Angst
Mein Kurzurlaub neigt sich langsam dem Ende zu, und meine Gedanken kreisen wieder zwanghaft um die Arbeit. Auf der rein körperlichen Ebene krampft sich in der Magengegend alles zusammen und das unvermeidliche Sodbrennen beginnt. Ich habe Angst davor, wieder in die Arbeit zu gehen. Ich fühle mich auf so vielen Ebenen gleichzeitig überfordert und völlig ungenügend, dass ich am liebsten davonlaufen würde. Meine Position bringt es mit sich, dass ich mich mit extrem konfliktträchtigen Angelegenheiten befassen muss, für deren Lösung ich häufig von der Seite aus in die hierarchische Linie “hineinregiere”. Die Konzentration auf die sachliche Ebene wird als gefühllos, kalt und als Angriff auf die eigene Kompetenz missverstanden, während bei Schönwetterpolitik die Notwendigkeit einer Veränderung gar nicht zu Bewußtsein kommt und der Aktionismus der Qualitätsfuzzis belächelt oder als praxisfern hingestellt wird. Meine Einmischung wirft zwangläufig die Frage nach meiner Qualifikation auf, über die ich jederzeit ohne große Mühe demontiert werden kann. Weil ich in dieser Situation nur noch mit dem Vorstand drohen kann, wird der Konflikt ein oder zwei Ebenen höher entschieden. Die Kollegen aus meiner alten Abteilung unterstützen mich nicht mehr in denselbem Umfang wie früher, sondern nehmen eine seltsam abwartende Haltung mir gegenüber ein (wenn sie sich nicht schon längst von mir abgewandt haben und mich als Fremdkörper oder feindlichen Spion betrachten). Auch hier warten noch Aufgaben auf mich, die ich ohne einen Funken Kooperationswillen von ihrer Seite nicht alleine schultern kann. Für meine ehemaligen Vorgesetzten, die sich bisher in vollem Umfang für mein Thema verantwortlich fühlten, bin ich sowieso ein interner Rivale, der sich in ihrem angestammten Revier breit macht. Das Projekt, das in der Woche vor meinem Urlaub offiziell vom Vorstand verabschiedet wurde, ist bei mangelnder Kooperation nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde. Aber nicht nur die Sorge um meinen Misserfolg quält mich; denn auch mein Erfolg könnte mir gefährlich werden und über den Kopf wachsen. Es wäre eine Horrorvision für mich, täglich mit Anfragen, Anrufen und e-mails bombardiert zu werden und dabei etwas Wichtiges zu übersehen, das sich zu einer Katastrophe mit unabsehbaren Konsequenzen für mich hochschaukelt. Meinem Chef kann ich meine Ängste nur verschlüsselt und bruchstückhaft mitteilen. Oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, ihm intellektuell nicht gewachsen zu sein und dieses Unvermögen auch durch Arbeit bis zur totalen Erschöpfung nicht ausgleichen zu können. Ich bin ihm immer noch zu langsam und umständlich im Denken und Handeln. Bei ihm geht es um das “big business”, während ich wie ein kleiner Schuljunge mit meinen Sandförmchen dastehe und mich darüber beklage, dass andere meine Sandburg zusammentrampeln. Ich kann nur eines tun: die Lunte anzünden, in Deckung gehen und abwarten, was passiert. Wenn der Dreck bei der Explosion hoch genug spritzt, schalten sich vielleicht auch höhere Chargen mit ein. Besonders konstruktiv ist das alles nicht. Ich würde gerne – so wie früher – einen Plan ausarbeiten, Zeit für die Vorstellung reservieren und den Nutzen für alle herausstellen, um den Plan anschließend Schritt für Schritt und gemeinsam in Angriff zu nehmen. Diese Übersicht und Zeit habe ich nicht mehr. Die Effekte meiner Arbeit sind schon recht eigenartig: während ich mich von allen Seiten unter Druck gesetzt fühle, zu produzieren und zu “verkaufen”, ist doch niemand mit den Ergebnissen so richtig zufrieden. Häufig sind meine Berichte, Memos und Protokolle einfach zu akkurat, genau, gründlich und ausführlich. Mein Chef beherrscht dagegen die Kunst, alles im Ungefähren zu belassen und umgeht so die Gefahr, irgendjemanden auf die Zehen zu treten. Am schlimmsten ist aber mein Einzelkämpferdasein, bei dem es niemanden gibt, der Einblick in meine Probleme hätte und mit dem ich mich darüber austauschen könnte. Es mag Einbildung sein, aber oft habe ich das Gefühl, meine berufliche Existenz hänge am seidenen Faden des Wohlwollens meiner Vorgesetzten, der bei nicht gefälliger Performance jederzeit auch durchschnitten werden könnte. Mir wird zwar bei jeder Gelegenheit das Gegenteil versichert, aber mein Misstrauen läßt sich nicht so einfach einschläfern, besonders weil ich immer das abschreckende Beispiel meines Vorgängers vor Augen habe. – Interessant war auch eine Fortbildungsveranstaltung, auf der ich vor Krankenschwestern und zukünftigen “Case – Managerinnen” gemeinsam mit meinen Kollegen als Referent gebucht war (die Erklärung , was Case-Management ist und welche Ziele damit verfolgt werden, würde den Rahmen dieses Eintrags sprengen. Behelfsweise sei hier auf Google verwiesen). Während ich einen knapp einstündigen Vortrag über mein Thema hielt, der zu lebhaften Diskussionen führte und meiner Meinung nach recht positiv aufgenommen wurde, gestalteten meine Kollegen einen ganzen Tag mit Vorträgen. Sie erhielten danach eine weitaus bessere Bewertung als ich. “Kunststück”, dachte ich bitter. “Ihr Thema ist zwar hochinteressant, hat aber nur wenig praktische Relevanz für die Teilnehmer. Außerdem ist ihr Thema geordnet, von vorne bis hinten nachvollziehbar und nicht so verdrängungsgefährdet und kompliziert wie meines.” Aber es kann auch sein, dass ich einfach nur neidisch bin. (Diese Erklärung ist zwar beliebt, geht aber, wie so vieles, was vorschnell auf die emotionale Schiene abgeschoben wird, komplett an der Sache vorbei.)



Montag, 6. August 2007 21:35
Hm, das liest sich nicht gut, denn wenn der Gedanke an die Arbeit solch massive körperlichen Symptome hervorruft, dann liegt da was im Argen. Über das Thema Qualifikation würde ich mir nicht so viele Gedanken machen. Formal kannst du wahrscheinlich nicht die für diesen Job erforderlichen Abschlüsse vorweisen, aber diese Tatsache war ja deinen Vorgesetzten bekannt, als sie dir diesen Job anboten, so dass an deinen praktischen Qualifikationen wohl kein Zweifel besteht. Gerade als Seiteneinsteiger, der dann auch noch mit einer abteilungsübergreifenden Querschnittaufgabe betraut ist, hat man natürlich in Institutionen mit ihren Machtbereichen und angestammten Erbhöfen einen schweren Stand. Zumindest die Kompetenzfrage würde ich offen ansprechen, damit dieses Thema ein für alle Mal geklärt wird. Und was deine Unterlegenheitsgefühle anbelangt, klar, sie zu verleugnen wäre nicht gut, aber weitaus schlechter ist, wenn du dich von ihnen beherrschen lässt. Sicher, man kann alles immer noch ein bisschen besser machen. Aber schließlich hast du diesen Job ja auch aufgrund deiner bisherigen Leistungen bekommen und die können ja so schlecht nicht gewesen sein,
aufmunternde Grüße aus Hamburg
der Flaneur
Mittwoch, 8. August 2007 22:36
Vielen Dank für deine aufmunternden Worte. Erstaunlicherweise bin ich selbst zutiefst überzeugt davon, dass nur ich diese Aufgabe meistern kann. Es dürfte wohl alles im Lot bleiben, wenn auch andere bemerken, dass mein Projekt nicht nur deswegen wichtig ist, weil es mein Projekt ist, sondern weil auch sie davon profitieren können. An manchen Tagen bin ich eher geneigt zu glauben, dass diese Botschaft verstanden wird, und an manchen Tagen zweifle ich eben sehr stark daran. Heute war jedenfalls einer von den besseren Tagen. LG, WilderKaiser