Bitter

Gut, sie ist eben ungerecht, unsere Welt. In Nigeria wütete 1996 die Meningitis, und da sah der amerikanische Pharmariese Pfizer die Gelegenheit, ein neues Antibiotikum in einem groß angelegten Feldversuch an mehreren hundert Patienten zu testen. Es ist umstritten, ob einige Todesfälle auf die Nebenwirkungen des Medikaments zurückzuführen sind; Pfizer weist jede Verantwortung zurück. Die amerikanischen Ärzte von Pfizer wurden anscheinend mit den Ärzten der Organisation “Ärzte ohne Grenzen” verwechselt und genossen das volle Vertrauen der Bevölkerung.

Hauke Goos schreibt in der Ausgabe 46/07 des “Spiegel” unter der Überschrift “Das Labor der Weißen”: “Einmal, sagte Mohammed (ein nigerianischer Arzt, Anm. d. Verf.), habe er gesehen, wie ein junger Pfizer-Arzt einem etwa vier Jahre alten Kind Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit entnahm. Für die Diagnose der Meningitis reichen drei, höchstens vier Tropfen; er habe jedoch beobachtet, sagt Mohammed, dass der Arzt mehr als 50 Tropfen entnommen habe. Mohammed befürchtete, dass das Leben des Kindes in Gefahr war. Hirnflüssigkeit schützt das Gehirn vor Erschütterungen, sie wirkt wie ein Polster; ein Erwachsener hat etwa 120 – 200 Milliliter davon, ein Kleinkind deutlich weniger. Entnimmt man zu viel, besteht das Risiko, dass das Stammhirn in die Öffnung des Rückenmarkkanals gedrückt wird. Lebenswichtige Zentren im Stammhirn können dadurch geschädigt werden, im schlimmsten Fall drohen Lähmung oder Tod. ‘Was glauben Sie, wie viel Hirnflüssigkeit in so einem Kind ist?’, fragte Mohammed den Arzt. ‘Eine Menge’, sagte der Arzt. ‘Wie viel ist ‘eine Menge’ für Sie?’ ‘Mehr als ein Liter.’ Eine Stunde später starb das Kind.”

Nein, ich bin auf beunruhigende Weise nicht wütend darüber. Aber der bittere Geschmack auf meiner Zunge läßt sich einfach nicht vertreiben.

Datum: Sonntag, 18. November 2007 1:52
Themengebiet: Zeitlinien Trackback: Trackback-URL
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