Kirchenaustritt?

Seit meiner Geburt gehöre ich qua Taufe einem Verein an, der zwar von außen gesehen liebenswürdige und skurrile Züge tragen mag, aber genauer betrachtet nach wie vor eher auf die Kraft des Dogmas als auf die des Arguments und der Überzeugung vertraut. Wenn man zurückschaut, sieht man die Bildergewitter der Renaissance und des Barock, die die Religion als rauschhafte und überaus sinnliche Erfahrung feiern. Die alte asketische, monastische Tradition wird von dieser Zeit völlig verdeckt und in ihr Gegenteil verkehrt. Sei es in der Sixtina oder bei der Floriansfigur in der Pfarrkirche – überall bildet sich sofort ein Topos, der den Inhalt überformt. Und doch profitierte die Kirche klammheimlich vom Bildersturm und von der reformatorischen und aufklärerischen Neuerfindung der Moral und des Gewissens. Wie in einer Matrjoschka-Puppe verbirgt sich in jeder Heilsgeschichte die Drohung der ewigen Verdammnis, denn das eine ist ohne das andere gar nicht denkbar, und der Glaube sickert in dieser Mischung langsam und angstbehaftet in die Seele ein. So ist es überall, wo einem der Endzweck in die Quere kommt: es riecht nach Schwefel, denn die menschliche Freiheit ist schier unerschöpflich. Vor dem Hintergrund des Vielgötterglaubens erscheint die katholische Trinitas wie eine unglaubliche Einschränkung, der nur durch die Inflation der Heiligen abgeholfen werden konnte. Historisch gesehen relativiert sich vieles, das als Möglichkeit nicht lebbar erscheint. Es ist vor allem das in den Jugendjahren geprägte Gefühl, einer fanatischen Sekte anzugehören, das mich jetzt über einen Kirchenaustritt nachdenken läßt. Denn dort, jenseits, ist bestimmt ein Anderes als das, das zu glauben ich angehalten werde. Aber welches Andere, vermag mir hier niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Ich kann also nichts aus meinem angeblichen Wissen um die letzten Dinge ableiten, nicht einmal einen triftigen Grund, der Gemeinschaft der Gläubigen beizutreten.

5 Gedanken zu „Kirchenaustritt?

  1. Du hast da schon ein ganz schönes Dilemma. Aber eigentlich siehst du das noch nicht komplex genug. Ich glaube, das die Warheit ist, das alle diese verschiedenen Aspekte (Himmel, Hölle, monastische Traditionen und Barocker Überfluss) dazu gehören und erst das ganze Ausmaß der Kirche ausmachen. Es sind keine einzelnen Dinge und Events, die richtig oder falsch sind, sondern eher ein gigantisches Kaleidoskop. Die Aufgabe des Einzelnen besteht darin zu akzeptieren das die Kirche so vielfältig und vielschichtig ist wie die Menschheit selbst und jede individuelle Vorstellung von Himmel und Hölle auch ein bisschen Teil der Wahrheit ist. Ich glaub zwar nicht das es mir jetzt eben gelungen ist zu auszudrücken was ich wollte aber ich poste es jetzt trotzdem.

  2. Cool, das fliegende Spaghettimonster…die Kirche ist natürlich vielschichtig und trotz aller Dogmatik immer noch geräumig genug, um völlig entgegengesetzte Standpunkte zu vereinen. Ein bißchen Teil der Wahrheit – das bringt es auf den Punkt. Problematisch wird es nur, wenn man unbedingt alles haben will. Und ich nehme es mal wieder übergenau. LG, WilderKaiser (Insider-PS: Eigentlich wäre ich damit der perfekte Kollege für Zucker.)

  3. Zunächst einmal gibt es, glaube ich, nur die Beziehung des Einzelnen zu Gott. Zunächst ist es unerheblich, ob ich dieser Gemeinschaft oder jenem Verein angehöre, der vorgibt, eine Vereinigung von Gläubigen zu sein. Am Anfang steht der beunruhigende Anruf des Göttlichen – allein durch meine bloße Existenz. Woher komme ich? Bin ich ein Produkt des Zufalls und der Umstände, in denen ich aufgewachsen bin oder entdecke ich, daß hinter meiner Existenz ein Plan, ein Wille, eine Absicht steckt. Wenn ich diese Frage mit einem vielleicht vorsichtigen Ja beantworte, hat das Konsequenzen. Denn nun muß ich unweigerlich fragen, was dieser Plan sei und welche Forderungen er an mich stelle. Denn wenn dieses planende Etwas hinter meinem Leben nicht grausam oder ironisch sein soll, dann werden die Anforderungen, die es an mich richtet, zu meinem Wohl sein – gleichsam die Anleitung zur Verwirklichung meiner selbst. Meine persönliche Freiheit ändert sich angesichts dieser Erkenntnis ganz und gar nicht: ich bin frei, dieses Angebot (versuchsweise) anzunehmen oder abzulehnen. Wenn ich mich entschließe anzunehmen, werde ich die Erfahrung machen, daß es sich allein schwer vorankommen läßt auf diesem Weg. Deshalb bietet die Gemeinschaft der Gläubigen Hilfen an. Jetzt merke ich, daß unzählige sogenannte Gläubige in demselben Dilemma stecken.Sollte denn wirklich in der Kirche eine einheitliche Gefühlswelt möglich sein, sozusagen eine gigantisches Gemeinschaftsempfinden, wenn der Anruf des Göttlichen zuerst immer nur auf einen einzelnen trifft und dieser wiederum auch nur ganz persönlich antworten kann?

  4. Lieber Kaplan, ich will mir die Zeit für eine ausführlichere Antwort nehmen. Zum einen entdecke ich einige punktuelle Übereinstimungen in deinem Kommentar; insgesamt kann ich aber deiner Argumentation nicht folgen. Zunächst mal bleibt festzuhalten, dass auch ich glaube, dass Transzendenz eine realistische Möglichkeit ist. Aber es gibt keine Brücke, die mir der Verstand bauen könnte, um zum Göttlichen zu gelangen. Ich kann also nicht glauben und mich nach wie vor so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Der Glaube an sich hat für den einzelnen radikale Konsequenzen – denn wenn er glaubt, muss er auch seine Art und Weise, zu denken, zu fühlen und zu sein, komplett in Frage stellen. Es gibt den Anruf des Göttlichen, aber wenn ich alles beim Alten belasse und nicht sehr viel skeptischer werde, was das Vermögen des Verstands angeht, erscheint mir diese Aussage nicht sehr glaubwürdig. In diesem Sinn glaube ich an schöpferische Kräfte, die jenseits von Zeit und Raum gewirkt haben bzw. wirken. Aber unabhängig davon gibt es die Aufgabe, unser eigenes Gottsein zu entwickeln – ausgehend von dem Grundsatz, dass es nichts im Universum gibt, das nicht auch in uns selbst vorhanden wäre. Und wenn ich über einen Baum meditiere, sehe ich, dass seine Form, sein Dasein passt wie ein Schlüssel zum Schloss. Genauso sind wir Menschen die Antwort auf eine Frage, ein Schlüssel, der passt. Begreifen kann ich das nur auf einer sehr hohen Stufe der geistigen Entwicklung, in der ich über die conditio humana hinausschaue (nicht hinauswachse, das ist nicht möglich; und das ist auch notwendigerweise so, da jeder Versuch des Hinauswachsens das innere Licht löscht und die Welt in Dunkelheit stürzt). Ich glaube nicht, dass es eine allgemeinverbindliche Auslegung der Offenbarung geben könnte, aus der sich die praktische Religionsausübung der Liturgie und der Sakramente ableiten ließe. Wie ich mein Leben wähle, so wähle ich auch meinen Glauben – das kann ein sozialer Akt sein, aber auch eine Angelegenheit, die sich in Schweigen und Einsamkeit vollzieht, ja vollziehen muss. Im ersten Fall kann ich nicht immer glaubhaft darlegen, ob meine Entscheidung nicht einfach der Konvention geschuldet war und mich insofern um Innersten gar nicht betrifft. Ich denke sogar, dass das unmöglich ist. Nein, es gibt eine interpersonelle Verständigung, die hilfreich ist – es wäre unvernünftig, das abzustreiten – aber ich halte ihren Einfluss für nicht so groß, dass er mir als direkte Befolgung des Gesagten in irgendeiner Form weiterhelfen könnte. Und hier bin ich wieder bei den Vorschriften der institutionellen katholischen Kirche, denen nachzukommen ohne die Bereitschaft zum Gehorsam nicht möglich ist. Spätestens hier kollidiert die äußere Form mit meiner tiefen Überzeugung, dass ich nur dem Göttlichen in mir verpflichtet bin. Wenn ich nach gründlicher Überlegung zu der Einsicht komme, dass mir die endlose Wiederholung liturgischer Formeln nichts sagt, muss ich daraus in irgendeiner Form die Konsequenzen ziehen. Wenn ich einige der Sakramente nicht wirklich verstehen kann und auch nie mehr verstehen werde, selbst wenn ich mit Erklärungen überhäuft werde, muss auch das mir zu denken geben. Und eben darauf fußt auch mein Beitrag. Übrigens ist das die Krux des teleologischen Denkens, das das Bekannte an das Ende der Ursache-Wirkungskette setzt: es wird nie produktiv. Die Entwicklung des Glaubens vollzieht sich schnurgerade auf Schienen, bei denen auf A flugs B und C folgt. Man muss sich dabei nur noch weismachen, etwas Reales beschrieben zu haben. Widersprüche, Zweifel, Brüche, Sprünge – all das wird dabei ausgeblendet. Der Kern, der der katholischen Kirche bleibt, ist die Person Jesu. Um seinem Beispiel zu folgen, müsste sie nur ihren Reichtum an die Armen der Welt verschenken und ihre Macht aufgeben. Herzliche Grüße, WilderKaiser

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