Der Gottesbeweis (Fragment 2)

Der Knall. Herbst. Immer wieder erwachte er an dieser Stelle aus dem Traum. Und langsam stieg in ihm die Erinnerung daran hoch, wie er als Kind im Winter stundenlang mit seinem Vater in tief verschneiten Wäldern spazieren gegangen war. Die Sonne fiel schräg auf die vereisten Waldwege, die sie auf einer mehr als halbherzigen Pisch beschritten, nur mit Handwärmern und Ferngläsern ausgerüstet. Es schien ihm, als wolle sein Vater manchmal nur eine möglichst große Entfernung zwischen sich und ihrem Haus legen und für eine begrenzte Zeit aus dem Gefängnis der endlosen Streitereien ausbrechen. Auf einer dieser Wanderungen trug er voller Stolz das große Steiner-Fernglas, das er von seinem Vater wie eine Auszeichnung umgehängt bekommen hatte. Die Daten des optischen Systems konnte ihm sein Vater auswendig herunterbeten, wenn er ihn danach fragte und das Fernglas bewunderte. Sein Vater bewahrte es wie eine Reliquie in seinem winzigen Jagdkabinett auf, das in der Regel verschlossen war und das er nur an den Tagen betreten durfte, an denen sich sein Vater besonders großzügig zeigen wollte. Ein Hauch von Waffenöl, das sein Vater zur Reinigung seiner Schrotflinten benutzte, umwehte dessen Kleidung, als er knapp hinter ihm herging. Plötzlich rannte sein Vater vor ihm davon, und als er völlig verblüfft und unschlüssig dastand, rief sein Vater, sich halb umdrehend: „Ein Bär! Ein Bär kommt!“ Es dunkelte bereits, und sein Vater verschwand im Laufschritt hinter der nächsten Wegbiegung. Er hörte zwar noch sein Lachen und seine Schritte, doch die Geräusche entfernten sich immer mehr und wurden schwächer. Unter ihm öffnete sich die Falltür zu den höllischen Flammen seiner eigenen Angst. Sein Vater würde nicht eingreifen, während er mit dem Bären rang, er hatte ja gesehen, dass er selbst Angst vor ihm hatte. Kein Tier kam, aber dafür packte ihn die Panik vor der immer dichter sich auftürmenden Dunkelheit um so heftiger. Er lief los, um seinen Vater einzuholen, stürzte vornüber und landete mit dem Gewicht seines Körpers auf dem Fernglas. Eine Ewigkeit später, in der er sein rasches Ende herbeisehnte, erblickte er über sich das lachende Gesicht seines Vaters, der sich die Tränen aus den Augen wischte: „Hattest du Angst? Aber hier gibt es doch gar keine Bären!“ Als er aufstand, nahm ihm sein Vater das Fernglas ab; eine Linse war beim Fall zerbrochen. Sein Vater fluchte auf dem Heimweg ununterbrochen leise vor sich hin. Und obwohl seinem Vater klar war, dass er diesen Schaden im Grunde selbst verursacht hatte, spürte er doch die vernichtende Wut seines Vaters, die sich nicht an ihm entladen konnte, aber gerade deswegen in seiner Vorstellung alle Dimensionen sprengte. Ja, genau so ist es, dachte er sehr viel später, es gibt keinen wohlwollenden Gott, keinen deus benevolens. Gott erlaubt sich grausame Scherze mit uns und bestraft uns voller Wut, wenn wir unsere Panik nicht ertragen und beim Loslaufen über unsere eigenen Füße stolpern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.