Die wunderbare Welt des Double-Bind…

…in der alles wahr ist, auch das Gegenteil. Das Double-Bind funktioniert nicht nur als “positive” Handlungsaufforderung, sondern auch als Aufforderung zur Bestätigung eines Bildes, das sich ein Gegenüber zurechtgeschustert hat. In diesem Fall könnte die Botschaft lauten: “Du bist ein Versager und kommst nicht mit dem Leben zurecht”, die verbal oder nonverbal übermittelt wird. Dem Adressaten eröffnen sich nun scheinbar mehrere Alternativen, wie er darauf reagieren kann: 1. Er geht in die Offensive und widerspricht dieser These. Das Gegenüber kann diesen Widerspruch vollkommen oder teilweise entwerten, indem er Dritten oder auch dem Adressaten gegenüber mutmaßt, dass der Adressat sich wohl durchschaut fühle und deswegen so heftig reagiere. 2. Der Adressat schweigt. Schweigen kann vom Gegenüber als stille Zustimmung gewertet werden. 3. Er bestätigt die Botschaft. Seltsamerweise ist das die am häufigsten gewählte Strategie, weil der Adressat hofft, dadurch aus der potentiellen Double-Bind-Situation entlassen zu werden. Das Gegenüber wird diese Selbstbezichtigung aber als schweres Vergehen bewerten: der Adressat weiß um seinen desolaten Zustand, zeigt aber keinen Willen zur Änderung. (Humor oder Ironie könnten die Situation zur Komik oder Erkenntnis hin durchbrechen. Aber das Welt- und Selbstbild des Gegenübers hängt in ungleich stärkerem Maße als beim Adressaten davon ab, dass seine Botschaft bestätigt wird.) Sehr häufig kommt dann die als Frage getarnte Aufforderung: “Und warum unternimmst du nichts dagegen?” Der Adressat gerät so in die Verlegenheit, seine Minderwertigkeit zu heucheln. Sehr viel öfter wird er sich aber mit dem von außen aufgezwungenen Selbstbild eines Versagers identifizieren und depressiv werden, um das Bild Wirklichkeit werden zu lassen. Welche Handlungen der Adressat auch immer unternimmt, er kann das Bild nur bestätigen; natürlich immer unter der Voraussetzung, dass er die Situation aus irgendwelchen Gründen nicht verlassen kann.

Datum: Samstag, 28. Juli 2007 19:14
Themengebiet: Ansichten und Einsichten Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren
Meine Tags:

10 Kommentare

  1. 1

    Zuerst hatte ich Halbgebildeter gedacht, das sei ein Tippfehler, weil ich nur Doppelblind-Versuche kannte. Habe dann auch mal den Artikel bei Wikipedia überflogen und das Gefühl, dass es sich hier um eine sehr interessante Problematik handelt. Werde mich noch eingehender damit beschäftigen müssen. Danke für die Anregung.

  2. 2

    […] darauf hat mich jetzt mein geschätzter Blognachbar Wilder Kaiser mit seinem Eintrag über Double-Bind aufmerksam gemacht. Er enthält auch einen Link zum Wikipedia-Artikel zu dieser […]

  3. 3

    Hallo Schreibman, ich habe diese Thema mal im Rahmen meiner Magisterarbeit aufgegriffen und seitdem läßt es mich nicht mehr los. Es ist erstaunlich, wie oft man auf dieses Phänomen stößt, nicht nur in Beziehungen, sondern in quasi allen größeren Organisationen wie Firmen, Staaten usw. Und es erschien mir der einzig passende Schlüssel für den Zugang zu einem Thema wie etwa schizophrene Störungen, deren Entdeckung ja beinahe mit dem Beginn der Moderne zusammenfällt. Ich kann dir hier als Lektüre beinahe alles von Watzlawick empfehlen, aber auch Wittgenstein mit seiner Sprachtheorie grüßt hier von fern. LG, WilderKaiser PS: Ich habe erst jetzt entdeckt, dass du DREI Blogs gleichzeitig führst. Von zweien wußte ich ja, aber das dritte war mir bis dato unbekannt.

  4. 4

    Wittgensteins Tractatus logico philosophicus habe ich vor 35 Jahren mal gelesen, auch von Watzlawick was. Letzterer ist im Gegensatz zu Ersterem ja sehr populär bis populistisch geworden. Wie dem auch sei, Du hast mich auf ein interessantes Thema gestossen. Vom Tractatus habe ich, da ich nichts von Mathematik verstehe, nur den letzten Satz behalten, den viele Leute viel öfter beherzigen sollten (ich meine jetzt weder Dich noch mich) und der sinngemäss lautet: Worüber man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. Liebe Grüsse von einem, der die eingereichte Magisterarbeit wieder zurückgezogen und dann nicht mehr angerührt hat.

  5. 5

    Ja bullshit. Geh aus dem Koordinaten raus!

  6. 6

    Hallo Elsa, ich steige bei deinem Kommentar gerade nicht durch. Aus DEN KOORDINATEN oder aus DEM KOORDINATENSSYSTEM? Das mit dem Aussteigen ist ja vielleicht (?) schon dadurch erledigt, dass man das Konstrukt oder das Muster, das dahintersteckt, als solches erkennt. Sehr oft wird ja die Verschleierung der wahren Verhältnisse als Taktik eingesetzt, so dass der Getäuschte keine Chance erhält, sich über sie klar zu werden. Er fühlt nur den ihn benachteiligenden Charakter der Kommunikation, kann aber nicht klar benennen, was ihn daran so stört. Die Wut, die er fühlt, wird dann aufgrund fehlender rationaler Begründung kurzerhand als irrational abgestempelt. LG, WilderKaiser

  7. 7

    Vielen Dank für das Beispiel. Ich zittere etwas beim Lesen – vor Erleichterung, dass es jemand wie Du benannt hat – und vor Traurigkeit, weil in meiner Familie so ein System vorherrscht – und es mich auch krank gemacht hat…. – und ich auch Angststörungen habe –
    – und vor Traurigkeit – es sind doch meine Eltern… – die aber noch wirklich defnitiv ein Berichten über ihr Verhalten massiv – mit vielen Schuldgefühlen dazu machen unterbinden wollen – und in anderer Beziehung wiederum vorbildlich wirken

  8. 8

    traurig, wenn es die eigenen Eltern sind, die so handeln. Wie kann man als Erwachsene, die dieses System dann endlich mal durchschaut und die eigenen – auch körperlichen Reaktionen – versteht – die Beziehung erhalten?

  9. 9

    Hallo Silke, ich konnte es nicht…ich kann sie nicht anerkennen, weder als Eltern noch als Vorbilder; und doch bin ich in so vielen kleinen oder großen Dingen von ihnen geprägt worden. Und ich habe Angst, dass ich eines Tages erkennen muss, dass die Hüllen, die ich abgestreift habe, nur besonders geschickt getarnte Fallen waren und ich trotz allem so geworden bin, wie sie mich immer haben wollten. LG, WilderKaiser

  10. 10

    Guter Artikel!

    Ich bin erst kürzlich, anlässlich eines komplett verunglückten Arbeitsverhältnisses, auf die Doppelbindungstheorie aufmerksam gemacht worden und habe die Sache unter die Lupe genommen.

    Ich kann Deinem Text inhaltlich nur zustimmen.

    Ebenfalls ein wichtiger Begriff in diesen Angelegenheiten scheint mit der, der Mystifizierung zu sein. Das passt zusammen.
    Ich wurde bspw. in eine Rolle gedrängt, die mir geradezu absurd erschien und das mit einer doch schon krankhaften Nachhaltigkeit, die mich letzlich dazu bewogen hat den Hut zu nehmen. Es ist aussichtslos gegen Personen anzugehen (vor allem wenn diese sich als Vorgesetzte verstehen), die mit diesen Muster kommunizieren, weil nicht die Kommunikation, sondern die Kontrolle zum Erhalt einer überkommenen Struktur im Vordergrund steht.

    Auch ist mir aufgefallen, dass Kinder bei denen ein Elternteil nicht leiblich ist/war, meist durch eine double-bind Kommunikation geschädigt sind, die ihnen jedoch kaum bewusst ist. Sie haben diese Form (widersprechende Signale) in der Erziehung als Normalzustand gelernt und übernommen. So ist es auch zu erklären, warum die double-binds quasi weitervererbt werden. Ziemlich tragisch das Ganze.

Kommentar abgeben



*

Anti-spam image