Beiträge vom Dezember 2007

Good bye!

Montag, 31. Dezember 2007 17:50

2007 war ein wetterwendisches Jahr, auch wenn sich die stürmischen Phasen als notwendige Passagen hin zu mehr Stabilität herausstellten. Der Schlussakkord war jedoch mehr als mies, tönte eher atonal und verdarb die positive Jahresbilanz – ich hatte mich auf einen eher ruhigen Jahresausklang gefreut und bekam statt dessen einen unbekömmlichen Gefühlsbrei vorgesetzt, den ich auslöffeln durfte. Danke, 2007, jetzt bin ich gewarnt: Ich brauche verläßliche Rückzugsmöglichkeiten und den eisernen Willen, im neuen Jahr nicht mehr everybody´s darling sein zu wollen. Aber bevor ich noch den Fehler begehe, meinen alten Frust ins neue Jahr hineinzuschleppen, sage ich “Good bye!” und freue mich auf ein frisches und frühlingsmorgenhaftes 2008.

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Ein älterer Herr

Freitag, 28. Dezember 2007 1:31

Heute hatte ich eine merkwürdige Begegnung in einem winzigen Cafe mit drei kleinen Tischchen ganz in der Nähe des Haidplatzes. Ein älterer Herr, der an der Theke resolut eine Trinkschokolade bestellte (“Draußen steht: Original französisch. Stimmt das?” “Ja!” “Da trauen Sie sich aber was! Ich will natürlich eine original französische!”), sah mich mit Moleskine und Minenbleistift schreibend an einem der Tische sitzen und fragte mich: “Sind sie ein Schriftsteller? Das, was Sie da schreiben, ist ja nicht nur ein reines Tagebuch, nicht wahr?” Touché. Ich sah ihn lange an und sagte: “Ich weiß es nicht.” “Naja, es hätte ja sein können, dass sie als Reiseschriftsteller ein Buch mit dem Titel ‘Impressionen aus der Oberpfalz’ verfassen.”, sagte er, während er würdevoll seine Trinkschokolade am Nachbartisch abstellte. “Dazu müsste ich erst mal auf der Reise sein,” antwortete ich, “aber mittlerweile bin ich doch eher ein einheimisches Gewächs. Ich glaube, dass das, was ich schreibe, in einem gewissen Sinn schon Schilderungen der Heimat sind, auch wenn ich mich nicht als Heimatschriftsteller bezeichnen würde.” Er schlürfte an seinem Kakao. “Sie hätte das heute im Dom sehen sollen – 2500 Sternsinger…das wäre etwas für Sie gewesen.” “Ach, wissen Sie, wenn ich solche Eindrücke bewusst suchen würde, wäre es eigentlich schon vorbei.” “Stimmt, das ginge dann schon in Richtung Reportage. Sie sitzen wahrscheinlich lieber im Cafe, sehen aus dem Fenster, und können die Gedanken…” “…schweifen lassen.”, ergänzte ich. “Und was machen Sie eigentlich? Verstehen Sie etwas vom Metier der Schriftstellerei?”, fragte ich neugierig. “Nein, ich beschäftige mich eher mit Naturwissenschaft und Gesellschaft.” “Ich weiß nicht, wo diese Gebiete ihren Fluchtpunkt haben könnten – in der Philosophie?” “Mich interessiert eher das Problem der Schwerkraft. Ich hatte schon von klein auf Zweifel, dass es sich dabei um eine Anziehungskraft handelt. Es könnte ja genauso gut sein, dass diese Kraft sozusagen von oben ‘drückt’, als Nachwirkung mehrerer ‘Urknalle’. Der Urknall, den wir jetzt untersuchen, ist ja nur der letzte. Mittlerweile gibt es in Kanada ein Grüppchen von Physikern, darunter ein Physiker vom Max-Planck-Institut, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Aber das ist ein Interessengebiet, in das ich mich nur hobbymäßig vertiefe.” Danach sprachen wir über Kakao. Als er aufstand, fragte er mich: “Und glauben Sie, dass Sie mal etwas veröffentlichen werden?” “Ach, wissen Sie, vielleicht bitte ich auch einem Freund, meinen Nachlass zu vernichten.”, antwortete ich etwas flapsig und spielte auf Kafka und Brod an. “Ja, das machen wahrscheinlich viele so. Aber in hundert Jahren wird man viele Ideen, die heute geboren werden, für wichtig erachten und anderes, was uns heute selbstverständlich erscheint, belächeln. Viel Erfolg!” Ich sah ihm schmunzelnd hinterher. Als eine schwarzhaarige Frau mit einem Kind, das sie in einem Tragetuch bei sich trug, das Cafe betrat, fragte er sie: “Und Sie sind die Frau?” und deutete auf mich. Ich winkte lachend ab, und sie antwortete etwas fassungslos: “Nein, nein, wir kennen uns gar nicht!”. Später wechselte die Frau, die an der Theke wartete, einen kurzen Blick mit mir und meinte halb entrüstet, halb lachend: “Ja, manche fangen halt schon mittags mit dem Alkohol an!”

Thema: Stadtgekritzel | Kommentare (2)
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Geschenke

Donnerstag, 27. Dezember 2007 17:34

Es ist um einiges verletzender, mit dem Preis für ein Geschenk zur Dankbarkeit gezwungen zu werden, als überhaupt kein Geschenk zu erhalten.

Thema: Ansichten und Einsichten | Kommentare (6)
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Das Internat

Mittwoch, 26. Dezember 2007 10:16

Ich besuche einige Gemeinschaftsveranstaltungen auf einem weitläufigen Gelände, das architektonisch Züge der Universität und des Campus trägt. Dabei stelle ich mit Entsetzen fest, dass die Gebäude der NSDAP gehören und die Veranstaltungen in einem sehr engen Zusammenhang mit der NS-Ideologie stehen. Langsam wird mir klar, warum ich mich hier aufhalte: ich bin das Kind in Ungnade gefallener Adliger, die ihre Parteitreue dadurch beweisen wollen, dass sie ihr Kind auf ein NS-Internat schicken. Da gerade die Sommerferien vor der Tür stehen, bräuchte ich jedoch nur den Leitern der Einrichtung mitteilen, dass ich zum nächsten Schuljahr nicht mehr kommen werde, ohne dass meine Entscheidung zu größeren Nachfragen führen würde. In einem Verwaltungstrakt treffe ich mehrere Bekannte, die ich frage, wo sich das Büro des Gauleiters “Kultur” befindet. Sie zucken ratlos die Achseln. Ich weiß zwar, dass sich das Büro hier irgendwo sein muss, aber der Gauleiter hat sich wohl schon in den Sommerurlaub verabschiedet. Statt dessen laufe ich zu meiner Familie, die sich in einem Seitenraum zum Mittagessen versammelt hat, und schleudere den Familienmitgliedern wutentbrannt meine Entscheidung ins Gesicht. Sie reagieren dennoch kaum auf mich: mein Vater wendet mir während meiner Rede den Rücken zu, und eine stark geschminkte Tante mit einem riesigen Federhut, die mir am Tischende gegenüber thront, rümpft die Nase und vermeidet es, mich anzusehen. Mein Auftritt ist ihr peinlich. Von meinem Vater ausgehend liegt eine depressive und resignative Stimmung in der Luft. Anschließend bewege ich mich sehr frei durch verschiedene Klassenzimmer, in denen noch unterrichtet wird, und bin zum Bersten von einer seltsam unbestimmten Sehnsucht erfüllt. Zunächst glaube ich, dass ich mich nach meiner alten Heimat zurücksehne, die ich bald wiedersehen werde, aber als ich aus dem Fenster sehe, strahlt mir eine atemberaubende Bilderbuchlandschaft mit schneebedeckten Gipfeln, grünen Matten und kleinen, glitzernden Seen in den Tälern entgegen, und ich weiß, dass es trotz aller Widrigkeiten, die mir hier begegnet sind, um Abschiedsschmerz handelt. Später beschließe ich, noch einmal schwimmen zu gehen, und schnappe mir dazu mein Fahrrad, das ich auf dem Campus umständlich über mehrere Betonstufen ins Tal hieven muss. Der vermeintliche See entpuppt sich als ein hochmodernes Freibad, dessen Becken durch Neonlicht bläulich erhellt werden. Ein kleines Häuschen mit den Umkleiden steht längsseitig zu einem weiteren Becken, an dem ich meine Klassenkameraden herumtoben höre. Sie können mich im Schatten des Häuschens nicht sehen. Schnell versuche ich meine Badehose anzuziehen und bin ein wenig enttäuscht, weil ich eigentlich gehofft hatte, in Ruhe ein Buch lesen zu können.

Thema: Träume | Kommentare (0)
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Weihnachtsgruß

Montag, 24. Dezember 2007 16:10

Weihnachtsgruß
Bildquelle: rolleyes auf Photocase

Ich wünsche euch allen da draußen erholsame, besinnliche und liebevolle Weihnachtsfeiertage…

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Die Beisetzung

Samstag, 22. Dezember 2007 23:57

Auf dem Friedhof im Niemandsland war es heute eisig kalt, und die wenigen Trauergäste, die gekommen waren, schlotterten vor Kälte und sehnten das rasche Ende der Beerdigungsfeier herbei. Als die vier Sargträger kurze Zeit vorher die Aussegnungshalle betreten hatten, überkam mich beim Anblick der schwarzgekleideten Herren mit ihren Schirmmützen ein Gefühl der Jämmerlichkeit und der Vergeblichkeit, das sich wie ein Widerhaken in meine kreisenden Gedanken bohrte. “Du auch”, sagte der Tod und grinste mich an. Der slawische Singsang eines Priesters, das mit grünem Samt ausgelegte Grab, die letzte Reise mit dem schwarzen Gefährt von der Aussegnungshalle bis zur offenen Wunde der ausgeschaufelten Höhlung – das alles war der endgültig letzte Akt in einer grausam komödiantisch anmutenden Tragödie. Was von einem Leben blieb, war die rasch trocknende Feuchtigkeit der Tränen und eine Erschütterung, die noch lange anhalten wird, auch wenn ich nur ein fernstehender Freund der Familie bin. Wenn ich mich nach links drehe, sehe ich jetzt an der Wand das Sterbebildchen hängen, das ich nach der Feier mit meinen klammen Fingern entgegennahm. In ein paar Jahren wird es zwar vergilbt sein, aber mich immer wieder an den überwältigenden Augenblick der Trauer erinnern, in dem eine Rose und eine Margerite mit einem dumpfen Geräusch auf dem Sarg aufschlugen.

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Weihnachtliches…

Dienstag, 18. Dezember 2007 22:25

Letzte Woche war bei mir bereits Bescherung
(Spätestens jetzt sollte auch klar sein, warum ich seit einer Woche nicht mehr zum Bloggen gekommen bin.)

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Neun Leben

Dienstag, 18. Dezember 2007 21:57

Die Katze hat ja, wie ein Spruch sagt, mindestens neun Leben. Damit soll wohl gesagt sein, dass sie ein extrem zähes Tier ist, das auch mal einen Sturz aus großer Höhe überlebt – egal, ich beneide sie jedenfalls um diesen Bonus. Ob sie wirklich etwas damit anfangen kann, sei mal dahingestellt. Wäre es nicht schön, sich einfach den Staub von der Schulter zu klopfen und wieder aufzustehen? Aber es scheint irgendeine geheimnisvolle Kraft zu geben, die uns in eine Sackgasse hineinjagt, in der eine Umkehr nicht mehr möglich ist. “Ach”, sagte die Maus, “die Welt scheint mit jedem Tag enger zu werden.” Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Haus bauen – nichts davon habe ich bis jetzt geschafft. Ich bin sozusagen ein lebenspraktischer Totalausfall. Die Frage ist ja, ob ich es bereits schaffen hätte können, wenn ich mich ein wenig mehr angestrengt hätte. Diese Frage, so banal sie klingen mag, gehört zur Standardausstattung meiner selbstquälerischen Folter. “Was mich nervt, ist die Tatsache, dass es mit der Familienplanung nicht so geklappt hat, wie ich mir das gewünscht habe. Wenn ich mir ansehe, was andere in meinem Alter bereits erreicht haben…”, bemerkte B. neulich. Mein Leben muss ein anderes werden – es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und immer wenn ich die Spuren der Katastrophe besichtige, der ich knapp, aber letztendlich doch entronnen bin, erfüllt mich das Gefühl der Anspruchslosigkeit wie der Gesang von Engelschören: ich will nichts außer sein. Es geht mir wie jemandem, der aus einem tiefen Schlummer erwacht – er muss erst zu sich selbst kommen, um etwas zu bewirken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Zeit wirklich gegen mich läuft.

PS: Diese Gedanken sind ausdrücklich keine – auch keine versteckte – Einladung, in den Kommentaren hilfreiche Ratschläge zur Verbesserung meiner Situation abzugeben. Wer meint, er müsse nur das Gestrüpp durchhauen, um sich den Weg zu mir zu bahnen, übersieht allzu großzügig, dass auch das Gestrüpp schon zu mir gehört.

Thema: Ansichten und Einsichten | Kommentare (11)
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Handschuh vergessen?

Sonntag, 9. Dezember 2007 19:04

 Jetzt in der kalten Jahreszeit ist trotz fehlenden Schnees und noch nicht wirklich winterlicher Temperaturen die Ausstattung mit einem vollständigen Paar Handschuhen dringend zu empfehlen. Denn sehr oft läßt man ja irgendwo einen liegen, und diese bedauernswerten Exemplare hängen dann traurig und stumm über einem Geländer und warten auf die Rückkehr ihres Gegenstücks. “Pah, mir doch egal, Hauptsache, der Glühwein wärmt meine Hände.” Auch diese etwas rohe Einstellung mag ihre Berechtigung haben. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass der Daueraufenthalt auf dem Christkindlmarkt finanzielle und bewusstseinstrübende Nebenwirkungen haben kann. Jennifer Gooch hat sich nun erbarmt und für ihr Kunstprojekt eine Website mit dem Titel one cold hand? eingerichtet, auf der die Besitzer der verlorenen Handschuhe sich über das Schicksal ihres wärmenden Einzelstücks informieren und für eine Zusammenführung sorgen können – zumindest in Pittsburgh. Jennifer sucht übrigens noch nach Mitstreitern in anderen Städten. Ich denke, all jene, die früher schon nur mit einem rechten Schuh Fußball gespielt haben, könnten davon nur profitieren.

Thema: Anderswo, Web 0.0 | Kommentare (3)
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Lord how shall I dance?

Donnerstag, 6. Dezember 2007 20:42

Es gibt ja eine Handvoll Tanzformen, die beherrsche ich auch nach 10-jähriger, schöpferischer Pause noch aus dem Effeff. Natürlich braucht es eine vernünftige Kapelle, die von bodenständigen, traditionellen Rhythmen über Jazz, Rock und Latin-Einsprengseln bis hin zu Klassik und Wiener Walzer ein ausgewogenes Repertoire im Kasten hat, um den Tanzsaal zum Kochen zu bringen. Auch das Ambiente, das Publikum und vor allem die Chemie mit dem Gegenüber muss stimmen. Und dann, ehe man sich´s versieht, schwebt man mit der Tanzpartnerin durch den Raum, die Gesichter verschwimmen und die Welt hat plötzlich jene wattige, schaumige Konsistenz, die man gemeinhin rosaroten Wölkchen nachsagt. (Wer das erlebt hat, weiß, was ich meine. Alle anderen, die mich des sentimentalen Geschwafels bezichtigen, muss ich leider zu den Nichteingeweihten zählen.) Was ich noch wegtanzen würde, wenn man mich halberfroren in Sibirien nach dem Genuss von drei Flaschen Wodka und zehn Nächten ohne Schlaf auffinden würde, wäre Folgendes: 1. Alles im Dreivierteltakt, also Walzer, Landler, usw., 2. Polka, 3. Schottisch, 4. Rheinländer, 5. Galopp, 6. Fox, 7. Zwiefacher, 8. diverse Figurentänze, 9. den sehr kongenialen Timewalk, ein aberwitziges Joint Venture von Michael Jackson und Frank N. Furter, 10. Free Style, 11. Robodance und 12. ACDC Headbang. Was ich mir mit ein bißchen Übung wieder aneignen könnte, wäre ChaCha oder Rumba. Natürlich wäre auch ein bißchen Salsa nicht schlecht und, als Krönung des Ganzen, der Tango, aber dafür habe ich einfach zu gute, mitteleuropäische Hüften aus Gusseisen, die dem Esprit des Latin nicht so ganz gerecht werden. Nun ja, was nicht ist…

Thema: Zeitlinien | Kommentare (7)
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