Im Gleichschritt

Ich glaube, dass es ein Beispiel wahren Mutes ist, auf das Mutterkreuz als Mutter mehrerer Kinder zu spucken und es vor den versammelten NS-Funktionären in den Dreck zu werfen, wie es mir ein Augenzeuge geschildert hat. Alles andere ist Heiti-teiti, tut mir leid.

10 Gedanken zu „Im Gleichschritt

  1. Das ist wahrer Mut. Aber jetzt mal ehrlich, du als Mutter in der NS-Zeit – hättest DU es ebenfalls getan? Sag ruhig Ja, den Beweis wirst du schuldig bleiben. ;o)

  2. Nein, ich glaube nicht, dass ich bewusst so weit gegangen wäre. Aber es hätte gut sein können, dass ich aufgrund irgendeiner unbedachten Äußerung oder eines Witzes verhaftet worden wäre. LG, WilderKaiser

  3. Bei einigen (also nicht bei dir, um das gleich vorneweg zu sagen), die sich jetzt mit breiter Brust in die Diskussion werfen und sich das Recht auf Meinungsfreiheit auf ihre Fahnen schreiben, habe ich das dumpfe Gefühl, sie wünschten sich die NS-Zeit zurück, um endlich, endlich die „Wahrheit“ zu erfahren und nicht in historisch-interpretierende Verlegenheiten zu kommen. Im Endeffekt geht es darum, zu beweisen, dass die NS-Zeit „nicht so schlecht“ gewesen sei. Da diese Meinung in einer Demokratie zum Gegenstand von Diskussionen werden kann, muss man, und das ist dann der nächste gedankliche Schritt, die Demokratie abschaffen, um seiner Meinung zum Recht zu verhelfen. Man kann nur nichts ungeschehen machen, und die historische Schuld wird dadurch nicht weniger, dass man sich von ihr reinzuwaschen versucht. Die Wurzel allen „Übels“ aus Sicht der Leute, die das versuchen, ist sicherlich die Antwort, ob es diese Schuld überhaupt gibt. Und solange man diesen Schuldkomplex nicht überwindet, wird die NS-Zeit nicht vorbei sein. Ich glaube, es war Margarete Mitscherlich, die ein Buch über die deutsche „Unfähigkeit, zu trauern“, schrieb. Vielleicht ist das Eingeständnis, verführt und verraten worden zu sein, eines der schwersten überhaupt. Und niemand kann sich auf den Standpunkt zurückziehen: „Ich wollte es ja nicht so!“, denn dann hätte er ja sein Kreuz auf den Wahlzetteln woanders machen können, solange er noch die Möglichkeit dazu hatte. Eben das ist Demokratie: unbequem, kompromisslerisch, nüchtern und völlig utopiefern. Von allen schlechten Regierungsformen ist sie immerhin die beste. Aber wozu erkläre ich das alles? Es ist doch eigentlich selbstverständlich. Die unglücklichen Äußerungen einer Moderatorin hätten mich bestimmt nicht soweit gebracht, aber die sich daran anschließende Diskussion schon.

  4. Und ich weiß gar nicht, warum du bei diesem Thema immer die Demokratie bemühst. Ich habe die Bücher der Hermann nicht gelesen, aber ich hatte weder bei der Talkshow noch bei der Diskussion dazu den Eindruck, dass auch nur ansatzweise jemand die Abschaffung der Demokratie impliziert. Ich meine, die Familie ist nun mal ein lebens- bis überlebenswichtiger Faktor für den Menschen, zumindest in den ersten Lebensjahren. Inzwischen haben wir zwar eine Gesellschaft geschaffen, in der man später auch ohne Familie leben kann, wäre man in der Frühzeit allerdings aus der Sippe ausgestoßen worden, hätten die Chancen dazu nicht sehr gut gestanden. Aber nicht nur das, die Familie gibt dem Menschen in seinen ersten Jahren das Maß an Liebe mit, das er später wieder in die Welt hinausträgt und schafft eine Basis für sein Handeln und Denken. Sie formt das Selbstbild, seine Fähigkeit zu interagieren und das Vertrauen, mit welchem er sein Leben lebt. Leider ist die Familie auch immer wieder mit negativen Erfahrungen verbunden, wie Abhängigkeiten, Gewalt usw. usf. und gerade weil sie so wichtig für einen Menschen ist, schadet das dann um so mehr. Doch nur, weil wir es nicht immer schaffen, liebevoll und respektvoll miteinander umzugehen, sagt ja auch niemand, dass Werte wie Liebe und Respekt nichts taugen. Und nur weil Familie nicht immer positiv gelebt wird und man sie mit Armut, Rechtlosigkeit der Frauen, und diesen ganzen Dingen aus früheren Jahrhunderten in Verbindung bringt, käme es einem kollektiven seelischen Selbstmord gleich zu sagen, Familie sei überholt und nicht erstrebenswert. Es geht vielmehr darum, auch in einer Demokratie der Familie den nötigen Stellenwert einzuräumen OHNE dabei die demokratiefremden und überholten äußeren Strukturen zu übernehmen, es geht darum, Familie neu zu definieren, weg von Begriffen wie Ehe, Blutsbande usw. hin zu Gemeinschaft und einer gesunden Verantwortung füreinander. Es geht darum, einen alten, lebenswichtigen Wert nicht zu vernachlässigen oder ihn weniger „wertzuschätzen“, sondern darum, die neue Definition der Familie mit neuen äußeren Strukturen zu versehen, die keine finanziellen Abhängigkeiten oder etwaige Rechtlosigkeit einzelner Mitglieder mehr zulassen. Es geht darum für das Zusammenleben in der Familie ein neues demokratisches Niveau und Bewußtsein zu erreichen, in dem es möglichst keine politische Ungerechtigkeiten, und ebensowenig Gewalt, Unterdrückung, Machtmißbrauch u.ä. gibt. Aber um dieses zu erreichen, muss man sich des Wertes der Familie für den Menschen BEWUSST sein. Wenn man Familie von vornherein als etwas unerhaltenswertes und altmodisches sieht, wird man der Demokratie erst recht schaden, weil nämlich jede Bewegung einer Gesellschaft in eine sehr einseitige Richtung hin die Tendenz hat, eine genauso starke Gegenbewegung zu erzeugen, sozusagen als Korrektur. Dies ist eigentlich im Grunde eine gesunde Reaktion, da die Menschen unbewußt spüren, dass irgendetwas nicht richtig ist, irgendetwas fehlt. Das Problem dabei ist nur, dass sie dann leichte Beute für Parteien werden, die auf dieser Gegenwelle mitschwimmen, aber eigentlich noch ganz andere Ziele verfolgen, und dass meistens von einem Extrem in das andere gefallen wird. Das war damals bei der Machtergreifung der Nazis schon so, nachdem kurz vorher ein rapider Werteverfall und Wertewandel während der zwanziger Jahre stattgefunden hatte. Da fühlten sich natürlich viele von dem propagierten und neu aufgelegtem alten Geschlechter-Rollenverständnis der Nazis angesprochen. Und auch heute ist das nicht anders, wenn einige Menschen der Meinung sind, dass bei den Nazis nicht alles schlecht war. Für mein Dafürhalten geht deshalb ebenfalls eine große Gefahr von den Leuten aus, die noch nie selbst in einer Diktatur oder inmitten einer Massenpsychose gelebt haben und auch nicht genügend Empathie besitzen, um sich dies mit allen inneren und äußeren Gegebenheiten vorstellen zu können, aber gelernt haben, dass der Faschismus schlecht war, die Nazis schlecht waren und deshalb alles, was braun ist oder seine könnte auf das Strengste zu verurteilen ist, wenn es auch nur im Ansatz geäußert wird, ohne sich auch nur im geringsten ihrer „Mitschuld“, oder sagen wir besser, ihres Einflusses darauf, bewußt zu sein oder überhaupt danach zu fragen (ein wirklich erschreckendes Beispiel für letzteres war diese Talkshow). Damit bringt man zwar eine klare Stellungnahme, kann sich selbst mit einer weißen Weste darstellen, aber mit dieser Verurteilung ist ansonsten keinem geholfen. Es geht nicht darüber, zu diskutieren, ob jemand braun ist oder nicht, ob er sich entschuldigen sollte oder nicht, sondern es geht darum zu fragen – Was ist die Ursache dafür, dass Menschen sich diesem Gedankengut zuwenden oder einzelne Ideen daraus gut finden? Was fehlt diesen Menschen? Gibt es in unserer Gesellschaft Bedürfnisse, die zu wenig berücksichtigt werden? Wie kann man das innerhalb unserer demokratischen Strukturen ändern? Es geht darum, zu erkennen, welche individuellen und gesellschaftlichen Muster zu Ereignissen wie der Machtübernahme der Nazis führten und auch heute wieder solchen Parteien Zulauf bescheren und diese Muster zu durchbrechen.
    Muster zu durchbrechen verlangt die Bewußtheit über ihre Ursache, Funktion und ihr Vorhandensein. Meiner Meinung nach ist deshalb das Grundübel mangelnde Bewußtheit. Doch Bewußtheit kann man nicht erreichen, wenn man einfach nach einem übernommenen Gut-Böse-Schema handelt und urteilt.
    (Als alte Eso-Tante könnte ich auch noch die provokante These aufstellen, dass solche Ereignisse, wie die Machtübernahme der Nazis und der zweite Weltkrieg nur deshalb geschehen sind, um die Menschen zu mehr Bewußtheit zu führen, da sie es ja anscheinend ohne äußere Intervention nicht von alleine schaffen, aber ok, lassen wir das. *gg*)

  5. Natürlich brauchen wir so etwas wie einen sozialen Mikrokitt, damit uns nicht alles um die Ohren fliegt. Das streite ich auch nicht ab. Aber ich glaube auch nicht, dass wir etwas herbeireden können, was so – als Wert – nicht gelebt wird. Allein dadurch, dass ich sage: „Liebe Mütter, nun konzentriert euch mal wieder auf eure Hauptaufgaben!“, wird es keine einzige intakte Familie geben. Dass die Institution Familie schützenswert ist, steht völlig außer Frage. Aber nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, was nach dem konservativen Familienideal kommt, das ich freiweg einfach als gescheitert betrachte, Bindungstheorie hin, Kita her. Oder haben wir einfach keine Lust mehr, uns der frustrierenden Realität zu stellen, und zimmern uns deswegen eine rosafarbene Utopie zurecht, die doch die Politik bitteschön umsetzen soll? Das wäre dann wirklich eine Zeitenwende. Principiis obsta, liebe Freunde. Vielleicht rufe ich auch ins Leere – in vier, fünf Jahren sind wir beide schon zwangsgepfändet, weil wir als Singles den Familienobulus nicht mehr bezahlen können, und unsere Diskussion hier kratzt wirklich kein Schwein mehr. Wenn ich nicht mehr nach meiner Facon selig werden kann und keine Möglichkeit habe, das auch öffentlich kundzutun, sollte ich mich möglicherweise nach einem anderen Land umschauen. Frankreich wäre mir in dieser Hinsicht sehr sympathisch. (Aber bitteschön jetzt keine Diskussion über Sinn und Unsinn der EU.) – Achja, übrigens: bravissimo. Klatsch, Klatsch.

  6. Ooch, wer wird denn da so schwarz sehen? *gg*

    Wenn man nicht so leben könnte, wie man wollte, wäre es in der Tat keine Demokratie mehr. Natürlich ist es etwas ärgerlich, wenn man als Single mehr Steuern und Pflegeversicherung zahlt, aber die Mütter haben als ausgleichende Gerechtigung schließlich auch einige Benachteiligungen, worüber sie sich ärgern dürfen.

    Da ich Optimist bin, hege ich aber nicht die Befürchtung, dass es irgendwann so weit kommt, dass ich wegen der Familien zwangsgepfändet werde. ;o) *toi toi toi – dreimal über den Tisch spuck*

  7. Naja, schwarz sehen könnte auch bedeuten: in vier oder fünf Jahren bin ich bereits verheiratet und warte gemeinsam mit meiner Frau auf die Geburt unseres zweiten Kindes…wer weiß…gar nicht auszumalen…

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