Johannes Paul II….

…soll laut einem Dossier der italienischen Anästhesieprofessorin Pavanelli bei seinem Sterben gegen die von ihm selbst verkündeten Wertvorstellungen verstoßen haben. In der Enzyklika „Evangelium Vitae“ schreibt der Vorgänger Benedikts: „Nicht minder schwerwiegende Bedrohungen kommen auch auf die unheilbar Kranken und auf die Sterbenden in einem Sozial- und Kulturgefüge zu, das bei einer sich immer schwieriger gestaltenden Auseinandersetzung mit dem Leiden und seinem Ertragen die Versuchung verstärkt, das Problem des Leidens dadurch zu lösen, daß man es an der Wurzel ausreibt und den Tod in dem Augenblick vorwegnimmt, den man selbst für den geeignetsten hält.“ Nicht die Parkinson-Krankheit, sondern die unterlassene künstliche Ernährung, die erst zwei Tage vor dem Tode Johannes Pauls II. veranlasst wurde, und die daraus folgende Unterernährung wären demnach der Grund für den Tod des Papstes gewesen. Pavanelli kann sich nicht vorstellen, dass der Papst von den behandelnden Ärzten in der Gemelli-Klinik nicht über mögliche Behandlungsmethoden und ihre Konsequenzen in allen Einzelheiten aufgeklärt worden wäre und der Willen des Papstes keine Berücksichtigung gefunden hätte, denn in diesem Fall hätten sie sich strafbar gemacht und schon allein aufgrund des riesigen Medieninteresses mit der Entdeckung und einer Verurteilung rechnen müssen. Damit würde es sich eindeutig um einen Fall von ärztlicher Sterbehilfe handeln. Sollten sich die fundierten Behauptungen Pavanellis bewahrheiten, könnten sie sich zu einem echten Problem für die Heiligsprechung des Papstes entwickeln. „Wojtyla heilig zu sprechen – nach der Dokumentation von Prof. Pavanelli – hieße, die Kirche spricht eine Person heilig, die sich eines Verhaltens schuldig gemacht hat, das die Kirche selbst verdammt“, erläutert Paolo Flores D´Arcais, Philosoph und Herausgeber der Zeitschrift „Micromega“.
Quelle: 3sat Kulturzeit (Reinhold Jaretzky/Aureliana Sorrento)

Der Gottesbeweis (Fragment 1)

Der Schuss in den blauen Herbsthimmel hallte noch einen Moment lang nach, und er roch ganz kurz den beißenden Geruch der abgefeuerten Schrotpatrone. Es war drei Uhr nachmittags. Etwas weiter vorne stand die Bracke im Schilf und suchte die nicht vorhandenen Enten. Vor dem irrsinnigen Gleißen und Glänzen des Herbstwaldes standen er und sein Vater in abgewetzten, grünen Jägerjacken, aber er sah sich selbst nicht als einen beweglichen Lichtpunkt, sondern als ein immer weiter schrumpfendes schwarzes Loch, das bald von der Landschaft überwältigt werden würde. Sein Vater hatte immer noch dieselben graublauen Augen, mit denen er jetzt knapp an ihm vorbeisah, resignierend und halb missmutig; dieselben graublauen Augen, die beschwörend auf ihn herabgeblickt hatten, als er als Kind im Bett lag und mit seinen Angstattacken rang – sein Vater umschloss dann mit seinen rauhen Händen seine Fußgelenke, und er konnte wieder einschlafen. Noch immer spürte er den Druck dieser Hände. Er liebte seinen Vater, und er hasste ihn, und je intensiver er ihn liebte, um so mehr schoss auch die Flamme des Hasses in ihm hoch. Sein Vater war unrasiert, und wie versteinert starrte er auf das flammende Schilf vor ihnen. Sie hatten heute noch kein Wild erlegt, und sie würden auch keines mehr erlegen. Als sein Vater nach der Pfeife griff, wusste er, dass die Jagd für heute vorüber war. Und wie von den Rändern einer unvollständigen Fotografie ausgehend begann sich dieser Nachmittag ganz leise zu verdunkeln und der Moment einzufrieren. Er sah die Landschaft immer unschärfer werden, und schließlich glitt er ganz langsam zu Boden. Er sah einen rötlichen Schimmer und erinnerte sich ganz kurz an Munchs Bild „Der Schrei“, während seine zitternden Finger über das Gras fuhren und sich in ein Häufchen Schnee krallten. Irgendjemand kam näher und sprach zu ihm. Er verstand es nicht. Dann drückte er ab.

Ich wollte,

ich könnte auch etwas schreiben, was nach lustiger Verzweiflung klingt. Kann ich aber nicht. Und warum rege ich mich überhaupt so auf, wenn eigentlich alles im Normalbereich ist. Der normale, dreckige, alltägliche Wahnsinn. Entweder ich mutiere jetzt auf der Stelle zum Arschloch oder ich stürze mich aus dem Fenster. Oder beides. Nein, so macht das keinen Spass mehr. Dafür, dass die Felsblöcke im Sekundentakt auf mich herniederprasseln, fühle ich mich eigentlich ganz lebendig. So lebendig wie der Frosch, der eigentlich ein Prinz war und von einem Auto überfahren wurde. „Jörg!“

Eigenheiten

Wenn es etwas gibt, das ich so sehr hasse, dass ich darüber zum Mörder werden könnte, dann ist es die ungewollte Zudringlichkeit wildfremder Menschen. Ich habe immer das Gefühl, dass ich mir nie etwas in Ruhe anschauen oder genießen kann, ohne dass auf der Stelle fünf oder sechs Personen auftauchen, die plötzlich genau dasselbe wollen wie ich, mich blöd von der Seite anquatschen, mich antatschen oder sich 5 Zentimeter vor meiner Nase aufbauen. Nur nicht stehen bleiben, nur nichts anfassen, nur nichts schön finden – das ist mittlerweile mein Mantra, wenn ich mich unter Leute begebe. Gut, dass ich normalerweise friedliebend bin und keine Waffen bei mir trage, denn andernfalls säße ich schon längst im Gefängnis.

Telefonkabel

Ich befinde mich gemeinsam mit einer Bekannten in einem Hotelzimmer, in dem wir uns vor einem Killerkommando der Mafia verstecken. Trotz meiner inständigen Bitten, das Licht auszuschalten, damit wir nicht entdeckt werden, betätigt sie immer wieder den Lichtschalter. Die Zimmertüre hat einen großen Glaseinsatz und führt auf einen nicht allzu langen Flur, durch den ich etwas weiter weg die Stimmen der Männer höre, die nach uns Ausschau halten. Ich suche hektisch nach einer Möglichkeit, uns aus dieser Situation zu befreien, während meine Bekannte völlig apathisch und gleichgültig wirkt. Schließlich sehe ich eine Telefonbuchse, aber wo ist das verdammte Telefon? Ich reiße den Schrank auf, der im Zimmer steht, und durchwühle die Fächer mit den muffig riechenden Decken. Endlich halte ich ein Telefon in der Hand. Als ich das Telefon mit zwei Kabeln anschließen will, beginnt das stromführende Kabel in der Buchse zu rauchen und zu schmoren. So kann ich keinesfalls telefonieren. Ich sehe mir die Kabel näher an, und in erhobenen Buchstaben steht darauf: 110 V. Kein Wunder, dass das Telefon bei einem 220 V-Netz nicht funktioniert. Ich ziehe das Kabel wieder aus der Buchse heraus und stecke es dann wieder ein, um zu testen, ob ich das Telefon vielleicht für einen kurzen Anruf bei derPolizei benutzen könnte. Aber die sofort herausspritzenden Funken und der Qualm, der aus der Buchse kommt, lassen auch bei kurzzeitiger Benutzung einen Zimmerbrand befürchten. Als ich höre, wie sich die Stimmen unserem Zimmer nähern, steige ich aus dem Fenster, um zu überprüfen, ob wir uns vielleicht an den Mauervorsprüngen festhalten und so unentdeckt bleiben könnten, während die Männer unser Zimmer durchsuchen. Es sind rosafarbene Stuckvorsprünge, die mein Gewicht sehr gut tragen. Aber meine Bekannte hat Angst vor dem Verkehr auf der Straße und bittet mich, wieder in das Zimmer zurückzukommen. Ich gerate in Panik, weil ich nicht weiß, was wir jetzt noch unternehmen sollen, aber im nächsten Moment stehen wir vor der Freitreppe zum Präsidium und sprechen mit dem Polizeipräsidenten, der uns jovial lachend versichert, dass der Anführer des Kommandos aufgrund unserer Hinweise schnell verhaftet werden könnte.

Besorgnis

Das unglückliche Bewusstsein ist nicht etwa ein Gegensatz zu einem glücklichen Bewusstsein; sein Unglück wird vor allem aus der Einsicht gespeist, dass es aus sich heraus nicht mehr über die Mittel verfügt, einen Zustand des Glücks zu erreichen. Wenn es einen fundamentalen Satz in der abendländischen Philosophie gibt, dann doch wohl diesen, dass jeder Mensch nach Glück strebt. Impliziert dieser Satz aber auch, dass der gegenwärtige Augenblick nur ein Zwischenstadium zu einem noch zu erreichenden, perfekten Zustand sein kann? Das, was die Hauptbeschäftigung der Philosophie war, droht ihr durch die Finger zu rinnen, je größer und existenzieller der nicht zu überbrückende Hiatus zwischen Realität und Utopie wird. Während das Projekt der Moderne noch von einem kaum zu bändigenden Willen zur Erneuerung getragen wurde, leben wir heute, in postpostmodernen Zeiten, im Zustand der allgegenwärtigen Besorgnis. Die Besorgnis leitet sich direkt aus dem zu Besorgenden ab, und die Liste des zu Besorgenden entlässt uns erst am Ende unserer Tage für eine Reise in dunkle Ungewissheit. Und indem wir jeden Tag mit völlig disparaten Anforderungen unter veränderten Umweltbedingungen konfrontiert werden, ändert sich langsam auch unser Verhalten: es wird gleichzeitig hysterischer und gleichgültiger. Denn die einzige Konstante, die wir direkt wahrnehmen und messen können und die sich unserem Verfügungsbereich nicht entzieht, ist unser eigenes Verhalten. Aber wenn wir nach der Richtigkeit unseres Verhaltens und gewisser Entscheidungen fragen, stoßen wir auf ein sich gegenseitig durchdringendes Knäuel von Wertungen, in dem sich ästhetische, ethische und metaphysische Aspekte bis zur Unkenntlichkeit vermischen. So kommt es, dass ethische Fragen auf der Grundlage von ästhetischen Überlegungen entschieden werden. Im Grunde ist die Antwort schon vor der Frage angekommen. Man kann sich nicht mehr zum Abenteuer und zur Freiheit durchfragen, um die Dimension seines Ich auszumessen. Wir können die Impulse der Selbstbestimmung nicht aufgreifen, aber gleichzeitig unsere Persönlichkeit als ein neutrales Medium zur Disposition stellen, das von außen her mit Wertungen „gefärbt“ wird. Wir können uns nicht selbst gegenüberstehen und uns objektiv aus allen Perspektiven betrachten wie ein Produkt, das verbessert oder redesignt werden soll, schon allein aus dem Grund, weil unsere Erfahrungen immer Erfahrungen in der Zeit sind, die uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Weil wir jedoch glauben, dass wir uns verbessern könnten, wenn wir uns nur genügend anstrengten, dass Glück letztendlich also innerhalb unserer Machbarkeitsreichweite läge, gelangen wir nie zu einer Übereinstimmung mit uns selbst. Und so ist die Besorgnis das Symptom einer andauernden Bewusstseinskrise, die sich in einem System sich entziehender und unaufgedeckter Grenzen vollzieht. Es ist ein Leben „als ob“, auch wenn man noch so sehr glauben möchte, dass nun endlich die Premiere stattgefunden hat.

Meine Patientenakte

Ich weiß nicht, ob ich diese Geschichte schon einmal erzählt habe; ich gleiche ja langsam wirklich dem sprichwörtlichen Märchenonkel, der mit dem Märchenbuch am Ende ist und nun erkennen muss, dass die Aufmerksamkeit seiner noch gebannt lauschenden Nichten und Neffen langsam, aber sicher in Langeweile und Ignoranz umschlagen wird. Er kann noch hoffen, eine Geschichte zu finden, die seinen Zuhörern nicht mehr ganz so geläufig ist, aber eigentlich weiß er um die Sinnlosigkeit seines Märchenonkeldaseins. Aber bevor ich jetzt ins melodramatische Fach abgleite, setze ich lieber auf das tragikomische. Als mir im zarten Alter von acht Jahren die Polypen entfernt wurden (der Fachausdruck lautet wohl Adenotomie), fiel ich aufgrund einer länger andauernden Bewußtseinstrübung vom OP-Tisch, was, so schlimm es sich im ersten Moment anhört, zu einer solch ausgeprägten Zufriedenheit mit dem Pflegepersonal führte, dass ich die Stationsschwester als meine Mutter adoptieren wollte und fürderhin im Krankenhaus ein beschauliches Leben zu führen wünschte (inwieweit und ob dieser Wunsch erfüllt wurde, ist mir immer noch nicht ganz klar). „Ach, du bist der, der vom OP-Tisch gefallen ist?“ „Äh, ja.“ Und wie von Zauberhand stand sofort eine Tasse dampfender Kakao auf dem Nachtkästchen und daneben lag ein Stückchen Schokolade. Dennoch werde ich nie den Anblick der blutroten Bettdecke vergessen, als ich völlig benebelt nach der OP das in den Magen geflossene Blut erbrach und panisch nach der Klingel fingerte. Nur ein paar Jahre später tastete mir ein schwer atmender Oberarzt auf dem Bauch herum und teilte mir kurz und knapp mit: „Der Blinddarm, ganz klar. Übermorgen OP.“ Ich wankte wie vom Blitz getroffen durch den schönen Sommertag und verfluchte meine Voreiligkeit: Die Klassenfahrt ins Nördlinger Ries war mit einem Streich zunichte und damit alle Hoffnungen, nähere Bekanntschaft mit der holden Weiblichkeit zu schließen – seit dem letzten Skilager vergötterte ich ja E.-S., aber ich hatte mit meinen Annäherungsversuchen einfach kein Glück. Dennoch fügte ich mich in mein Schicksal, hatte kurz vor der OP, bereits auf dem Tisch liegend, erhöhten Blutdruck – „Du bist wohl aufgeregt“, konstatierte die Anästhesistin. Am Tag darauf war die Wirkung des Anästhetikums verflogen, so dass ein anderes Bedürfnis um so drängender mein Bewusstsein flutete. Und als mir die Schwester eine Urinflasche reichte und ich jammerte: „Ich kann nicht, ich kann nicht“, versammelten sich ihre Kolleginnen zu viert um mein Bett und beratschlagten lautstark, was denn bei länger anhaltender, psychisch bedingter Strullerblockade zu tun sei. „Blasenkatheter, aber das ist ja ziemlich schmerzhaft, der wird ja über den Penis eingeführt und…“ Ich schluckte bei der Vorstellung. (Ich konnte ja lange Jahre kaum glauben, dass der Blasenkatheter tatsächlich über die Harnröhre eingeführt wird, bis ich kürzlich bei einer Fortbildungsveranstaltung eben diese Prozedur bei einem Polytraumapatienten abgebildet sah.) Ich wußte plötzlich, wie sich die Gladiatoren im alten Rom gefühlt haben mussten, die gebannt auf den ausgestreckten Daumen starrten und schon vorher tausend Tode starben, wenn er allzu sehr zitterte. Aus dem Hintergrund erklang wie das erste, zaghafte Lied eines Vogels im Frühling die Stimme der Praktikantin: „Und wenn er auf die Toilette geht?“ „Ja, ja!“, brüllte ich. „Ja stimmt“, stimmten die anderen zögernd zu. „Er könnte ja seine Narbe mit der Hand halten, damit sie nicht wieder aufgeht.“ Und so wurde ich nun als frisch Operierter auf die Toilette geführt. „Ich verstehe schon. Du konntest nicht, weil einfach zu viele Leute im Raum waren und darauf warteten, dass du dein Geschäft erledigst.“

Brainstorming

  • Früher hatte ich mehr Zeit.
  • Im Rahmen der Aktion „Ehrlich währt am längsten“ teilte ich einer Kollegin heute mit, dass ich zu Opern keinen rechten Bezug hätte. Zur Strafe durfte ich heute 3 Stunden lang „Turandot“ aus dem Nebenzimmer lauschen. Das IST Mobbing, du!
  • Wenn man aus einem popeligen Verein austritt, sieht einem keiner der Vereinsmitglieder mehr in die Augen. Jaja, ihr mich auch.
  • Nach 17.00 Uhr trifft man die nettesten Menschen.
  • Mein ungewolltes Engagement als Technik- und EDV-Referent ist der Blödheit meines Vorgängers zu verdanken.
  • Gebügelte Streifenhemden schinden mehr Eindruck als ungebügelte.
  • Die größten Erfolge erziele ich in meiner Freizeit. Ergo benötige ich eindeutig mehr davon. (Äh, von beidem.)
  • Ich wichtle gern und viel. Herum. (Jeder hat seine Schwächen.)