Prämissen

Ich bin mal wieder besserwisserisch – wider besseres Wissen. Aber viele Interaktionen laufen nach einem Schema ab, das ich gerade in meiner näheren Umgebung immer wieder beobachten kann. Es geht in aller Kürze darum, wie man in einer auf Erfolg frisierten Welt mit dem Misserfolg umgeht.

Da ein Scheitern aufgrund der eigenen Unzulänglichkeit ausgeschlossen ist, müssen es andere Einflüsse sein, die die eigenen Anstrengungen vereitelt haben. Diese Haltung führt in Widersprüchlichkeiten, die so augenfällig sind, dass sie von außen betrachtet lächerlich wirken. Man begreift als Außenstehender oft gar nicht, wie man in eine Sackgasse laufen und sich darüber beschweren kann, dass die Widerstände zu groß werden. Man sieht von außen die Prämissen und kann das negative Ergebnis bereits mit simplen Überlegungen und ein wenig common sense vorwegnehmen. Wenn man selbst eingreifen und dem Sich-Verirrenden einen Ausweg zeigen will, erlebt man völlig überraschend einen Ausbruch an Aggressivität, der sich in regelrechten Mordphantasien entlädt. Warum? In jeder kleinen, banalen Gelegenheit wird die Möglichkeit eines allumfassenden Guten gesehen, das über einen kommen soll – und selbst die offensichtlichste Täuschung wird geleugnet, geschönt, verdrängt. Man ergreift jeden sich bietenden Zipfel des Glücks, selbst wenn er zu Atomen zerfällt, ja selbst die Atome haben noch Potential in sich, und so gräbt man immer weiter und erbaut sich gleichsam sein eigenes Fluchtlabyrinth aus toten „Wenn“. Jedes dieser „Projekte“ wird anfangs von einem euphorischen Überschwang begleitet, der sich leichtfüßig und mild-sarkastisch lächelnd über die warnenden Stimmen erhebt. Wenn man allerdings einsehen muss, dass Begeisterung und Euphorie nicht ausreichen, um zu Ergebnissen zu kommen, ja dass im Gegenteil nüchterne strategische Entscheidungen und taktische Abwägung gefragt gewesen wären, deren Zeit längst verstrichen ist, beginnt man die mahnenden Stimmen zu hassen und versucht, sich ihrer zu entledigen. Jede Kritik ist dann sofort bösartige Häme und Ausdruck destruktiven Willens.

2 Gedanken zu „Prämissen

  1. „Wenn man selbst eingreifen und dem Sich-Verirrenden einen Ausweg zeigen will, erlebt man völlig überraschend einen Ausbruch an Aggressivität, der sich in regelrechten Mordphantasien entlädt. Warum?“

    Mir scheint, dass diese Überreaktionen daher rühren, dass sich der Betroffene in seinem Selbstbild beeinträchtigt sieht. In einer Welt, die den Menschen die Möglichkeit einer „perfekten“ Existenz vorgaukelt (in Magazinen, TV-Serien, etc) und dies auch einfordert, wird es immer schwerer, eigene Unzulänglichkeiten zuzugeben; mehr noch, es bedroht die eigene Existenzberechtigung.

    Der Modelltyp „zivilisierter Westmensch“ verlangt dem Homo sapiens so einiges ab: Immer positiv eingestellt, modisch gekleidet, möglichst mit gepuderter Stirn und zumindest als Frau vollepiliert. Zuwiderhandlung wird mit Isolation bestraft. An sich kein neues Schema (wer sich dem Rudel widersetzt, wird ausgeschlossen), nur scheinen die Ansprüche immer weiter zu wachsen, während die freie – anspruchsbefreite – Zeit immer knapper wird.

  2. Ja, das Selbstbild ist allzu oft mit einem fernen Ziel in der Zukunft verschmolzen, mit dem alle Blockaden der Gegenwart ein- und für allemal abgestreift werden können. Aber auch die fernste Zukunft verwandelt sich wieder in Gegenwart, und so muss, um den Lebensantrieb aufrechtzuerhalten, die Zukunft eine ferne bleiben. Aus der Zwangsjacke der Angepasstheit – so wird sie von jenen empfunden, denen jede verhaltensnorm äußerlich bleibt – kann man nur dann herausschlüpfen, wenn sich die Machtverhältnisse ändern. Unabhängig davon nimmt aber auch so in unserer Gesellschaft der Zwang zur psychischen und körperlichen Uniformierung zu, was reihenweise zu schlecht ausbalancierten Druckverhältnissen führt.

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