Beiträge vom 7. Juni 2007

Sensibilität

Donnerstag, 7. Juni 2007 23:05

Das schlimmste Schicksal, das ich mir ausmalen kann, wäre eine graduelle, kaum wahrnehmbare Verschlechterung meiner kognitiven Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter. Alzheimer und andere Demenzerkrankungen sind für mich weitaus brutaler und belastender als jede andere somatische Krankheit. Oft verbringe ich Stunden damit, die Eindrücke eines einzigen Tages zu sortieren und ihre feinen Farbnuancen, ihre leise flirrenden, hochfrequenten Verbindungen untereinander zu genießen und miteinander zu vergleichen, bevor ich sie endgültig ad acta legen kann. Und es bereitet mir ein kaum nennbares Vergnügen, sie abstrakt zu begreifen und ihnen ein Gesicht und eine sprachlich faßbare Gestalt zu verleihen. Diese Beschäftigung führt mich nicht weg von der Abstraktion, sondern sehr weit in sie hinein. Manchmal glaube ich an die Möglichkeit, mit dem Geruch einer Rose oder eines Fliederzweigs sehr viel präziser und genauer rechnen zu können als mit Variablen auf einem karierten Blatt Papier. Ich wäre nicht mehr ich selbst, wenn ich das nicht mehr könnte und in einem Zustand dumpfen Dahinvegetierens mein Leben fristen müßte.

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Beethoven und die Romantik

Donnerstag, 7. Juni 2007 0:35

Beethoven und Schiller zeigen auffällige Parallelen: beide sind dramatische Gestalter ihres Stoffs, den sie in Sichtweite antiker Tragödien ansiedeln. Die Form, der sie Leben einhauchen, verlangt ihnen äußerste Konzentration ab. Daraus entspringt ihre gemeinsame Vorliebe für das Wuchtige, Kantige (nicht Grobe) und Effektvolle. “Dem Schicksal in den Rachen greifen”: das ist die Überwindung der menschlichen Bedingtheit in der Unbedingtheit der Idee und der Meisterung der Form. Dennoch erscheinen sie im Spiegel der Romantik seltsam blass und unbedeutend. Sie werden oft an den Stellen als pathetisch missgedeutet, an denen sie die schmerzlich empfundene Differenz zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zur Verknappung der künstlerischen Mittel und zur bloßen Andeutung einer Utopie zwingt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Romantik als erste geistige Bewegung die Authentizität der subjektiven Existenz einforderte. Es genügte nicht, sich an Maßstäben zu messen, die man bei sich selbst einklagte – sie mußten ihre Verwurzelung in der Person haben und aus dieser resultieren. Mit dieser Sprachwerdung und Veräußerlichung intimer und intimster Geheimnisse beginnt das moderne Drama des Menschen. Deswegen finden wir sofort Zugang zu Chopin, Schubert, Liszt, Wagner. Beethoven entzieht sich während des Hörens, er wird immer ungreifbarer und labyrinthischer. Man spürt, dass er beim Prozess des Komponierens seine Sprache intellektualisiert und ein Verweissystem schafft, das den Hörer gezielt überfordert. Der Ansatz, den Beethoven verfolgt, ist ein aristotelischer: die Musik soll den Zuhörer von seinen zerstörerischen Leidenschaften befreien. Dafür muss er sich ihr aber geistig mit allen zur Verfügung stehenden Kräften widmen. (In der Romantik wird dieser Ansatz noch auf die Spitze getrieben, indem sich die Musik zum alternativen Lebensmodell aufschwingt.) Ganz anders verhält es sich bei Bach: aus extrem präzisen, mathematischen Konstruktionen springt einen die reinste Sinnlichkeit und Emotionalität an, aus den verwirrenden Details der Themenführung webt er eine strahlende Klarheit in Dur oder Moll.

Thema: Ansichten und Einsichten | Kommentare (8)