Irgendetwas ging damals zu Ende,

und ich kann nicht einmal sagen, was es war. So wie eben alles zu Ende geht und der Schrecken um sich greift und würgt und einen nicht mehr atmen läßt. Ich hatte eine Anzeige aufgegeben, um meine alte, verstaubte Zither loszuwerden; sie hatte mich nicht gestört, ich brauchte nur etwas Geld, um mir das Nötigste zum Essen zu kaufen. Aber auch das war nicht weiter schlimm, sondern vorhersehbar und unvermeidlich; ich kannte niemanden, den ich um Geld hätte angehen können, und meine Eltern kamen dafür nicht in Frage. Als jedoch der Käufer auftauchte, meine Zither als billigen Schrott bezeichnete und sie misshandelte, um ihr einige falsche Töne zu entlocken, da wußte ich plötzlich sehr genau, was sie mir bedeutete und welchen Teil meines Lebens sie repräsentierte. Ich wollte sie nicht hergeben, aber der Hunger war stärker. Schließlich saß ich vor den Wurstsemmeln und brachte keinen Bissen hinunter. So, denke ich mir, so muss sich der Tod anfühlen.

4 Gedanken zu „Irgendetwas ging damals zu Ende,

  1. Ich hoffe nur, daß durch die Veräußerung der Zither Geld für mehr als eine Wurstsemmel in die Küchenkasse reinkam.

    Ich habe an folgende Geschichte aus meinem Leben denken müssen: Im Alter von etwa 8, 9 Jahren haben meine Eltern für mich ein Akkordeon gekauft: ein Hohner mit 48 Bässen. Dieses Akkordeon hat bestimmt einen sehr stolzen Preis für transsylvanische Verhältnise gehabt. Es war neu und kam aus Hessen. Ich habe im Laufe der Jahre begonnen, dieses Akkordeon zu hassen weil ich immer was vorspielen mußte sobald Besuch kam (Meine Schwester durfte Klavier lernen …). Irgendwann geriet dieses Akkordeon in Vergessenheit bis ich es vor einigen Jahren im Keller meiner Eltern in Bayern fand. Ich durfte es wieder als meines ansehen und spiele gelengentlich drauf. Heute, nach über 30 Jahren, habe ich großen Spaß dabei.

  2. Danke für eure Anteilnahme. Gott sei Dank verfüge ich ja mittlerweile über einen ordentlichen Dispokredit. Die Zither brachte mehr Geld ein, als für ein paar Wurstsemmeln nötig waren, aber diese waren die erste Brotzeit, die ich mir dafür kaufte. Das Zitherspielen war zunächst auch etwas, was mich zu einer Art Zirkusattraktion machte. Aber ich nahm das wirklich ernst und schloss neben dem Zitherunterricht ganz merkwürdige Freundschaften.

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