Blutentnahme

Gesicht Ich werde wegen einer rätselhaften Krankheit zur Blutentnahme gebracht. Eine Ärztin wartet bereits auf mich und begrüßt mich. Wir stehen mitten im Freien. Um das Blut zu stauen, wird mir eine Manschette um den rechten Oberarm gelegt. Einen kurzen Augenblick später sehe ich, dass die Ärztin meinen rechten Unterarm in der Hand hält, aus dem wie Gummischläuche die blau gefärbte Vene und eine rot gefärbte Arterie hängen. Die Ärztin reibt mit Daumen und Zeigefinger an der Arterie, um das Blut aus dem Unterarm zu gewinnen. So wie sie es tut und mich dabei anlächelt, hat es eine beinahe zärtliche und erotische Note. Ein Hauch von Lust und Begehren liegt in der Luft, der seltsam körperlos ist. „Das ist eine neue Form der Blutentnahme. Damit kann man die Creme besser einfangen.“, erklärt sie mir, während das Blut wie schwarzer Holundersirup in einen am Boden stehenden Reagenzkolben tropft. Sie meint sicherlich irgendeinen Blutbestandteil, den sie nun in besonders reiner Form separieren und untersuchen kann. Plötzlich fährt ein siedend heißer Schmerz in meinen Körper, der an der Grenze des Erträglichen liegt. Ich betrachte meinen Oberarm und stelle fest, dass an der Stelle, an der die Manschette angelegt war, eine breite Operationsnarbe rund um den ganzen Arm verläuft. Der Bizeps scheint irgendwie verdreht angebracht zu sein und ich fühle, dass er mir wie ein schlecht sitzendes Kleidungsstück nicht passt und unablässig Schmerzen bereitet. Vor meiner Tante und meinem Onkel schlage ich später meinen Hemdsärmel zurück – der ganze Arm ist bleich und von schwarzen Muttermalen übersät – und sage: „Ich werde wohl mehr Krafttraining betreiben müssen, damit sich das wieder einrenkt.“

Anmerkung: In der antiken Temperamentenlehre wurde die Melancholie durch einen Überschuss von schwarzer, verbrannter Galle erklärt, der sich im Blut befand. An Melancholie Leidende wurden folgerichtig in der Vergangenheit häufig zur Ader gelassen.

Photographs and memories

MemoriesAuf dem Foto links veröffentliche ich auf die Anregung von Jules hin ein wüstes Potpourri meiner Erinnerungsstücke, die ich noch aufbewahrt habe. Zu allen Briefe- und Postkartenschreibern habe ich heute keinen Kontakt mehr. Ich finde das eigentlich ziemlich merkwürdig, aber die Zeit bringt so etwas einfach mit sich – man verliert sich aus den Augen und kennt nur noch die Person, mit der man eine kleines Stück des Weges zurückgelegt hat, während einem über die Person, die einem nach Jahren vielleicht wieder begegnet, so gut wie gar nichts bekannt ist.

Ganz links ist abgeschnitten noch das Wort Dagebüll zu erkennen. Das ist die Karte für die Fähre, die mich von der Insel Föhr nach einem einwöchigen Urlaub zurück aufs Festland brachte. Damals schwor ich mir, zu einer besseren Zeit und unter glücklicheren Umständen wieder zurückzukommen, und bis heute ist nichts daraus geworden.

Schließlich noch die grüne Eintrittskarte für die Ausstellung von Picassos Zeichnungen im Amberger Congress Centrum (ACC), die ich zusammen mit einer Kommilitonin am 09.08.1997 besuchte. Es war eine schwierige, komplizierte Beziehung, in der wir meinem Gefühl nach nie über etwas Wesentliches sprachen, sondern uns mit Kunst und Kultur ablenkten. Dass ich mich nach einer langen Periode von mehr oder weniger regelmäßigen Cafebesuchen einfach nicht mehr bei ihr meldete, macht die Sache auch nicht besser.

Darunter liegen drei Briefe von Doris, die nach vielen Irrungen und Wirrungen ihren Wunschpartner gefunden hat und gemeinsam mit ihm ein Kind großzieht. Nachdem wir das Ambrosius in Regensburg als Hauptquartier für unsere abendlichen Ausflüge in Beschlag genommen hatten, begann sich ein Karrussell aus Alkohol, Drogen und wilden Affären zu drehen, das weder sie noch ich stoppen konnten. Ich steckte damals im Hauptstudium fest und hatte große Probleme, mich angemessen auf meine Seminare vorzubereiten und mich auf den unterrichteten Stoff zu konzentrieren.

Über den Postkarten steckt noch ein Brief von Masu, die ich über den GMX-Chat kennen gelernt hatte. Sie war 10 Jahre älter als ich und lebte in Hamburg. Unsere Bekanntschaft gelangte nie über den virtuellen Raum hinaus, aber wir kamen uns trotz dieser Distanz sehr nahe. Damals saß ich noch vor einem billigen 15-Zöller und bediente den ersten PC, den ich mir selbst gekauft hatte. Der Chat reichte natürlich nicht – wir telefonierten auch noch und schlugen uns so, telefonierend und tippend, einige Nächte um die Ohren – zusammen, aber irgendwie auch einsam.

Die Postkarte mit dem Ausschnitt eines blauen Himmels zeigt die Kirche von Assisi, wohin sich A. in einem Anfall von Verzweiflung im Sommer zusammen mit einer Reisegruppe geflüchtet hatte, was sie – der Postkarte nach zu urteilen – schon auf der Fahrt dorthin bitter bereute. Ich zitiere: „Gruppendynamik ist, wenn 12 über die 13. Person lästern! Seit wir dauernd lästern, ist der Urlaub wieder erholsam, aber nächstes Mal keine Gruppe mehr!!“

Dahinter die Grüße vom Höllsteinsee aus dem Bayerischen Wald, die mir mein Bruder von seiner Wanderung vom Arber bis Zwiesel geschickt hatte. Ich durfte während dieser Zeit seine Dachwohnung in Kleinprüfening hüten und die Zimmerpflanzen mit Wasser versorgen. Am meisten zog mich das elektrische Klavier an, das im Zimmer stand und auf dem ich die immergleichen melancholischen Stücke spielte.

Die gelbe Postkarte zeigte eine gelbe Rosenblüte in Großaufnahme. Auf der anderen Seite schrieb mir die angehende Architektin: „Let me be your valentine!“ Wahrscheinlich sitzt sie heute in einem Architekturbüro über Pläne gebeugt oder treibt sich in gelben Gummistiefeln auf irgendwelchen Baustellen herum.

Das kleine Büchlein über mein Sternzeichen „Stier“ schenkte mir eine liebe Person zum Geburtstag. Anfangs war ich wirklich blind für den Wert dieses Geschenks, aber nach und nach wurde es immer wichtiger für mich – als Geste und als Symbol.

Achtung, scharf!

Brieföffner Was hier aussieht wie ein zu Tode designtes Logo und als solches für ein Startup mit dem originellen Namen Snakemail Verwendung finden könnte, ist in Wirklichkeit das ultimative Weihnachtsgeschenk für Nerds mit eingebauter Verletzungsgefahr. Da ich für meine Webaffinität bekannt bin, erhielt ich dieses hilfreiche Tool sogar kostenlos. Damit macht dann sogar das Aufschlitzen von Briefen mit Rechnungsinhalt wieder richtig Spaß. Oder, naja, fast.

Ist Denken besser als Empfinden?

Zucker stellte bei einer Diskussion im Nächtebuch diese Frage. Zugegeben, ich habe auch keine klare Antwort und bin hin-und hergerissen, weil sich die Waagschale bald auf diese, bald auf jene Seite neigt, je nachdem, welche Gründe mir gerade stichhaltiger erscheinen. Es wird wohl so sein, dass das eine ohne das andere weder denk- noch lebbar und erst recht nicht wünschenswert ist.

„Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?“, schreibt Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Erklär mir, Liebe.“ Vielleicht ist es gerade das, was das Denken so produktiv, aber auch so einseitig macht: seine Alibi-Funktion. Man zieht sich beim Denken zurück, um „anderswo“, vielleicht sogar in Wolkenkuckucksheim, zu sein. Diese vorübergehende Flucht aus den Anforderungen des Augenblicks birgt aber auch die Gefahr in sich, zum zwanghaften Ausweichmanöver zu werden. Und dann ist die Einsamkeit nicht mehr weit.

„Du sagst, es zählt ein anderer Geist auf ihn.“ Die Empfindung schafft nicht, was uns im Denken noch gelingt: sie kann nichts übertragen, abstrahieren, transponieren. Auch die Kunst ist nur eine besonders geschickte Brechung des Geistes, die unsere Empfindungen anspricht. Was ich empfinde, wenn ich etwas sehe, höre, fühle, schmecke, rieche, bleibt mein innerstes Privatgeheimnis, das ich auch bei allergrößter Nähe nicht enthüllen kann. Und doch ist mir die Empfindung gegenwärtig – veränderlich, flüchtig und daher sehr lebendig.

Würde ich beginnen, Empfinden und Denken gegeneinander aufzurechnen, könnte ich beiden nicht gerecht werden. Das Empfinden ist uns viel näher und vertrauter als das Denken. Aber wirklichen Raum zur Entfaltung gibt uns nur das Denken, das uns auffordert, unsere Grenzen zu überschreiten. Wenn wir denn bereit dazu sind.

Wichtlerius blogoensis

Blogwichteln

Diese seltsame Art gedeiht am besten in amorphen Grüppchen, die sich spontan im Herzen des Internets bilden. Sie besiedeln vor allem in der Vorweihnachtszeit fremde Blogs und treiben dort ihr mehr oder weniger amüsantes Unwesen. An sich sind sie völlig harmlos, aber das rasante Wachstum dieser possierlichen Tierchen erstaunt selbst erfahrene Forscher.

Kurz und knapp – ich bin auch dabei. Ich bin gespannt, was mir blüht, und freue mich darauf, für ein anderes Blog zu schreiben. Und wer´s noch nicht kennt: einfach ausprobieren!

Bitter

Gut, sie ist eben ungerecht, unsere Welt. In Nigeria wütete 1996 die Meningitis, und da sah der amerikanische Pharmariese Pfizer die Gelegenheit, ein neues Antibiotikum in einem groß angelegten Feldversuch an mehreren hundert Patienten zu testen. Es ist umstritten, ob einige Todesfälle auf die Nebenwirkungen des Medikaments zurückzuführen sind; Pfizer weist jede Verantwortung zurück. Die amerikanischen Ärzte von Pfizer wurden anscheinend mit den Ärzten der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ verwechselt und genossen das volle Vertrauen der Bevölkerung.

Hauke Goos schreibt in der Ausgabe 46/07 des „Spiegel“ unter der Überschrift „Das Labor der Weißen“: „Einmal, sagte Mohammed (ein nigerianischer Arzt, Anm. d. Verf.), habe er gesehen, wie ein junger Pfizer-Arzt einem etwa vier Jahre alten Kind Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit entnahm. Für die Diagnose der Meningitis reichen drei, höchstens vier Tropfen; er habe jedoch beobachtet, sagt Mohammed, dass der Arzt mehr als 50 Tropfen entnommen habe. Mohammed befürchtete, dass das Leben des Kindes in Gefahr war. Hirnflüssigkeit schützt das Gehirn vor Erschütterungen, sie wirkt wie ein Polster; ein Erwachsener hat etwa 120 – 200 Milliliter davon, ein Kleinkind deutlich weniger. Entnimmt man zu viel, besteht das Risiko, dass das Stammhirn in die Öffnung des Rückenmarkkanals gedrückt wird. Lebenswichtige Zentren im Stammhirn können dadurch geschädigt werden, im schlimmsten Fall drohen Lähmung oder Tod. ‚Was glauben Sie, wie viel Hirnflüssigkeit in so einem Kind ist?‘, fragte Mohammed den Arzt. ‚Eine Menge‘, sagte der Arzt. ‚Wie viel ist ‚eine Menge‘ für Sie?‘ ‚Mehr als ein Liter.‘ Eine Stunde später starb das Kind.“

Nein, ich bin auf beunruhigende Weise nicht wütend darüber. Aber der bittere Geschmack auf meiner Zunge läßt sich einfach nicht vertreiben.

Positionen im Atheismusstreit

Dass sich Atheisten und Theisten so unversöhnlich gegenüberstehen, liegt aus meiner Sicht vor allem an der Krise der wissenschaftlich-empiristischen Methode. Der Kanon naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle ist ja nicht so festgefügt, wie es gerne unkritisch nach außen vermittelt wird, sondern unterliegt – ähnlich wie die hermeneutisch sich wandelnden Ideen und Theorien der Geisteswissenschaften – einem unaufhaltsamen Prozess der Falsifizierung oder etwas präziser: Validierung. Wir gelangen nicht an ein Ende unseres Verständnisses. Im Gegenteil: hinter jeder Tür, die aufgestoßen wird, öffnen sich mindestens zwei neue.

Streng empiristisch würde ich also daraus ableiten können, dass die Welt als Ganzes schlicht und einfach unerklärlich ist. Hier lauert schon die nächste Falle, in die wir tappen könnten, nämlich die des Kontigenzbeweises; ein schlauer Kopf könnte sich auf diese empirisch abgeleitete Tatsache als Unterfütterung seiner Argumentation stürzen. Aber da müssen wir genauer hinsehen: was erklärbar ist, ist ein Stück des Wollfadens, aber nicht das Wollknäuel – umgekehrt kann der Wollknäuel auch nicht den erkenntnistheoretischen Status des Wollfadens voll und ganz bestimmen, wie es ein Theist in seiner überschäumenden Euphorie vielleicht annehmen könnte.

Wittgenstein war davon so genervt, dass er in seinem „Tractatus“ den Wollfaden einfach abschnitt und dann ein wenig genialisch-naiv glaubte, alle Probleme seien damit gelöst. (Später erkannte er selbst, dass es so einfach nicht sein konnte, und widmete sich den Sprachspielen.) Wenn die Moderne die Trennung des Fadens vom Knäuel im Sinn hatte, wollte sie damit den geisterhaften Spuk der Metaphysik beenden, dessen Grundlage langsam verfiel. Übrig blieb eine entzauberte, aber keineswegs heimelige Welt, der man mit immer objektiveren, distanzierteren Messmethoden auf den zunehmend geschundenen Leib rückte. Weiterlesen