Der Klavierspieler

Ab und zu baut sich im Leben eine gewisse Spannung auf, die sich zunächst als bleierne Langeweile tarnt, um sich irgendwann als Halbkatastrophe um so heftiger zu entladen. Ich war 14, als ich eines Tages beschloss, meinen fünf Jahre älteren Bruder, der sich nur noch selten bei uns zu Hause blicken ließ, in der Stadt zu besuchen. Es war eine jener spontanen Ideen, von denen niemand sagen kann, woher sie kommen. Nüchtern betrachtet war es nichts als verschwendete Zeit; ich wußte ja nicht einmal, wo sich mein Bruder herumtrieb. Dennoch setzte sich die Idee so hartnäckig fest, dass ich mich auf das Fahrrad schwang und einfach losfuhr. Ich steuerte zunächst das Gymnasium an, das mein Bruder besuchte. Das Gebäude lag vollkommen verlassen da und war verschlossen – nichts Außergewöhnliches an einem Samstag. Ich dachte mir, dass das nichts heißen müsse, und suchte nach einem Eingang, um in das Innere des Gebäudes zu gelangen. Ich rüttelte an den Türen, und eine der Türen war tatsächlich offen – ich sah das zerschlagene Glas des roten Kästchens, und der Platz, an dem normalerweise der Schlüssel für die Tür hing, war leer: es sah nach einem etwas groben Schülerstreich aus. Ich ging einfach durch den Gang bis zur Aula. Ein wenig kannte ich mich ja aus, und durch die vollkommene Stille war mir mittlerweile auch klar, dass sich keine Menschenseele im Gebäude aufhielt und ich alleine war. Ich ging weiter zum Musiktrakt des Gymnasiums und entdeckte in einem der Musikräume einen Flügel, der mich sofort magisch anzog. Wie in Trance öffnete ich die Abdeckung der Klaviatur, setzte mich hin und begann zu spielen. Viel zu selten kam ich in den Genuss, auf einem gestimmten Flügel zu spielen und die wenigen Musikstücke, die ich ohne Noten spielen konnte, als reine, klangliche Gebilde zu erleben, die völlig unabhängig von ihrer physikalischen Grundlage im Raum schwebten. Das ursprüngliche Ziel, meinen Bruder zu treffen, hatte ich vergessen. Ich war wie besessen von dem Wunsch, am nächsten Tag noch einmal mit meinen Noten wiederzukommen. Und tatsächlich fuhr ich auch am nächsten Tag wieder zur Schule, nahm den Weg über die offene Seitentür und spielte wieder Klavier. Gerade als ich eine Sonate von Clementi begonnen hatte, nahm ich aus den Augenwinkeln einen Schatten im Fensterrahmen wahr, der bedrohlich schnell näherkam. Ich unterdrückte einen Schrei, packte meine Noten zusammen und versuchte zu fliehen. Aber ich war zu langsam, und in der Aula fing mich der Hausmeister ab. Er wollte zwar die Polizei verständigen, aber da ich ihm freiwillig und ohne langes Zögern meine Adresse und Telefonnummer gab, verzichtete er darauf. Meine Eltern waren äußerst wütend, als ich zuhause ankam, und auch mein Bruder geriet deswegen an seiner Schule unter Druck. In den letzten Wochen waren nämlich mehrere teure Musikinstrumente verschwunden, und bislang konnte der Dieb noch nicht ermittelt werden. Fiebrig und krank schleppte ich mich einige Zeit nach diesem Vorfall zu einem Kreuzverhör mit dem stellvertretenden Direktor der Schule, der ein kleingemustertes, grünes Sakko trug, penetrant nach Rasierwasser roch und mich kaum zu Wort kommen ließ. Letzten Endes schlitterte ich um eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gerade noch so herum, und das auch nur deswegen, weil sich einer der Lehrer an dieser Schule, der jahrelang bei uns in der Nachbarschaft gewohnt hatte, so vehement für mich einsetzte. Der Dankbarkeitsbesuch bei ihm einige Jahre später war an Peinlichkeit und Absurdität kaum zu übertreffen.

Datum: Freitag, 15. Juni 2007 15:19
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