De gustibus

„De gustibus non est disputandum“ – über Geschmack läßt sich nicht streiten, das ist eine altbekannte Tatsache. Aber wer legt dann fest, was „guten Geschmack“ auszeichnet? Hier sind mehrere Möglichkeiten denkbar: 1. es gibt eine „von oben“ verordnete Geschmacksdiktatur, 2. es gibt einen Geschmacksterror „von unten“ und 3. es gibt eine kleine, elitäre Gruppe, die sich mit ihrer Definition des „guten Geschmacks“ vom Rest abheben will; über Nachahmer verfestigt sich diese Definition ganz allmählich, bis sie zum Allgemeingut wird. Wir ahnen es bereits – der „gute Geschmack“ ist ein Problem der Abgrenzung und der Ränder. Was dem einen kaum ein Achselzucken abringt, ist für den anderen ein himmelschreiender Skandal. Das ist unter anderem auch eine Frage der Frustrationstoleranz, wie man sehr schön hineinpsychologisieren könnte. Schon allein deswegen können wir es nicht lassen, uns mit Geschmacksfragen auseinanderzusetzen. Wenn These und Antithese aufeinanderprallen und sich unauflösbar ineinander verhaken, fühlt man sich unweigerlich an den Merksatz des Königsbergers erinnert, dass sich viele Widersprüche mit den Mitteln der Vernunft nicht auflösen lassen, sondern eben immer auch der Anschauung bedürfen. Die Frage: „Welchen konkreten, anschaulichen Inhalt hat unser Gespräch eigentlich?“ wirkt manchmal Wunder. Das klingt arg realistisch und ist es wohl auch.

Könnte man diesen Sachverhalt – „de gustibus non est disputandum“ – nun auch auf die ethische und womöglich sogar metaphyische Ebene transponieren? „Nein, niemals!“, höre ich bereits den Aufschrei. Wer Ästhetik, Ethik und Metaphysik vermischt und nicht klar voneinander trennt, begeht weit mehr als einen philosophischen Fauxpas. Was uns nur ein bißchen im Magen herumgrummelt, ist das „Cogito, ergo sum“ – der Beweis der eigenen Existenz aus sich selbst heraus. Später gipfelt die Entwicklung in der Zurückweisung jedes überindividuellen Ideals vom Standpunkt des absoluten Individuums aus. Was bedeutet das für den Einzelnen?

Kafka schrieb dazu in den Briefen an Milena: „Es ist etwa so, wie wenn jemand vor jedem einzelnen Spaziergang nicht nur sich waschen, kämmen u.s.w. müßte – schon das ist ja mühselig genug –, sondern auch noch, da ihm vor jedem Spaziergang alles Notwendige immer wieder fehlt, auch noch das Kleid nähn, die Stiefel zusammenschustern, den Hut fabricieren, den Stock zurechtschneiden u.s.w. Natürlich kann er das alles nicht gut machen, es hält vielleicht paar Gassen lang, aber auf dem Graben zum Beispiel fällt plötzlich alles auseinander und er steht nackt da mit Fetzen und Bruchstücken. Diese Qual nun, auf den Altstädter Ring zurückzulaufen! Und am Ende stößt er noch in der Eisengasse auf einen Volkshaufen, welcher auf Juden Jagd macht. Mißversteh mich nicht, Milena, ich sage nicht, daß dieser Mann verloren ist, ganz und gar nicht, aber er ist verloren, wenn er auf den Graben geht, er schändet dort sich und die Welt.“ Wenn jeder Halt im Ungefähren verschwimmt, ungreifbar wird, verschiebt sich auch die Aufgabe des Einzelnen ins Ungeheuerliche. Er muss erst jemand – ein Subjekt mit eigenen Anschauungen, Überzeugungen und Werten – werden, um überhaupt ins Blickfeld anderer zu geraten, er muss „etwas aus sich machen“ und alles, was er sagt und tut, gleichsam kommentierend mit Anführungsstrichen und Ausrufezeichen versehen. Es ist nicht selbstverständlich, dass und wie er gehört und verstanden wird. Eine Überanstrengung, die nicht unwesentlich zu einem modernen, unglücklichen Bewusstsein beiträgt, das sich in Reaktion und Rechtfertigung aufreibt. Das Schuldgefühl ist zugleich Hammer und Amboss, zwischen denen das moralische Empfinden an seiner Überdehnung zerbricht. Glück liegt, so gesehen, einzig und allein in der vollkommen rational begründbaren Verbesserung, die immer nur einen Schritt weit entfernt ist.

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