Besorgnis

Das unglückliche Bewusstsein ist nicht etwa ein Gegensatz zu einem glücklichen Bewusstsein; sein Unglück wird vor allem aus der Einsicht gespeist, dass es aus sich heraus nicht mehr über die Mittel verfügt, einen Zustand des Glücks zu erreichen. Wenn es einen fundamentalen Satz in der abendländischen Philosophie gibt, dann doch wohl diesen, dass jeder Mensch nach Glück strebt. Impliziert dieser Satz aber auch, dass der gegenwärtige Augenblick nur ein Zwischenstadium zu einem noch zu erreichenden, perfekten Zustand sein kann? Das, was die Hauptbeschäftigung der Philosophie war, droht ihr durch die Finger zu rinnen, je größer und existenzieller der nicht zu überbrückende Hiatus zwischen Realität und Utopie wird. Während das Projekt der Moderne noch von einem kaum zu bändigenden Willen zur Erneuerung getragen wurde, leben wir heute, in postpostmodernen Zeiten, im Zustand der allgegenwärtigen Besorgnis. Die Besorgnis leitet sich direkt aus dem zu Besorgenden ab, und die Liste des zu Besorgenden entlässt uns erst am Ende unserer Tage für eine Reise in dunkle Ungewissheit. Und indem wir jeden Tag mit völlig disparaten Anforderungen unter veränderten Umweltbedingungen konfrontiert werden, ändert sich langsam auch unser Verhalten: es wird gleichzeitig hysterischer und gleichgültiger. Denn die einzige Konstante, die wir direkt wahrnehmen und messen können und die sich unserem Verfügungsbereich nicht entzieht, ist unser eigenes Verhalten. Aber wenn wir nach der Richtigkeit unseres Verhaltens und gewisser Entscheidungen fragen, stoßen wir auf ein sich gegenseitig durchdringendes Knäuel von Wertungen, in dem sich ästhetische, ethische und metaphysische Aspekte bis zur Unkenntlichkeit vermischen. So kommt es, dass ethische Fragen auf der Grundlage von ästhetischen Überlegungen entschieden werden. Im Grunde ist die Antwort schon vor der Frage angekommen. Man kann sich nicht mehr zum Abenteuer und zur Freiheit durchfragen, um die Dimension seines Ich auszumessen. Wir können die Impulse der Selbstbestimmung nicht aufgreifen, aber gleichzeitig unsere Persönlichkeit als ein neutrales Medium zur Disposition stellen, das von außen her mit Wertungen „gefärbt“ wird. Wir können uns nicht selbst gegenüberstehen und uns objektiv aus allen Perspektiven betrachten wie ein Produkt, das verbessert oder redesignt werden soll, schon allein aus dem Grund, weil unsere Erfahrungen immer Erfahrungen in der Zeit sind, die uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Weil wir jedoch glauben, dass wir uns verbessern könnten, wenn wir uns nur genügend anstrengten, dass Glück letztendlich also innerhalb unserer Machbarkeitsreichweite läge, gelangen wir nie zu einer Übereinstimmung mit uns selbst. Und so ist die Besorgnis das Symptom einer andauernden Bewusstseinskrise, die sich in einem System sich entziehender und unaufgedeckter Grenzen vollzieht. Es ist ein Leben „als ob“, auch wenn man noch so sehr glauben möchte, dass nun endlich die Premiere stattgefunden hat.

2 Gedanken zu „Besorgnis

  1. Das ganze Problem liegt darin, dass zwar einige erkennen, dass Glück, zumindest teilweise innerhalb der eigenen Machbarkeit liegt, aber dabei die ewigen Gesetze des Lebens vergessen – mal schwimmt man oben und mal unten. Und Strampeln hilft da nur wenig. Sobald man das akzeptiert hat, ist die Übereinstimmung schon sehr viel näher. ;o)

  2. Hallo Zucker! Du hast natürlich recht, aber es gibt niemanden mehr, der das Nichtstrampeln für gut heißen würde. Die Fließrichtung ist eben eine andere geworden, und mit dem Strom zu schwimmen, kann bedeuten, sehenden Auges in einen unhaltbaren Zustand hineinzuschlittern. Nur das Dagegen-Anstrampeln gibt einem das Gefühl, sein Leben unter Kontrolle zu haben. Hilfe, egal in welcher Form, können wir leider nicht mehr erwarten. LG, WilderKaiser

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