Die Widderherde

Auf einem Höhenweg gehe ich auf eine eingestürzte Steinmauer mit einem Torbogen zu. Im Hintergrund sind kahle Bäume zu erahnen; es ist Herbst, und alles Dinge sind mit einem matten, grauen und unwirklichen Farbton überzogen. Im Grundstück hinter der Steinmauer entdecke ich meine Familie und einige andere Personen, die mir von dort aus entgegengehen. Aber ohne dass ich sie bemerkt hätte, beißen sich plötzlich zwei Hunde, einer mit beigem, einer mit schwarzem Fell, an meinem rechten und linken Handgelenk fest. Ich will sie abschütteln, aber es gelingt mir nicht. Ein riesiger schwarzer Hund steht etwas abseits auf dem taunassen Gras. Als meine Eltern näherkommen, erteilt mein Vater den Hunden kurze Befehle, so dass sie von mir ablassen. Jetzt aber stürmen aus dem Garten Dutzende von aggressiven, schwarzen Widdern, die mit ihren Hörnern hart an meine Schenkel stoßen. „Geh uns aus dem Weg!“, sagt der drohende Ausdruck ihrer Augen. Gleichzeitig kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als würden die Tiere und meine Familie vor mir fliehen wollen. Ich höre die Stimme meines Vaters: „Einmal kann man das ja machen, aber mehrmals…“ Als ich die Einfriedung hinter mir lasse, gelange ich plötzlich in das dunkle Innere einer beängstigend großen, leeren Kathedrale. Ich lege mich auf ein Bett, das an einen Stützpfeiler gerückt ist, und sehe, wie das strahlende Licht der aufgehenden Sonne eine Farbsymphonie sehr weit oben unter der Decke zum Leben erweckt. Ein gleißender Strahl fällt auf den golden glänzenden Altar, vor dem das Bett steht. Im Licht fühle ich mich sicher, während ringsherum eine brütende, von unheimlichen Schatten belebte Stille herrscht. Später kehre ich von diesem Ausflug in das Dorf zurück, in dem ich wohne. Zwei unbekannte Begleiter schreiten auf der Straße zum Bahnhof weit aus und unterhalten sich leise flüsternd über mich; dabei sehen sie mich von der Seite her an, bis sie endlich ein gemeines Grinsen aufsetzen und weitergehen. Ich hingegen quäle mich ein paar Metern neben ihnen über Mauern und durch Holzfenster hindurch, bis ich endlich auf die Straße gelange. Von dort aus kann ich jedoch auf den zugefrorenen Stellen der Straße in der Hocke weiterrutschen. Zuhause angekommen, ziehe ich die bunten Vorhänge vor meinem Bett zu und schalte das Licht aus. Mein Mitbewohner läßt sich dadurch jedoch nicht aus der Fassung bringen und übt weiter auf seiner elektrischen Gitarre, deren Ton mir durch Mark und Bein fährt. Ich halte mir mit dem Kissen die Ohren zu, aber ich kann so nicht schlafen, obwohl ich völlig erschöpft bin. Als mein Mitbewohner endlich die Gitarre zur Seite legt, kommen statt seiner zwei weitere Mitbewohner in mein Zimmer und setzen sich in zwei Ledersessel, die am Fußende meines Bettes stehen. Dort unterhalten sie sich lautstark und zünden sich eine Zigarette nach der anderen an. Der Rauch fährt mir jäh und unangenehm in die Nase. Ich schreie sie völlig außer mir an: „Hallo! Ich würde gerne schlafen!“ Beide sehen mich verwundert an. Dabei ist doch klar, dass ich während der Nacht in der Kirche kein Auge zugetan habe.

Der Gottesbeweis (Fragment 3)

„Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder. Der Satz sank in die folgende Stille ein und zog sehr weite Kreise. Sie schwiegen, wieder einmal, während draußen das Rauschen der Autobahn in rhythmischen Stößen auf- und abbrandete. a4-Da5, Aljechin gegen Maroczy, 1931. Er zog an seiner Zigarette und glaubte, bereits gewonnen zu haben. Der Rauch umströmte die weißen Bauern. Er würde gewinnen, da es einfach nicht logisch war, was sein Bruder tat. Im Schach traten die Defizite meistens schlagartig, wie unter einer grellen Beleuchtung, hervor, ohne Ankündigung, und wenn man in einer unübersichtlichen Stellung nicht die Nerven behielt, ging eine Partie meist verloren. Verloren hieß im Schach so viel wie: vernichtet, als Gegner nicht mehr existent, vom Brett gefegt. Er liebte die Struktur, die absolute Ordnung, die in den Dingen selbst enthalten zu sein schien und nie verschwand, selbst wenn sie auf einer höheren Ebene aufgehoben zu sein schien. Er kannte das Lateinische und Altgriechische, aber ihn interessierte einzig und allein das Sieb der Deklination und Konjugation, durch das er den Stoff der Wirklichkeit hindurchpressen konnte. Dass es die Grammatik gab, bewies ihm, dass die Realität grundsätzlich ordnungsfähig war. Er hörte jemanden reden und wußte instinktiv, was und wie derjenige dachte. Es war der Stil, an dem er den Charakter erkannte. Das reduzierte die Welt auf Schrift, Sprache, Symbole, Zeichen und Deutung. „Du bist ein Grammatiker“, sagte sein Bruder, drückte die Zigarette aus und blickte ihn herausfordernd an. Was erwartete er? Eine Szene? Sollte er aufspringen und ihn anbrüllen: „Ja, so ist es“? Er blieb sitzen, auch wenn sein Bruder Recht hatte. Nur nicht so, wie sein Bruder ihm unterstellte. Natürlich fehlte jede ironische Brechung in seinem Glauben, alles von der Sprache herleiten zu können. Er nahm seinen Glauben ernst. Aber er war auch nicht so blind, die Sprache für ein logisches Absolutum zu halten. „Wissen und Nichtwissen bilden die zwei Waagschalen. Und die Waage wird vom Gewicht des Nichtwissens aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Er fröstelte. Er fröstelte, wenn er daran dachte, dass sein Bruder im Teppichmuster tausende kleine Totenköpfe erkannte. Wer war Aljechin von ihnen beiden? Wer war das Genie? Gab es etwas, das prinzipiell nicht erfassbar war, so sehr er sich auch bemühte? Immer wenn er den Sternenhimmel betrachtete, fühlte er sich hilflos in einem Ozean aus Möglichkeiten treiben. Nur Bachs Musik konnte ihn in solchen Augenblicken trösten. War auch das Grammatik? An jenem Ort, auf den sein Bruder zutrieb, gab es jedenfalls keinen Kosmos, zu dem man hätte aufblicken mögen. Er glich eher einem Inferno. Die Figuren verschwammen ihm plötzlich vor den Augen.

Ich, Speedy

Nachdem ich heute 8 Unterrichtsseinheiten lang VWL und BGB mit Anstand über mich ergehen ließ und einen unfreiwilligen Tip vom Dozenten erhielt, schüttle ich jetzt die „Shock-and-awe„- Parolen wieder ab und gehe zur Tagesordnung über. Eine hiesige Lerngruppe wurde kurzfristig ins Leben gerufen, die sich 2 Minuten über die Straße treffen wird – das kommt meiner Bequemlichkeit natürlich entgegen. Dann muss ich noch meinen Vertrag nach den genauen Bestimmungen zum lästigen und völlig überflüssigen AdA-Schein durchwühlen, bevor mich mit Einkaufen, Kochen und Fernsehen die ersten angenehmeren Ausläufer des Wochenendes erreichen. Das Material stapelt sich hier auf meinem Schreibtisch und verursacht noch ein angenehmes Gefühl. Meinen Chef habe ich heute nicht erspäht, obwohl er, wie ich aufgrund eines zufälligen Zusammentreffens gestern weiß, im gleichen Gebäude MBA-technisch Erleuchtung suchte. Vielleicht ist es auch besser so. Am Montag werde ich ihn sowieso nach drei Wochen Urlaub wiedersehen, fürchte ich. Edit: Es ist die Seuche. Diesmal ist es der Keilriemen der Waschmaschine.

Die Vertreibung aus dem (Musen-) Tempel: ein Versuch über das Amateurtheater in der Provinz

In irgendeinem verschlafenen Nest in Niederbayern hatte ein Regisseur die Idee, dem Publikum nicht mehr das plumpe Komödienstadel-Allerlei zu servieren, das den Dorfbewohner als rückständige und tumbe Karikatur seiner selbst überzeichnete, sondern gehobene Unterhaltung zu bieten, die zwar eingängig, aber intelligent war. Ihm zur Seite gesellte sich eine Gruppe junger Menschen, die sich aus der dörflichen Landjugend heraus formiert hatte und natürlich unter scharfer Beobachtung der Eltern und der Dorfgemeinschaft stand. Dieses Experiment ging erstaunlich lange gut, die Vorstellungen waren schon vor der Premiere regelmäßig ausverkauft, das Dorftheater erwarb sich einen guten Ruf, die Presse wurde aufmerksam und die Gäste kamen aus immer weiter entfernten Orten. Die Räumlichkeiten des Theaters waren in einem kleinem Heim untergebracht, das sich im Besitz der Pfarrei befand. Der damalige Dorfpfarrer entstammte jedoch keiner der ortsansässigen Großbauernfamilien, war daher einer kulturellen Bereicherung seiner bleiern rechtschaffenen Gemeinde gegenüber aufgeschlossen und ließ die Theatergruppe gewähren.

Im Obergeschoß des Hauses befand sich ein Festsaal mit einer Bühne, die sowohl vom Saal aus als auch über eine eingelassene Falltür und eine Hintertreppe erreichbar war. Später kam zu dieser Bühne noch ein kleiner Anbau hinzu, auf dem das Orchester spielte. Im stets zugigen Treppenhaus wurde die Kasse aufgestellt, während das Erdgeschoß in mehrere Räume unterteilt war, die als Umkleide für die Schauspieler dienten. (Von mehreren Personen wurden übrigens unabhängig voneinander spukhafte, unerklärliche Phänomene in diesen Räumen berichtet. Diese Erzählungen sorgten zuverlässig dafür, dass während der Proben niemand alleine in die Küche im Erdgeschoß gehen wollte.) Alles änderte sich mit dem Tag, als ein neuer Pfarrer seinen Dienst in der Gemeinde antrat. Es gab wohl eine delikate Szene in der neuen Inszenierung, in der einer Schauspielerin zu viel Stoff von der blanken Brust rutschte und die ihn peinlich berührt haben mochte. Oder er schenkte den Einflüsterungen eines konservativen Pfarrgemeiderats zuviel Gehör, der die Aufmerksamkeit, die dem Theater von außen zuteil wurde, als Störung des Dorffriedens auffasste. Weiterlesen

Der Suizid

Ich betrete das Haus meiner Großeltern, in dem gerade ein Fest stattgefunden hat. Die Tafel steht noch mitten im Wohnzimmer und ist mit halbgefüllten Tellern, Schüsseln und Gläsern überladen. Die Gäste haben jedoch das Haus verlassen – eine unheimliche Stille hat vom Haus Besitz ergriffen. Auf einem der Stühle an der Tafel sitzt seltsam erstarrt mein Bruder. Als ich von hinten an ihn herantrete, habe ich das Gefühl, er würde jeden Augenblick zu reden beginnen und zu Messer und Gabel greifen. Er wirkt beinahe durchsichtig, als wäre er aus Bernstein, und plötzlich weiß ich, dass er sich selbst umgebracht hat. Ich muss die Polizei und meine Mutter darüber informieren, aber es fällt mir in meiner Verwirrung äußerst schwer, die Tastenkombination 1-1-0 auf meinem Handy einzugeben. Die Stimme des Polizisten, dem ich meine Beobachtungen mitteile, klingt amüsiert, was in einem grellen Kontrast zu der grausigen Entdeckung steht, die ich gerade gemacht habe. „Suizid, Suizid!“, brülle ich immer wieder ins Telefon. Doch der Polizist am anderen Ende der Leitung versteht nicht, worüber ich mich so aufrege. Ich muss also meine Mutter sprechen. Da sie am anderen Ende des Dorfes mit Bekannten weiterfeiert, muss ich sie wohl oder übel dort aufsuchen. Ich will aber die Leiche meines Bruders nicht ungeschützt zurücklassen, da ich befürchte, jemand könnte sie während meiner Abwesenheit entfernen. Als ich nach einer Ewigkeit endlich meine Mutter begrüßen kann, scheint auch sie bester Dinge zu sein und kann gar nicht glauben, was ich ihr erzähle. Wieder bediene ich völlig umständlich mein Handy und rufe die Polizei an. Der Kommissar, mit dem ich nun verbunden werde, stellt mir in harmlosem Ton einige gezielte Fragen. Ich beginne zu ahnen, dass ich des Mordes an meinem Bruder verdächtigt werden könnte, und lege mir bereits gedanklich ein sicheres Alibi zurecht. Dumm nur, dass ich der erste war, der ihn gefunden hat, und nicht sagen kann, was sich vor seinem Tod im Einzelnen abgespielt hat.

Anmerkung: Dass mich der Traum heute sehr stark aufgewühlt und beschäftigt hat, möchte ich nicht ganz unerwähnt lassen. Dabei kam mir vieles wieder in den Sinn, was ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe und in weitestem Sinn das Thema Geschwister aufgreift. Gut möglich, dass die Erzählung „Der Gottesbeweis“ auf diese Weise nach einer Fortsetzung verlangt. Es wird Zeit, sich den Schatten zu stellen.

De gustibus

„De gustibus non est disputandum“ – über Geschmack läßt sich nicht streiten, das ist eine altbekannte Tatsache. Aber wer legt dann fest, was „guten Geschmack“ auszeichnet? Hier sind mehrere Möglichkeiten denkbar: 1. es gibt eine „von oben“ verordnete Geschmacksdiktatur, 2. es gibt einen Geschmacksterror „von unten“ und 3. es gibt eine kleine, elitäre Gruppe, die sich mit ihrer Definition des „guten Geschmacks“ vom Rest abheben will; über Nachahmer verfestigt sich diese Definition ganz allmählich, bis sie zum Allgemeingut wird. Wir ahnen es bereits – der „gute Geschmack“ ist ein Problem der Abgrenzung und der Ränder. Was dem einen kaum ein Achselzucken abringt, ist für den anderen ein himmelschreiender Skandal. Das ist unter anderem auch eine Frage der Frustrationstoleranz, wie man sehr schön hineinpsychologisieren könnte. Schon allein deswegen können wir es nicht lassen, uns mit Geschmacksfragen auseinanderzusetzen. Wenn These und Antithese aufeinanderprallen und sich unauflösbar ineinander verhaken, fühlt man sich unweigerlich an den Merksatz des Königsbergers erinnert, dass sich viele Widersprüche mit den Mitteln der Vernunft nicht auflösen lassen, sondern eben immer auch der Anschauung bedürfen. Die Frage: „Welchen konkreten, anschaulichen Inhalt hat unser Gespräch eigentlich?“ wirkt manchmal Wunder. Das klingt arg realistisch und ist es wohl auch. Weiterlesen

Komm in den totgesagten Park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz
Vergiss auch die letzen astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George