Beiträge vom 18. November 2007

Wichtlerius blogoensis

Sonntag, 18. November 2007 12:58

Blogwichteln

Diese seltsame Art gedeiht am besten in amorphen Grüppchen, die sich spontan im Herzen des Internets bilden. Sie besiedeln vor allem in der Vorweihnachtszeit fremde Blogs und treiben dort ihr mehr oder weniger amüsantes Unwesen. An sich sind sie völlig harmlos, aber das rasante Wachstum dieser possierlichen Tierchen erstaunt selbst erfahrene Forscher.

Kurz und knapp – ich bin auch dabei. Ich bin gespannt, was mir blüht, und freue mich darauf, für ein anderes Blog zu schreiben. Und wer´s noch nicht kennt: einfach ausprobieren!

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Bitter

Sonntag, 18. November 2007 1:52

Gut, sie ist eben ungerecht, unsere Welt. In Nigeria wütete 1996 die Meningitis, und da sah der amerikanische Pharmariese Pfizer die Gelegenheit, ein neues Antibiotikum in einem groß angelegten Feldversuch an mehreren hundert Patienten zu testen. Es ist umstritten, ob einige Todesfälle auf die Nebenwirkungen des Medikaments zurückzuführen sind; Pfizer weist jede Verantwortung zurück. Die amerikanischen Ärzte von Pfizer wurden anscheinend mit den Ärzten der Organisation “Ärzte ohne Grenzen” verwechselt und genossen das volle Vertrauen der Bevölkerung.

Hauke Goos schreibt in der Ausgabe 46/07 des “Spiegel” unter der Überschrift “Das Labor der Weißen”: “Einmal, sagte Mohammed (ein nigerianischer Arzt, Anm. d. Verf.), habe er gesehen, wie ein junger Pfizer-Arzt einem etwa vier Jahre alten Kind Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit entnahm. Für die Diagnose der Meningitis reichen drei, höchstens vier Tropfen; er habe jedoch beobachtet, sagt Mohammed, dass der Arzt mehr als 50 Tropfen entnommen habe. Mohammed befürchtete, dass das Leben des Kindes in Gefahr war. Hirnflüssigkeit schützt das Gehirn vor Erschütterungen, sie wirkt wie ein Polster; ein Erwachsener hat etwa 120 – 200 Milliliter davon, ein Kleinkind deutlich weniger. Entnimmt man zu viel, besteht das Risiko, dass das Stammhirn in die Öffnung des Rückenmarkkanals gedrückt wird. Lebenswichtige Zentren im Stammhirn können dadurch geschädigt werden, im schlimmsten Fall drohen Lähmung oder Tod. ‘Was glauben Sie, wie viel Hirnflüssigkeit in so einem Kind ist?’, fragte Mohammed den Arzt. ‘Eine Menge’, sagte der Arzt. ‘Wie viel ist ‘eine Menge’ für Sie?’ ‘Mehr als ein Liter.’ Eine Stunde später starb das Kind.”

Nein, ich bin auf beunruhigende Weise nicht wütend darüber. Aber der bittere Geschmack auf meiner Zunge läßt sich einfach nicht vertreiben.

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Positionen im Atheismusstreit

Sonntag, 18. November 2007 1:11

Dass sich Atheisten und Theisten so unversöhnlich gegenüberstehen, liegt aus meiner Sicht vor allem an der Krise der wissenschaftlich-empiristischen Methode. Der Kanon naturwissenschaftlicher Erklärungsmodelle ist ja nicht so festgefügt, wie es gerne unkritisch nach außen vermittelt wird, sondern unterliegt – ähnlich wie die hermeneutisch sich wandelnden Ideen und Theorien der Geisteswissenschaften – einem unaufhaltsamen Prozess der Falsifizierung oder etwas präziser: Validierung. Wir gelangen nicht an ein Ende unseres Verständnisses. Im Gegenteil: hinter jeder Tür, die aufgestoßen wird, öffnen sich mindestens zwei neue.

Streng empiristisch würde ich also daraus ableiten können, dass die Welt als Ganzes schlicht und einfach unerklärlich ist. Hier lauert schon die nächste Falle, in die wir tappen könnten, nämlich die des Kontigenzbeweises; ein schlauer Kopf könnte sich auf diese empirisch abgeleitete Tatsache als Unterfütterung seiner Argumentation stürzen. Aber da müssen wir genauer hinsehen: was erklärbar ist, ist ein Stück des Wollfadens, aber nicht das Wollknäuel – umgekehrt kann der Wollknäuel auch nicht den erkenntnistheoretischen Status des Wollfadens voll und ganz bestimmen, wie es ein Theist in seiner überschäumenden Euphorie vielleicht annehmen könnte.

Wittgenstein war davon so genervt, dass er in seinem “Tractatus” den Wollfaden einfach abschnitt und dann ein wenig genialisch-naiv glaubte, alle Probleme seien damit gelöst. (Später erkannte er selbst, dass es so einfach nicht sein konnte, und widmete sich den Sprachspielen.) Wenn die Moderne die Trennung des Fadens vom Knäuel im Sinn hatte, wollte sie damit den geisterhaften Spuk der Metaphysik beenden, dessen Grundlage langsam verfiel. Übrig blieb eine entzauberte, aber keineswegs heimelige Welt, der man mit immer objektiveren, distanzierteren Messmethoden auf den zunehmend geschundenen Leib rückte. weiterlesen

Thema: Ansichten und Einsichten | Kommentare (5)
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