Der Gottesbeweis (Fragment 1)

Der Schuss in den blauen Herbsthimmel hallte noch einen Moment lang nach, und er roch ganz kurz den beißenden Geruch der abgefeuerten Schrotpatrone. Es war drei Uhr nachmittags. Etwas weiter vorne stand die Bracke im Schilf und suchte die nicht vorhandenen Enten. Vor dem irrsinnigen Gleißen und Glänzen des Herbstwaldes standen er und sein Vater in abgewetzten, grünen Jägerjacken, aber er sah sich selbst nicht als einen beweglichen Lichtpunkt, sondern als ein immer weiter schrumpfendes schwarzes Loch, das bald von der Landschaft überwältigt werden würde. Sein Vater hatte immer noch dieselben graublauen Augen, mit denen er jetzt knapp an ihm vorbeisah, resignierend und halb missmutig; dieselben graublauen Augen, die beschwörend auf ihn herabgeblickt hatten, als er als Kind im Bett lag und mit seinen Angstattacken rang – sein Vater umschloss dann mit seinen rauhen Händen seine Fußgelenke, und er konnte wieder einschlafen. Noch immer spürte er den Druck dieser Hände. Er liebte seinen Vater, und er hasste ihn, und je intensiver er ihn liebte, um so mehr schoss auch die Flamme des Hasses in ihm hoch. Sein Vater war unrasiert, und wie versteinert starrte er auf das flammende Schilf vor ihnen. Sie hatten heute noch kein Wild erlegt, und sie würden auch keines mehr erlegen. Als sein Vater nach der Pfeife griff, wusste er, dass die Jagd für heute vorüber war. Und wie von den Rändern einer unvollständigen Fotografie ausgehend begann sich dieser Nachmittag ganz leise zu verdunkeln und der Moment einzufrieren. Er sah die Landschaft immer unschärfer werden, und schließlich glitt er ganz langsam zu Boden. Er sah einen rötlichen Schimmer und erinnerte sich ganz kurz an Munchs Bild „Der Schrei“, während seine zitternden Finger über das Gras fuhren und sich in ein Häufchen Schnee krallten. Irgendjemand kam näher und sprach zu ihm. Er verstand es nicht. Dann drückte er ab.

6 Gedanken zu „Der Gottesbeweis (Fragment 1)

  1. riecht man eine abgefeuerte schrotpatrone „ganz kurz“ oder hängt das nicht vielleicht länger in der luft? vielleicht kannst du das „ganz kurz“ streichen und das „beißend“ dadurch charakterisieren, dass er nicht roch, sondern dass ihm der geruch in die nase stieg.
    ist der text fertig?
    dann hab ich ihn nicht verstanden am schluss 🙁

  2. Ich finde, „ganz kurz“ passt schon, denn das, was am Anfang beschrieben wird, ist nur eine verwaschene, undeutliche Erinnerung, die noch einmal – ja, und jetzt verrate ich es – vor dem Tod aufblitzt. Also, es handelt sich um den Schluss der Erzählung, der vorneweg erzählt wird. „Dann drückte er ab“ lässt mehrere Interpretationen zu – es könnte sich um Mord, aber auch um Selbstmord handeln. Aus der Erzählung soll dann hervorgehen, dass es sich um letzteres handelt. Deine Version ist genauer, aber erscheint mir einfach zu realistisch. Jetzt habe ich aber wirklich jeden „Suspense“ zerstört. Noch was? LG, WilderKaiser
    😉

  3. HM. Also so, wie ich vermutete. Der Schuss ist das letzte was er hört, zusammen mit dem Geruch seine letzte Sinneswahrnehmung, dann kurze Rückblende und am Ende wieder Bogen zum Anfang.
    Nur dass es noch nicht ganz so hundertpro funktioniert, wie du beabsichtigt hattest. Es ist noch nicht völlig klar, finde ich. Vielleicht kannst du es noch stärker herausarbeiten?Leider habe ich auf die Schnelle auch keinen konstruktiven Vorschlag dazu parat … Vielleicht fällt mir noch was ein …

  4. Der zeitliche Ablauf stellt sich so dar: 1. Schuss löst Erinnerung aus (und Vorahnung des nahenden Todes), 2. Schuss fällt, als die Stimmen näherkommen. Ja, ich hätte genauer sagen sollen: beim 1. Schuss wurde er angeschossen, beim 2. tötete er sich selbst.

  5. Beim zweiten Schuss tötete er den Vater – so hatte ich angenommen.
    Wie auch immer: TOLL!

    Beim Lesen kam mir übrigens Dein Traum mit der Hinrichtung in den Sinn.

    Lieben Gruß – Traumzeit

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