Der Suizid

Ich betrete das Haus meiner Großeltern, in dem gerade ein Fest stattgefunden hat. Die Tafel steht noch mitten im Wohnzimmer und ist mit halbgefüllten Tellern, Schüsseln und Gläsern überladen. Die Gäste haben jedoch das Haus verlassen – eine unheimliche Stille hat vom Haus Besitz ergriffen. Auf einem der Stühle an der Tafel sitzt seltsam erstarrt mein Bruder. Als ich von hinten an ihn herantrete, habe ich das Gefühl, er würde jeden Augenblick zu reden beginnen und zu Messer und Gabel greifen. Er wirkt beinahe durchsichtig, als wäre er aus Bernstein, und plötzlich weiß ich, dass er sich selbst umgebracht hat. Ich muss die Polizei und meine Mutter darüber informieren, aber es fällt mir in meiner Verwirrung äußerst schwer, die Tastenkombination 1-1-0 auf meinem Handy einzugeben. Die Stimme des Polizisten, dem ich meine Beobachtungen mitteile, klingt amüsiert, was in einem grellen Kontrast zu der grausigen Entdeckung steht, die ich gerade gemacht habe. „Suizid, Suizid!“, brülle ich immer wieder ins Telefon. Doch der Polizist am anderen Ende der Leitung versteht nicht, worüber ich mich so aufrege. Ich muss also meine Mutter sprechen. Da sie am anderen Ende des Dorfes mit Bekannten weiterfeiert, muss ich sie wohl oder übel dort aufsuchen. Ich will aber die Leiche meines Bruders nicht ungeschützt zurücklassen, da ich befürchte, jemand könnte sie während meiner Abwesenheit entfernen. Als ich nach einer Ewigkeit endlich meine Mutter begrüßen kann, scheint auch sie bester Dinge zu sein und kann gar nicht glauben, was ich ihr erzähle. Wieder bediene ich völlig umständlich mein Handy und rufe die Polizei an. Der Kommissar, mit dem ich nun verbunden werde, stellt mir in harmlosem Ton einige gezielte Fragen. Ich beginne zu ahnen, dass ich des Mordes an meinem Bruder verdächtigt werden könnte, und lege mir bereits gedanklich ein sicheres Alibi zurecht. Dumm nur, dass ich der erste war, der ihn gefunden hat, und nicht sagen kann, was sich vor seinem Tod im Einzelnen abgespielt hat.

Anmerkung: Dass mich der Traum heute sehr stark aufgewühlt und beschäftigt hat, möchte ich nicht ganz unerwähnt lassen. Dabei kam mir vieles wieder in den Sinn, was ich in letzter Zeit gelesen oder gesehen habe und in weitestem Sinn das Thema Geschwister aufgreift. Gut möglich, dass die Erzählung „Der Gottesbeweis“ auf diese Weise nach einer Fortsetzung verlangt. Es wird Zeit, sich den Schatten zu stellen.

3 Gedanken zu „Der Suizid

  1. Im Zusammenhang mit meinem Traum macht mich das doch ziemlich betroffen. Der Berührungspunkt ist das „Bagatellisieren“, das – zumindest nach meinem Empfinden – in Deinem Traum geschieht. Auf der Seite des Traum-Ich vermute ich Entsetzen und Verzweiflung, und letztlich Schuldgefühle.

    Du schreibst, es sei Zeit, sich den Schatten zu stellen. Dem entnehme ich, dass Du weißt, wie Du es angehen kannst? Was meinen Martin anbelangt, tappe ich noch im Dunkeln. Von daher meine interessierte Frage.

    Bin gespannt, wie es bei Dir weitergeht.

  2. Ich kann dir nicht sagen, ob ich tatsächlich weiß, wie ich es angehen soll. Mein Plan besteht darin, alle Erinnerungen in eine stark autobiographisch gefärbte Geschichte zu packen, die die wesentlichen Eckpunkte meines bisherigen Lebens abdeckt. Ob sich die Geschichte trägt, ob ich meinen „Fahrplan“ für die Erzählung durchhalten kann und ob sich ein Puzzleteil zum anderen fügt, ist noch mehr als ungewiss und steht auf einem ganz anderen Blatt. Dennoch – ich will und werde weiterschreiben, auch wenn ich angesichts dieses Projektes doch mehr als wacklige Knie habe. Vielleicht gelingt es mir ja auf diesem Weg, durch dieses Geflecht von Lügen, aus denen meinen Vergangenheit und meine Gegenwart besteht, zu einer Art Wahrheit oder Objektivität durchzudringen. Ich hatte immer den Eindruck, ich müsse, um zu mir selbst zu gelangen, erst die raffiniert gestrickten Familienmythen entlarven. LG, WilderKaiser

  3. Einen „Fahrplan“ in der Hand zu haben, finde ich für den Anfang gut. Ich glaube, wenn man nicht zu sehr an diesen Plan festhält, kann es eine sehr spannende Reise werden. Vielleicht müssen sich die Puzzleteile auch nicht zusammenfügen – ein offenes Ende, damit das Leben immer noch wieder neue Puzzleteile servieren kann – so stelle ich es mir gerade vor. Also, ich stelle mir das so vor, aber ich schreibe Dir das natürlich nicht vor, wenngleich ich hier schreibe. 😉
    Uih ja, wackelige Knie hätte ich auch. Aber der Weg hört sich auch sehr spannend an. Fast möchte ich Dich drum beneiden, denn ich würde die Schreibarbeit nicht zustande bringen.

    Ja, das „Geflecht der Lügen“ beschrieb ich mal als inneren Schrott, der einen belastet und teils auch durch die Last verbiegt. Es ist harte und manchmal auch schmutzige Arbeit, aber es ist ein Weg zu mehr Freiheit – daran glaube ich. Liebe Grüße, Marianne

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