Prämissen

Ich bin mal wieder besserwisserisch – wider besseres Wissen. Aber viele Interaktionen laufen nach einem Schema ab, das ich gerade in meiner näheren Umgebung immer wieder beobachten kann. Es geht in aller Kürze darum, wie man in einer auf Erfolg frisierten Welt mit dem Misserfolg umgeht.

Da ein Scheitern aufgrund der eigenen Unzulänglichkeit ausgeschlossen ist, müssen es andere Einflüsse sein, die die eigenen Anstrengungen vereitelt haben. Diese Haltung führt in Widersprüchlichkeiten, die so augenfällig sind, dass sie von außen betrachtet lächerlich wirken. Man begreift als Außenstehender oft gar nicht, wie man in eine Sackgasse laufen und sich darüber beschweren kann, dass die Widerstände zu groß werden. Man sieht von außen die Prämissen und kann das negative Ergebnis bereits mit simplen Überlegungen und ein wenig common sense vorwegnehmen. Wenn man selbst eingreifen und dem Sich-Verirrenden einen Ausweg zeigen will, erlebt man völlig überraschend einen Ausbruch an Aggressivität, der sich in regelrechten Mordphantasien entlädt. Warum? In jeder kleinen, banalen Gelegenheit wird die Möglichkeit eines allumfassenden Guten gesehen, das über einen kommen soll – und selbst die offensichtlichste Täuschung wird geleugnet, geschönt, verdrängt. Man ergreift jeden sich bietenden Zipfel des Glücks, selbst wenn er zu Atomen zerfällt, ja selbst die Atome haben noch Potential in sich, und so gräbt man immer weiter und erbaut sich gleichsam sein eigenes Fluchtlabyrinth aus toten „Wenn“. Jedes dieser „Projekte“ wird anfangs von einem euphorischen Überschwang begleitet, der sich leichtfüßig und mild-sarkastisch lächelnd über die warnenden Stimmen erhebt. Wenn man allerdings einsehen muss, dass Begeisterung und Euphorie nicht ausreichen, um zu Ergebnissen zu kommen, ja dass im Gegenteil nüchterne strategische Entscheidungen und taktische Abwägung gefragt gewesen wären, deren Zeit längst verstrichen ist, beginnt man die mahnenden Stimmen zu hassen und versucht, sich ihrer zu entledigen. Jede Kritik ist dann sofort bösartige Häme und Ausdruck destruktiven Willens.

Essen

Essen ist ein durchaus intimer Akt, dessen öffentliche Zurschaustellung leicht exhibitionistisch wirkt. Das Sich-Einverleiben kann auch als Selbstvergewisserung durch Zerstörung und Umwandlung gesehen werden. Ich werde mehr und nehme zu, indem ich etwas in meinem Schlund verschwinden lasse. Interessant dabei ist, dass der für die Nahrungsaufnahme zuständige Mechanismus des Kauens und Schluckens auch für die Sprache verwendet wird. Auf der ätherischen, gleichsam höchsten Stufe der Kommunikation, der Sprache, wird etwas mitgeteilt, was im Aufteilen des Essens seine Entsprechung findet. Im Kern geht es um die Botschaft, dass die Furcht vor dem Alleinsein und der drohenden Überwältigung durch unbekannte Mächte durch die lebendige Anwesenheit der anderen gemildert wird. Das gemeinsame Essen hat insofern etwas, das die Unterschiede weitgehend nivelliert. Dennoch bleibt das Geschäftessen ein Widerspruch in sich. Auch bei einem zu großen sozialen Gefälle will sich das Erlebnis der Gemeinschaft beim Essen nicht so recht einstellen. Die Tischgenossen sollte man also sorgfältig auswählen, wenn man Ernüchterung und Entfremdung vermeiden will. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der gemeinsame, ritualisierte Genuss mehr verbindet, als man auf den ersten Blick für möglich halten würde.

Der Veteran und seine Erbschaft

Mein Großvater mütterlicherseits war, wie ich schon einmal an anderer Stelle schrieb, dem Wüstenfuchs in die staubigen Hügel Nordafrikas gefolgt, um schließlich bei El Alamein von den Briten gefangengenommen zu werden und den Rest des Krieges im Schatten der Pyramiden zu verbringen. Aus dieser Zeit stammte wohl auch seine lebenslange Vorliebe für die Zigarettenmarke „Camel“, deren Packung sowohl das Beige der Wüste wie auch die Pyramiden zeigte. Eines Tages wollte mein Großvater nach getaner Arbeit ein Bad im großelterlichen Haus nehmen, fiel dort, wie vom Blitz getroffen, um und war trotz umfassender notärztlicher Bemühungen nicht mehr zum Leben zu erwecken. Welche tiefe emotionale Bindung zwischen meinem Vater und meinem Großvater bestanden haben mußte, bewies die Tatsache, dass mein Vater kurz nach der Trauerfeier mit gerade mal 40 Jahren einen tückischen Hinterwandinfarkt hatte und dem Tod gerade noch von der Schippe sprang. Immer wenn von meinem Großvater gesprochen wurde, brachte man allenthalben großen Respekt vor seiner diszplinierten, ich möchte fast sagen manischen, Arbeitsleistung zum Ausdruck („Arbeitsschwein“ – mein älterer Bruder über meinen Großvater), während meine Großmutter das gut bestellte Ackerland nach und nach zu Spottpreisen losschlug, in ihren Schränken immer größere Vorräte an Stoffen, Kleidern und Schmuck anhäufte und die Enkel mit kleinen Geldgeschenken für sich einnahm. Der lange schwelende Konflikt zwischen meinem Vater und meiner Großmutter entlud sich eines Tages ziemlich heftig, als meine Großmutter einen Wäschekorb voll mit Handtüchern und Vorhangstoffen bei meinen Eltern vorbeibringen wollte. Den Erzählungen meiner Mutter nach packte mein Vater den Wäschekorb, schleuderte ihn voller Zorn zurück über die Hecke auf das Grundstück meiner Großeltern und brüllte meine Großmutter an: „Wir brauchen deine Wäsche nicht! Verschwinde! Du hast hier ab sofort Hausverbot!“ Daraufhin entschloss sich meine Großmutter, das großelterliche Anwesen zu verkaufen. Sie tat das nicht ganz freiwillig, sondern weil sie die Vertreter der örtlichen Sparkasse nachdrücklich an die roten Zahlen erinnerten, die nicht aufhörten, zu wachsen und so dick und rund zu werden wie meine Großmutter. Ab dem Zeitpunkt des Verkaufs übernahmen die Anwälte die Regie und schrieben Briefe, die vor bitterem Hohn und gegenseitiger Verachtung nur so trieften. Da die Forderung meiner Mutter, ihr Erbe, das bereits mit einem Grundstück abgegolten war, noch auszuweiten, sich zunehmend ins Lächerliche auswuchs, schlief dieser Streit nach einigen Monaten wieder ein, obwohl er durch die hell lodernde Wut meines Vaters immer wieder neu angeheizt wurde. Meine Großmutter, die den Verlust ihrer Repräsentationsmöglichkeiten als bitteren Verlust empfand, richtete sich dennoch in ihrer neuen Wohnung ein und hielt bei Familienfeiern Hof wie nur irgendeine russische Großfürstin. Ihr Herz schlug für das sündhaft teure Schlafzimmer aus Nußbaumholz und die Tischdecke mit Goldborte, die ihr den schwachen Trost gewährten, „es zu etwas gebracht zu haben“ und nicht völlig unbedeutend zu sein. Andere Menschen spielten in diesem Universum aus Selbstmitleid nur eine Nebenrolle – außer sie waren in irgendeiner Art und Weise bedeutend und der Umgang mit ihnen konnte dazu verwendet werden, im Gespräch zu beeindrucken.

Die Welle der Wiedergeburt

SchattenIm Hallenbad treffe ich mehrere Menschen, aber bis auf das lästige Gefühl, unentwegt von Menschen und seltsamen schwarzen Meerjungfrauen verfolgt zu werden, kann ich mich kaum deutlich an Einzelheiten erinnern. Einmal springe ich vom Beckenrand in das Wasser und verlasse kurz darauf bereits wieder das Hallenbad. Ich gehe eine steil ansteigende Rampe hinauf, die in einen rundum verglasten Durchgang mündet. Das nächste Fragment beginnt in einem Lokal. Ein Mitglied der früheren Theatergruppe stellt in der Runde die Frage, wohin denn ein bestimmter, teurer Bildband verschwunden sei. Ich äußere die Vermutung, dass es nur zwei Leute sein könnten, nämlich S. und R., bei denen der Bildband wahrscheinlich zuhause herumliege. Als ich kurz darauf nachsehen will, stehe ich plötzlich im Jugendzimmer meines älteren Bruders. Der Raum ist ein Spiegelbild seiner zerrissenen Seele: die Schranktüren stehen offen und Kleidung liegt überall verstreut herum. Insgesam hat der Raum eine dunkle und kalte Ausstrahlung. Die nächste Szene führt mich auf eine Ebene vor der Stadt. Halblaut stelle ich die Frage, wozu die vorhergenden raschen Szenenwechsel dienen sollten. Alles, was ich beobachtet hatte, war ein Kampf zwischen Göttern und Dämonen. „Nun“, sagt eine dunkle, tiefe Stimme, „sie wollten vermutlich das hier verhindern.“ Die Stimme hat keine Gestalt, dennoch sehe ich ihre ausgebreiteten Arme, mit denen sie sich dem Himmel zuwendet. Ich drehe mich um und sehe, wie der Himmel aufreißt und tausende schwarzer Punkte herausströmen, die rasch näherkommen. Es sind Seelen, die wiedergeboren werden. Sie fliegen als unbestimmte weiße Schatten heran und durch mich hindurch. Einen kurzen Augenblick lang spüre ich die Gegenwart jeder einzelnen Seele und erfasse ihr individuelles Schicksal im Bruchteil einer Sekunde. Hinter mir ist ein Bildschirm aufgestellt, auf dem die Akten und Karteikarten dieser Menschen in einer unglaublichen Geschwindigkeit hintereinander durchrasen. Es ist fast wie bei einem Suchlauf der Polizei, wo in der Datenbank ein bestimmtes Gesicht gesucht wird und alle Gesichter in schneller Abfolge auf dem Bildschirm erscheinen – nur dass hier jedes einzelne Gesicht zählt. Ansschließend verpacke ich die DVD, die die Daten all dieser Menschen enthält, in ein Stück grauen Karton, klebe die Hülle zu und reiche das kleine Paket sorgfältig verschlossen meiner Begleiterin, die ich bisher nicht wahrgenommen hatte. „Pass gut darauf auf“, sage ich zu ihr, „und gib sie niemandem, außer ich selbst verlange sie wieder zurück.“ „Und wie soll ich wissen, dass du es bist?“, fragt sie zurück. Sie hat Recht. Ich hatte nicht bedacht, dass sich jedes beliebige Wesen in meine Person verwandeln könnte. Wir müssen irgendein Zeichen vereinbaren. Unmittelbar im Anschluss an diese Überlegung höre ich ein Geräusch wie von einem Reißverschluss und fahre in Schweiß gebadet hoch.

Bild: Photocase

Aus dem Prolog

Aus dem Prolog eines begonnenen und nicht zu Ende geführten Romanprojekts stammt der folgende Text:

Als die alten Götter, aus allen Wunden blutend und verfolgt von einer Horde mordgieriger Menschen, auf ihrer Flucht in ein stilles Tal kamen, versammelten sie sich im Kreis um eine Feuerstelle, an der einer von ihnen ein Feuer entfacht hatte. Schweigend hüllten sie sich in ihre zerrissenen Mäntel; schließlich erhob sich der erste und sprach: „Lasst uns hier einen Ort schaffen, an dem sich der Neid, die Missgunst und der Hass nicht niederlassen können. Niemand soll von hier weggehen mit einem Schatten auf der Seele und jeder glücklich nach dem Besuch an diesem Ort in sein Leben zurückkehren.“ Sie reichten sich die Hände und blieben noch eine Weile am Feuer sitzen, bis sich einer nach dem anderen in das schon angebrochene Dunkel zurückzog.

Quo vadis, SPD?

Blogkarneval kleinVertrauensverlust bei den Wählern, rasanter Mitgliederschwund, wenig profiliertes politisches Personal: keine Frage, die Situation der SPD ist derzeit wenig erfreulich. Selbst von der eher müden Performance des Koalitionspartners und dem Hauen und Stechen bei den Christsozialen kann sie kaum profitieren. Wie auch: die CDU ist immer schon da, wo die SPD erst hinwill und gewinnt immer mehr an sozialer Kompetenz – so wie in der Familienpolitik. Aber was sind die Gründe für die Krise der SPD? Zunächst bleibt festzustellen, dass die Regierungszeit unter Kanzler Schröder der SPD weitaus mehr geschadet hat als sie selbst sich das eingestehen will. Der lange Schatten Schröders legt sich wie Mehltau über alle politischen Projekte der SPD und hemmt die Hoffnungen auf einen Neuanfang. Der Vertrauensbruch mit der klassischen SPD-Klientel, von Schröder aus vielerlei Gründen gesucht und mit aller Härte vollzogen, ist noch lange nicht verziehen und treibt die Wähler in Scharen in die Arme der Protestparteien am linken und rechten Rand. Dass die Verschmelzung der WASG mit der Linkspartei nun so überraschend schnell vonstatten geht, zeigt ganz deutlich, dass in diesem Spektrum noch Potential vorhanden ist und die neue Partei vor Kraft kaum laufen kann. Das Bild vom allgegenwärtigen und fürsorglichen Sozialstaat, das Kohl eindrucksvoll verkörperte und einst ungeheure Anziehungskraft besaß, wurde durch die Ökonomisierung der Politik unter Schröder ins Gegenteil verkehrt. Noch deutlicher: am Ende des Wiedervereinigungsprozesses stand Hartz IV. Weiterlesen

Wattn und Schafkopfen

Beim Wattn gibt es drei Haupttrümpfe: den Max, den Belle und den Soach. Belle ist auch ein anderes Wort für den Kopf: „Baas auf dein´n Belle af!“ heißt soviel wie: „Stoss dich nicht mit dem Kopf!“ – wörtlich: „Pass auf deinen Schädel auf!“. Das Wattn ist, wie richtig vermutet, ein bayerisches Traditionsspiel. Hauptziel ist es, die gegnerische Partei möglichst einfallsreich über den Tisch zu ziehen. Es dient daher in erster Linie zur geselligen Unterhaltung und entgleitet ab und zu in das schenkelklopfende, krachlederne Milieu. Advanced bavarians spielen Schafkopfen und verachten Hauben, Maschinen und Eisenbahner. Wenn also in einem Wirtshaus vier gestandene Mannsbilder schweigend, mit verkniffenen Gesichtern und Karten in der Hand um einen Tisch sitzen, spielen sie meistens Schafkopf. Wenn der Bayer denkt, sagt er nichts. Beim Schafkopfen muss der Bayer viel denken, weil er, ausgehend von seinem Blatt und dem Spiel der anderen, die Karten der Mitspieler richtig vorhersagen muss. Es entsteht dabei eine solche Informationsdichte, dass die Verarbeitungskapazität strukturell bedingt schnell an ihre Grenzen stößt. Dieser Widerspruch zwischen gemeinsamem Tun, nämlich Schafkopfen, und Reduzierung der Kommunikation könnte schlichtere und weniger philosophisch veranlagte Gemüter zum Lachen reizen. Tatsache ist auch, dass sich unter den Schafkopfspielern überproportional viele Männer finden, was logisch sehr leicht nachvollziehbar ist. Zusammen mit ihrem übermäßigem Weißbierkonsum haben diese Männerrunden nämlich eine leicht pittoreske Anmutung.

Am besten

Am besten versehe ich dieses Blog mit einem Passwortschutz und gebe es an niemanden weiter. Am besten stelle ich das Kommentieren bei anderen ein. Am besten schreibe ich keine e-mails mehr. Am besten ziehe ich die Vorhänge zu, schließe die Türe ab und lasse mich vom Pizzaboten beliefern. Vielleicht kann ich dann verhindern, dass andere mein Vorhandensein mitbekommen. Und deswegen gleich laut werden und explodieren. Es kann sein, dass ich manchmal naive, blöde und dumme Ansichten vertrete, aber ICH WILL EUCH NICHTS BÖSES! Ehrlich.

Sensibilität

Das schlimmste Schicksal, das ich mir ausmalen kann, wäre eine graduelle, kaum wahrnehmbare Verschlechterung meiner kognitiven Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter. Alzheimer und andere Demenzerkrankungen sind für mich weitaus brutaler und belastender als jede andere somatische Krankheit. Oft verbringe ich Stunden damit, die Eindrücke eines einzigen Tages zu sortieren und ihre feinen Farbnuancen, ihre leise flirrenden, hochfrequenten Verbindungen untereinander zu genießen und miteinander zu vergleichen, bevor ich sie endgültig ad acta legen kann. Und es bereitet mir ein kaum nennbares Vergnügen, sie abstrakt zu begreifen und ihnen ein Gesicht und eine sprachlich faßbare Gestalt zu verleihen. Diese Beschäftigung führt mich nicht weg von der Abstraktion, sondern sehr weit in sie hinein. Manchmal glaube ich an die Möglichkeit, mit dem Geruch einer Rose oder eines Fliederzweigs sehr viel präziser und genauer rechnen zu können als mit Variablen auf einem karierten Blatt Papier. Ich wäre nicht mehr ich selbst, wenn ich das nicht mehr könnte und in einem Zustand dumpfen Dahinvegetierens mein Leben fristen müßte.

Beethoven und die Romantik

Beethoven und Schiller zeigen auffällige Parallelen: beide sind dramatische Gestalter ihres Stoffs, den sie in Sichtweite antiker Tragödien ansiedeln. Die Form, der sie Leben einhauchen, verlangt ihnen äußerste Konzentration ab. Daraus entspringt ihre gemeinsame Vorliebe für das Wuchtige, Kantige (nicht Grobe) und Effektvolle. „Dem Schicksal in den Rachen greifen“: das ist die Überwindung der menschlichen Bedingtheit in der Unbedingtheit der Idee und der Meisterung der Form. Dennoch erscheinen sie im Spiegel der Romantik seltsam blass und unbedeutend. Sie werden oft an den Stellen als pathetisch missgedeutet, an denen sie die schmerzlich empfundene Differenz zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zur Verknappung der künstlerischen Mittel und zur bloßen Andeutung einer Utopie zwingt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Romantik als erste geistige Bewegung die Authentizität der subjektiven Existenz einforderte. Es genügte nicht, sich an Maßstäben zu messen, die man bei sich selbst einklagte – sie mußten ihre Verwurzelung in der Person haben und aus dieser resultieren. Mit dieser Sprachwerdung und Veräußerlichung intimer und intimster Geheimnisse beginnt das moderne Drama des Menschen. Deswegen finden wir sofort Zugang zu Chopin, Schubert, Liszt, Wagner. Beethoven entzieht sich während des Hörens, er wird immer ungreifbarer und labyrinthischer. Man spürt, dass er beim Prozess des Komponierens seine Sprache intellektualisiert und ein Verweissystem schafft, das den Hörer gezielt überfordert. Der Ansatz, den Beethoven verfolgt, ist ein aristotelischer: die Musik soll den Zuhörer von seinen zerstörerischen Leidenschaften befreien. Dafür muss er sich ihr aber geistig mit allen zur Verfügung stehenden Kräften widmen. (In der Romantik wird dieser Ansatz noch auf die Spitze getrieben, indem sich die Musik zum alternativen Lebensmodell aufschwingt.) Ganz anders verhält es sich bei Bach: aus extrem präzisen, mathematischen Konstruktionen springt einen die reinste Sinnlichkeit und Emotionalität an, aus den verwirrenden Details der Themenführung webt er eine strahlende Klarheit in Dur oder Moll.