Ist Denken besser als Empfinden?

Zucker stellte bei einer Diskussion im Nächtebuch diese Frage. Zugegeben, ich habe auch keine klare Antwort und bin hin-und hergerissen, weil sich die Waagschale bald auf diese, bald auf jene Seite neigt, je nachdem, welche Gründe mir gerade stichhaltiger erscheinen. Es wird wohl so sein, dass das eine ohne das andere weder denk- noch lebbar und erst recht nicht wünschenswert ist.

“Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?”, schreibt Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht “Erklär mir, Liebe.” Vielleicht ist es gerade das, was das Denken so produktiv, aber auch so einseitig macht: seine Alibi-Funktion. Man zieht sich beim Denken zurück, um “anderswo”, vielleicht sogar in Wolkenkuckucksheim, zu sein. Diese vorübergehende Flucht aus den Anforderungen des Augenblicks birgt aber auch die Gefahr in sich, zum zwanghaften Ausweichmanöver zu werden. Und dann ist die Einsamkeit nicht mehr weit.

“Du sagst, es zählt ein anderer Geist auf ihn.” Die Empfindung schafft nicht, was uns im Denken noch gelingt: sie kann nichts übertragen, abstrahieren, transponieren. Auch die Kunst ist nur eine besonders geschickte Brechung des Geistes, die unsere Empfindungen anspricht. Was ich empfinde, wenn ich etwas sehe, höre, fühle, schmecke, rieche, bleibt mein innerstes Privatgeheimnis, das ich auch bei allergrößter Nähe nicht enthüllen kann. Und doch ist mir die Empfindung gegenwärtig – veränderlich, flüchtig und daher sehr lebendig.

Würde ich beginnen, Empfinden und Denken gegeneinander aufzurechnen, könnte ich beiden nicht gerecht werden. Das Empfinden ist uns viel näher und vertrauter als das Denken. Aber wirklichen Raum zur Entfaltung gibt uns nur das Denken, das uns auffordert, unsere Grenzen zu überschreiten. Wenn wir denn bereit dazu sind.

Datum: Dienstag, 20. November 2007 22:33
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3 Kommentare

  1. 1

    Ich bin da mal wieder etwas anderer Meinung. *gg*
    Zwar würde ich generell nicht sagen, daß etwas davon dem anderen vorzuziehen ist, aber das Empfinden ensteht ja durch unsere Sinne und auch die Intuition empfangen wir über unsere Sinne. Intuition steht, wie ich finde, dem Empfinden sehr viel näher als das Denken und ist dem linearen Denken teilweise überlegen. ;o)

  2. 2

    Ich glaube bzw. vermute, dass wir beide dasselbe meinen, aber nur verschiedene Begriffe dafür haben. Aber: “Namen sind Schall und Rauch” – oder? LG, WilderKaiser

  3. 3

    Ich weiß nicht, ob wir dasselbe meinen, vielleicht definieren wir auch “Denken” unterschiedlich, aber für mich ist Intuition etwas anderes als Denken, was ebenfalls in dem umgangssprachlichen “sechsten Sinn” zum Ausdruck kommt. ;o)

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