachsehen will, stehe ich plötzlich im Jugendzimmer meines älteren Bruders. Der Raum ist ein Spiegelbild seiner zerrissenen Seele: die Schranktüren stehen offen und Kleidung liegt überall verstreut herum. Insgesam hat der Raum eine dunkle und kalte Ausstrahlung. Die nächste Szene führt mich auf eine Ebene vor der Stadt. Halblaut stelle ich die Frage, wozu die vorhergenden raschen Szenenwechsel dienen sollten. Alles, was ich beobachtet hatte, war ein Kampf zwischen Göttern und Dämonen. “Nun”, sagt eine dunkle, tiefe Stimme, “sie wollten vermutlich das hier verhindern.” Die Stimme hat keine Gestalt, dennoch sehe ich ihre ausgebreiteten Arme, mit denen sie sich dem Himmel zuwendet. Ich drehe mich um und sehe, wie der Himmel aufreißt und tausende schwarzer Punkte herausströmen, die rasch näherkommen. Es sind Seelen, die wiedergeboren werden. Sie fliegen als unbestimmte weiße Schatten heran und durch mich hindurch. Einen kurzen Augenblick lang spüre ich die Gegenwart jeder einzelnen Seele und erfasse ihr individuelles Schicksal im Bruchteil einer Sekunde. Hinter mir ist ein Bildschirm aufgestellt, auf dem die Akten und Karteikarten dieser Menschen in einer unglaublichen Geschwindigkeit hintereinander durchrasen. Es ist fast wie bei einem Suchlauf der Polizei, wo in der Datenbank ein bestimmtes Gesicht gesucht wird und alle Gesichter in schneller Abfolge auf dem Bildschirm erscheinen – nur dass hier jedes einzelne Gesicht zählt. Ansschließend verpacke ich die DVD, die die Daten all dieser Menschen enthält, in ein Stück grauen Karton, klebe die Hülle zu und reiche das kleine Paket sorgfältig verschlossen meiner Begleiterin, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte. “Pass gut darauf auf”, sage ich zu ihr, “und gib sie niemandem, außer ich selbst verlange sie wieder zurück.” “Und wie soll ich wissen, dass du es bist?”, fragt sie zurück. Sie hat Recht. Ich hatte nicht bedacht, dass sich jedes beliebige Wesen in meine Person verwandeln könnte. Wir müssen irgendein Zeichen vereinbaren. Unmittelbar im Anschluss an diese Überlegung höre ich ein Geräusch wie von einem Reißverschluss und fahre in Schweiß gebadet hoch.

Bild: Photocase

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Wer nichts wird…

Samstag, 16. Juni 2007 18:08

…wird (Fach)-Wirt. Die Anmeldeunterlagen für die Weiterbildung liegen nach der heutigen Informationsveranstaltung jedenfalls auf meinem Schreibtisch. Und natürlich bereiten mir vor allem die Finanzierung und der Nachweis meiner beruflichen Qualifikation Sorgen. Die finanzielle Seite könnte ich im Idealfall über einen Antrag auf Leistungen nach dem AFBG abdecken. Aber wie soll der Nachweis meiner beruflichen Qualifikation aussehen? Ich habe keinen Plan und hoffe, vom Anbieter der Weiterbildung ein paar Tipps zu bekommen. Vielleicht stellt sich alles als wesentlich unproblematischer heraus, als es jetzt den Anschein hat. Wenn es mit der Zulassung und Finanzierung klappt, bin ich jedenfalls für die nächsten zwei Jahre samstags ausgebucht, und unter der Woche darf ich mich zum Lernen hinsetzen. Aber an der Weiterbildung führt kein Weg vorbei, wenn ich nicht auf ewig vertanen Chancen hinterhertrauern will.

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Aus dem Prolog

Freitag, 15. Juni 2007 23:28

Aus dem Prolog eines begonnenen und nicht zu Ende geführten Romanprojekts stammt der folgende Text:

Als die alten Götter, aus allen Wunden blutend und verfolgt von einer Horde mordgieriger Menschen, auf ihrer Flucht in ein stilles Tal kamen, versammelten sie sich im Kreis um eine Feuerstelle, an der einer von ihnen ein Feuer entfacht hatte. Schweigend hüllten sie sich in ihre zerrissenen Mäntel; schließlich erhob sich der erste und sprach: “Lasst uns hier einen Ort schaffen, an dem sich der Neid, die Missgunst und der Hass nicht niederlassen können. Niemand soll von hier weggehen mit einem Schatten auf der Seele und jeder glücklich nach dem Besuch an diesem Ort in sein Leben zurückkehren.” Sie reichten sich die Hände und blieben noch eine Weile am Feuer sitzen, bis sich einer nach dem anderen in das schon angebrochene Dunkel zurückzog.

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Der Klavierspieler

Freitag, 15. Juni 2007 15:19

Ab und zu baut sich im Leben eine gewisse Spannung auf, die sich zunächst als bleierne Langeweile tarnt, um sich irgendwann als Halbkatastrophe um so heftiger zu entladen. Ich war 14, als ich eines Tages beschloss, meinen fünf Jahre älteren Bruder, der sich nur noch selten bei uns zu Hause blicken ließ, in der Stadt zu besuchen. Es war eine jener spontanen Ideen, von denen niemand sagen kann, woher sie kommen. Nüchtern betrachtet war es nichts als verschwendete Zeit; ich wußte ja nicht einmal, wo sich mein Bruder herumtrieb. Dennoch setzte sich die Idee so hartnäckig fest, dass ich mich auf das Fahrrad schwang und einfach losfuhr. Ich steuerte zunächst das Gymnasium an, das mein Bruder besuchte. Das Gebäude lag vollkommen verlassen da und war verschlossen – nichts Außergewöhnliches an einem Samstag. Ich dachte mir, dass das nichts heißen müsse, und suchte nach einem Eingang, um in das Innere des Gebäudes zu gelangen. Ich rüttelte an den Türen, und eine der Türen war tatsächlich offen – ich sah das zerschlagene Glas des roten Kästchens, und der Platz, an dem normalerweise der Schlüssel für die Tür hing, war leer: es sah nach einem etwas groben Schülerstreich aus. Ich ging einfach durch den Gang bis zur Aula. Ein wenig kannte ich mich ja aus, und durch die vollkommene Stille war mir mittlerweile auch klar, dass sich keine Menschenseele im Gebäude aufhielt und ich alleine war. Ich ging weiter zum Musiktrakt des Gymnasiums und entdeckte in einem der Musikräume einen Flügel, der mich sofort magisch anzog. Wie in Trance öffnete ich die Abdeckung der Klaviatur, setzte mich hin und begann zu spielen. Viel zu selten kam ich in den Genuss, auf einem gestimmten Flügel zu spielen und die wenigen Musikstücke, die ich ohne Noten spielen konnte, als reine, klangliche Gebilde zu erleben, die völlig unabhängig von ihrer physikalischen Grundlage im Raum schwebten. Das ursprüngliche Ziel, meinen Bruder zu treffen, hatte ich vergessen. Ich war wie besessen von dem Wunsch, am nächsten Tag noch einmal mit meinen Noten wiederzukommen. Und tatsächlich fuhr ich auch am nächsten Tag wieder zur Schule, nahm den Weg über die offene Seitentür und spielte wieder Klavier. Gerade als ich eine Sonate von Clementi begonnen hatte, nahm ich aus den Augenwinkeln einen Schatten im Fensterrahmen wahr, der bedrohlich schnell näherkam. Ich unterdrückte einen Schrei, packte meine Noten zusammen und versuchte zu fliehen. Aber ich war zu langsam, und in der Aula fing mich der Hausmeister ab. Er wollte zwar die Polizei verständigen, aber da ich ihm freiwillig und ohne langes Zögern meine Adresse und Telefonnummer gab, verzichtete er darauf. Meine Eltern waren äußerst wütend, als ich zuhause ankam, und auch mein Bruder geriet deswegen an seiner Schule unter Druck. In den letzten Wochen waren nämlich mehrere teure Musikinstrumente verschwunden, und bislang konnte der Dieb noch nicht ermittelt werden. Fiebrig und krank schleppte ich mich einige Zeit nach diesem Vorfall zu einem Kreuzverhör mit dem stellvertretenden Direktor der Schule, der ein kleingemustertes, grünes Sakko trug, penetrant nach Rasierwasser roch und mich kaum zu Wort kommen ließ. Letzten Endes schlitterte ich um eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gerade noch so herum, und das auch nur deswegen, weil sich einer der Lehrer an dieser Schule, der jahrelang bei uns in der Nachbarschaft gewohnt hatte, so vehement für mich einsetzte. Der Dankbarkeitsbesuch bei ihm einige Jahre später war an Peinlichkeit und Absurdität kaum zu übertreffen.

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Quo vadis, SPD?

Sonntag, 10. Juni 2007 12:33

Blogkarneval kleinVertrauensverlust bei den Wählern, rasanter Mitgliederschwund, wenig profiliertes politisches Personal: keine Frage, die Situation der SPD ist derzeit wenig erfreulich. Selbst von der eher müden Performance des Koalitionspartners und dem Hauen und Stechen bei den Christsozialen kann sie kaum profitieren. Wie auch: die CDU ist immer schon da, wo die SPD erst hinwill und gewinnt immer mehr an sozialer Kompetenz – so wie in der Familienpolitik. Aber was sind die Gründe für die Krise der SPD? Zunächst bleibt festzustellen, dass die Regierungszeit unter Kanzler Schröder der SPD weitaus mehr geschadet hat als sie selbst sich das eingestehen will. Der lange Schatten Schröders legt sich wie Mehltau über alle politischen Projekte der SPD und hemmt die Hoffnungen auf einen Neuanfang. Der Vertrauensbruch mit der klassischen SPD-Klientel, von Schröder aus vielerlei Gründen gesucht und mit aller Härte vollzogen, ist noch lange nicht verziehen und treibt die Wähler in Scharen in die Arme der Protestparteien am linken und rechten Rand. Dass die Verschmelzung der WASG mit der Linkspartei nun so überraschend schnell vonstatten geht, zeigt ganz deutlich, dass in diesem Spektrum noch Potential vorhanden ist und die neue Partei vor Kraft kaum laufen kann. Das Bild vom allgegenwärtigen und fürsorglichen Sozialstaat, das Kohl eindrucksvoll verkörperte und einst ungeheure Anziehungskraft besaß, wurde durch die Ökonomisierung der Politik unter Schröder ins Gegenteil verkehrt. Noch deutlicher: am Ende des Wiedervereinigungsprozesses stand Hartz IV. weiterlesen

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Wattn und Schafkopfen

Samstag, 9. Juni 2007 19:03

Beim Wattn gibt es drei Haupttrümpfe: den Max, den Belle und den Soach. Belle ist auch ein anderes Wort für den Kopf: “Baas auf dein´n Belle af!” heißt soviel wie: “Stoss dich nicht mit dem Kopf!” – wörtlich: “Pass auf deinen Schädel auf!”. Das Wattn ist, wie richtig vermutet, ein bayerisches Traditionsspiel. Hauptziel ist es, die gegnerische Partei möglichst einfallsreich über den Tisch zu ziehen. Es dient daher in erster Linie zur geselligen Unterhaltung und entgleitet ab und zu in das schenkelklopfende, krachlederne Milieu. Advanced bavarians spielen Schafkopfen und verachten Hauben, Maschinen und Eisenbahner. Wenn also in einem Wirtshaus vier gestandene Mannsbilder schweigend, mit verkniffenen Gesichtern und Karten in der Hand um einen Tisch sitzen, spielen sie meistens Schafkopf. Wenn der Bayer denkt, sagt er nichts. Beim Schafkopfen muss der Bayer viel denken, weil er, ausgehend von seinem Blatt und dem Spiel der anderen, die Karten der Mitspieler richtig vorhersagen muss. Es entsteht dabei eine solche Informationsdichte, dass die Verarbeitungskapazität strukturell bedingt schnell an ihre Grenzen stößt. Dieser Widerspruch zwischen gemeinsamem Tun, nämlich Schafkopfen, und Reduzierung der Kommunikation könnte schlichtere und weniger philosophisch veranlagte Gemüter zum Lachen reizen. Tatsache ist auch, dass sich unter den Schafkopfspielern überproportional viele Männer finden, was logisch sehr leicht nachvollziehbar ist. Zusammen mit ihrem übermäßigem Weißbierkonsum haben diese Männerrunden nämlich eine leicht pittoreske Anmutung.

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