Die Suche nach Musik

Wenn ich mit Musik eine Stimmung oder ein Gefühl verbinde, dann genügt es nicht, irgendeine Interpretation des Musikstücks zu hören, sondern es muss genau diese Aufnahme sein, um mir das Gefühl in Erinnerung zu rufen. Beim Hören der Musik habe ich dann sofort ein Bild vor Augen, das ich wie einen seltenen Augenblick, in dem eine merkwürdige Klarheit herrscht, konserviert habe und mit den Klängen verbinde. So erging es mir mit drei Solokonzerten von Bach, die höchst selten eingespielt werden, aber in einer anderen Orchestrierung irgendwie falsch und schief auf mich wirken. Es war eine Schallplatte mit einer Aufnahme aus den Siebzigern, auf der die Academy of St. Martin in the fields zu hören war; schon seit Jahren wünsche ich mir, genau dieselbe Musik wieder einmal zu hören, aber jede Recherche verlief bisher im Sand, und meine Mails an die Academy blieben unbeantwortet. Den Solopart übernahm eine Oboe d´amore, die immer leicht gequetscht und unsauber klang, aber gerade das gab den Stücken eine herbe, rauhe, herbstliche Note, die das, was im begleitenden Orchesterpart vielleicht allzu sehr in akademische Interpretation und in historische Spielpraxis abrutschen können, in eine warme Melancholie hüllte, die zum Weinen schön war. Dabei steht mir eindringlich das gelbe Laub der Pappeln am Waldrand unweit des Hauses meiner Eltern vor Augen, die an einem sonnigen Herbsttag aus der Ferne zu mir herüberleuchten, während ich alleine spazierengehe. Und auch die Nocturnes von Chopin, die ich auf einer gelb beklebten Kassette immer und immer wieder anhörte, bis sogar das Band leicht ausleierte, ertrage ich nur in der Einspielung eines tschechischen Pianisten aus den Achtzigern, dessen Namen ich leider vergessen habe. Als ich mir heute bei Bücher Pustet versuchsweise die Nocturnes in der Interpretation von Barenboim anhörte, ärgerte ich mich fast über die reihenweise verschenkten Chancen, aus den Vorgaben Chopins lebendige, funkelnde Musik zu destillieren. Chopin mag vielleicht im Auftreten ein glatter Salonmusiker gewesen sein, seine Musik spricht jedoch eine ganz andere Sprache. Die Nocturnes entführen mich auf einen Berg in der Nähe meines Heimatdorfes, von dem aus man eine fantastische Aussicht auf die Landschaft des Gäubodens hatte. Ich liege im Gras, während über mir das frühsommerliche grüne Laub das Licht der Sonne dämpft und im Schatten eine friedliche, täumerische Atmosphäre zaubert. (Während ich das schreibe, läuft gerade eine Nocturne in Endlosschleife in meinem Kopf. Kein Wunder bei jemandem, der nach dem Klang eines Klaviers, der unbestrittenen Diva unter den Instrumenten, süchtig ist. Vielleicht besitze ich ja auch das absolute Gehör, ich weiß es nicht; wundern würde es mich nicht.) Und auch wenn ich mich immer wieder davon zu überzeugen versuche, dass es ja kein bedeutender Verlust sei, wenn ich die Aufnahmen nicht mehr hören werde, dass ich sowieso viel zu sehr an der Vergangenheit klebe und mich vom Ballast meiner Erinnerungen lösen sollte – es bleibt diese leichte, unterschwellige Panik, den roten Faden meiner eigenen Geschichte zu verlieren. Die Gewißheit, nicht mehr zurück zu können, schmeckt wie die Vorahnung des eigenen Todes. Und auch die Tatsache, das, was mich beim Hören von Musik bewegt, mit Worten nur äußerst unvollkommen wiedergeben zu können.

2 Gedanken zu „Die Suche nach Musik

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