Beethoven und die Romantik

Beethoven und Schiller zeigen auffällige Parallelen: beide sind dramatische Gestalter ihres Stoffs, den sie in Sichtweite antiker Tragödien ansiedeln. Die Form, der sie Leben einhauchen, verlangt ihnen äußerste Konzentration ab. Daraus entspringt ihre gemeinsame Vorliebe für das Wuchtige, Kantige (nicht Grobe) und Effektvolle. „Dem Schicksal in den Rachen greifen“: das ist die Überwindung der menschlichen Bedingtheit in der Unbedingtheit der Idee und der Meisterung der Form. Dennoch erscheinen sie im Spiegel der Romantik seltsam blass und unbedeutend. Sie werden oft an den Stellen als pathetisch missgedeutet, an denen sie die schmerzlich empfundene Differenz zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zur Verknappung der künstlerischen Mittel und zur bloßen Andeutung einer Utopie zwingt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Romantik als erste geistige Bewegung die Authentizität der subjektiven Existenz einforderte. Es genügte nicht, sich an Maßstäben zu messen, die man bei sich selbst einklagte – sie mußten ihre Verwurzelung in der Person haben und aus dieser resultieren. Mit dieser Sprachwerdung und Veräußerlichung intimer und intimster Geheimnisse beginnt das moderne Drama des Menschen. Deswegen finden wir sofort Zugang zu Chopin, Schubert, Liszt, Wagner. Beethoven entzieht sich während des Hörens, er wird immer ungreifbarer und labyrinthischer. Man spürt, dass er beim Prozess des Komponierens seine Sprache intellektualisiert und ein Verweissystem schafft, das den Hörer gezielt überfordert. Der Ansatz, den Beethoven verfolgt, ist ein aristotelischer: die Musik soll den Zuhörer von seinen zerstörerischen Leidenschaften befreien. Dafür muss er sich ihr aber geistig mit allen zur Verfügung stehenden Kräften widmen. (In der Romantik wird dieser Ansatz noch auf die Spitze getrieben, indem sich die Musik zum alternativen Lebensmodell aufschwingt.) Ganz anders verhält es sich bei Bach: aus extrem präzisen, mathematischen Konstruktionen springt einen die reinste Sinnlichkeit und Emotionalität an, aus den verwirrenden Details der Themenführung webt er eine strahlende Klarheit in Dur oder Moll.

8 Gedanken zu „Beethoven und die Romantik

  1. Obwohl ich kein ausgesprochener Beethovenfan bin und Mozart (hier schmächlich ignoriert) immer der für mich persönlich „sinnstiftendste“ Komponist sein wird, finde ich diesen Text sehr interessant. Werde mich wohl doch noch ein bisschen näher mit dem Kerl befassen müssen… selbst wenn er schändlicherweise die Gesangsstimme stetig quält. Aber Bach als der sinnlichere von beiden? Ich empfand Beethoven immer als ausgesprochen sinnlich (Mischa Maiskys und Martha Argerichs gemeinsame Einspielung habe ich gerade im Hinterkopf), gerade wegen seiner Kantigkeit und Widerborstigkeit. Bach hingegen lässt mich meistens merkwürdig kalt. Selbst ein „Erbarme Dich“ empfinde ich als -großartig, aber – konstruiert. Aber vielleicht betrachte ich all diese Musik zu sehr vom sängerischen Standpunkt aus.

  2. Ja, ich gebe zu, mit Mozart kann ich nicht sehr viel anfangen. Ich habe es oft mit seiner Musik versucht, aber nie einen wirklichen Bezug herstellen können. Das ist zwar schade, aber derzeit nicht zu ändern. Es wäre aber interessant, herauszufinden, warum mich Mozart so kalt läßt. – Nein, ich möchte Beethoven seine Sinnlichkeit nicht absprechen, aber er nimmt an Nähe ab, je länger man ihn hört. Was bei Beethoven bedeutet, dass man plötzlich sehr viele Sinnebenen entdeckt, die vorher noch nicht da waren. Der geistige Horizont weitet sich, und dazu habe ich mehrere Jahre Hörerfahrung benötigt. Bach war mir schon immer vertraut, ein Widerklang aus alten Zeiten, und gerade der gut hörbare handwerkliche Aspekt seiner Musik hat mich immer fasziniert. Mir ist klar, dass die Stimmführung einer einzelnen Stimmgruppe – etwa Alt – bei Bach völlig unvorhersehbar ver- und allen Erwartungen zuwider läuft. Bei Bach entdecke ich mein eigenes Empfinden wieder – viel mehr als bei den Romantikern oder Beethoven – und je länger ich ihn höre, um so näher komme ich ihm. Um es auf einen Nenner zu bringen: Während bei Beethoven die wesentliche Aussage im Ideellen liegt, liegt sie bei Bach meiner Meinung nach im Emotionalen. LG, WilderKaiser

  3. Dann fehlt mir wohl einfach der tiefere Einblick in Beethoven auf der einen und Bach auf der anderen Seite. Klischeebelastet wie ich bin, kann ich mich nie ganz von der Vorstellung von Beethoven als dem „Haderer mit Musik und Leben“ lösen, vielleicht empfinde ich deshalb einzelne Stellen bei Beethoven immer wieder als ungefilterte Emotionalität. Aber um mich mit der Partitur vor den CD-Player zu setzen, fehlt mir die Geduld. Bach auf der anderen Seite… ist eben einfach Bach, für mein Empfinden viel zu nah an der direkten Textausdeutung, während Mozart in seinen Vertonungen oft die Texte (gerade der Opern) kontrapunktiert und eine völlig andere Ebene hinzusetzt. Bach vertont den Text, Mozart die Charaktere, um meinen Eindruck zusammenzufassen.
    Aber mit meiner Liebe zu Mozart stehe ich auch ziemlich alleine da. Entweder die großen Intellektuellen der Musik werden verehrt, oder die musikalischen Testosteronschleudern (Wagner, Verdi…) – klingt abwertender, als ich es meine – oder die melancholisch Leidenden. Je nach Naturell des Hörers eben.
    Mozart kann man in keine dieser Schubladen einordnen. Seine Musik ist zwar sehr komplex, aber nicht intellektuell, kraftvoll, aber nicht auftrumpfend – sie ist zutiefst menschlich, geht aber darüber hinaus. Mozarts Musik gewährt einen Blick ins Paradies.

    … große Worte. Tut mir leid, wie soll ich es anders ausdrücken?

  4. @Kaiser: Komisch, mir geht es mit Mozart und Bach genauso. Mit Mozart kann ich nicht viel anfangen, finde seine Musik bis auf wenige Ausnahmen regelrecht langweilig, während in meinem Empfinden Bach nur so vor Freude sprüht und mich damit ansteckt. Das ist seltsam, denn rein vom äußeren Image her, müßte es vielleicht andersherum sein. Zu Beethoven kann ich nicht viel sagen, der ist für mich weder das eine noch das andere und irgendwie etwas zu laut.

  5. Hallo Zucker! Beethoven – zu laut? *lacht* Ja, Haydn wollte auch mit seiner Paukenschlag-Symphonie die Zuhörer in den hinteren Reihen wecken, die eingeschlafen waren. *gg*

  6. Hallo Sybille…nein, das ist schon in Ordnung. Spannend ist ja gerade, wie man seine akustischen Eindrücke beschreibt und ihnen ein Form zu geben versucht, jeder auf eine andere Weise. Denn der Geschmack ist schon ein ästhetisches Kriterium, auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen. Unerreicht sind in diesem Punkt die großen Interpretationen Beethovenscher Musik durch Adorno. Adorno übergeht das Niveau des Lesers vollkommen und erreicht eine ungeheure Präzision. Ob sie deswegen objektiver ist als beispielsweise eine x-beliebe andere pauschale Aussage über diese Musik, darüber läßt sich hervorragend diskutieren. LG, WilderKaiser

  7. Ah ja, die gute alte Sinfonie mit Paukenschlag. Wurde bei uns besonders gerne und umfangreich in der Musikerziehung in der Schule behandelt. *gg*
    Aber die wirkliche Lautstärke meine ich damit gar nicht so sehr. Es klingt zwar seltsam, aber ich empfinde Beethovens Musik sogar dann als laut, wenn ich sie ganz leise höre. Wahrscheinlich ist laut auch das falsche Wort dafür, aber ich finde kein besseres. Vielleicht war er eine musikalische Rampensau. *g*

  8. Pingback: Glarean Magazin

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