Neun Leben

Die Katze hat ja, wie ein Spruch sagt, mindestens neun Leben. Damit soll wohl gesagt sein, dass sie ein extrem zähes Tier ist, das auch mal einen Sturz aus großer Höhe überlebt – egal, ich beneide sie jedenfalls um diesen Bonus. Ob sie wirklich etwas damit anfangen kann, sei mal dahingestellt. Wäre es nicht schön, sich einfach den Staub von der Schulter zu klopfen und wieder aufzustehen? Aber es scheint irgendeine geheimnisvolle Kraft zu geben, die uns in eine Sackgasse hineinjagt, in der eine Umkehr nicht mehr möglich ist. „Ach“, sagte die Maus, „die Welt scheint mit jedem Tag enger zu werden.“ Einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Haus bauen – nichts davon habe ich bis jetzt geschafft. Ich bin sozusagen ein lebenspraktischer Totalausfall. Die Frage ist ja, ob ich es bereits schaffen hätte können, wenn ich mich ein wenig mehr angestrengt hätte. Diese Frage, so banal sie klingen mag, gehört zur Standardausstattung meiner selbstquälerischen Folter. „Was mich nervt, ist die Tatsache, dass es mit der Familienplanung nicht so geklappt hat, wie ich mir das gewünscht habe. Wenn ich mir ansehe, was andere in meinem Alter bereits erreicht haben…“, bemerkte B. neulich. Mein Leben muss ein anderes werden – es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und immer wenn ich die Spuren der Katastrophe besichtige, der ich knapp, aber letztendlich doch entronnen bin, erfüllt mich das Gefühl der Anspruchslosigkeit wie der Gesang von Engelschören: ich will nichts außer sein. Es geht mir wie jemandem, der aus einem tiefen Schlummer erwacht – er muss erst zu sich selbst kommen, um etwas zu bewirken. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Zeit wirklich gegen mich läuft.

PS: Diese Gedanken sind ausdrücklich keine – auch keine versteckte – Einladung, in den Kommentaren hilfreiche Ratschläge zur Verbesserung meiner Situation abzugeben. Wer meint, er müsse nur das Gestrüpp durchhauen, um sich den Weg zu mir zu bahnen, übersieht allzu großzügig, dass auch das Gestrüpp schon zu mir gehört.

11 Gedanken zu „Neun Leben

  1. Hätt‘ ja nicht sein müssen. Aber ich frage mich, ob neun Leben sein müssen. Eins reicht doch. Also, mir reicht das eine. Neun von der Sorte? Unvorstellbar und kaum zu ertragen.

  2. Immer wieder, wenn ich von einem Menschen höre, in seinem Leben wäre dieses und jenes nicht eingetroffen, ein Wunsch hätte sich nicht erfüllt, dann stelle ich mir unweigerlich die Frage, was die betreffende Person dazu beigetragen hat, dass der angestrebte Zustand eintritt. Hat er die richtigen und weichenstellenden Entscheidungen getroffen?

  3. Lieber Man in Metropolis – darauf möchte ich eigentlich zweigleisig antworten: Entscheidungen müssen getroffen werden, wenn dafür der richtige Augenblick gekommen ist. Ich verneine aber vehement, dass es so etwas wie richtige oder falsche Entscheidungen geben könnte. Jede Situation bietet ihre Mittel, nur sehr oft passen die Ziele nicht dazu. Das ist ein Hautpgrund für den Bodensatz an Frustration, den wir mit uns herumtragen. LG, WilderKaiser

  4. Hallo Jules! Neun Leben – das mag für manchen unvorstellbar sein. Die Idee der Wiedergeburt wäre (und ist tatsächlich) so gesehen etwas absolut Fürchterliches. Aber es gibt keine Rückstelltaste, um alles auf Anfang zu stellen, und das war es eigentlich, was ich mir manchmal wünschen würde, um unter veränderten Vorzeichen neu zu beginnen. Unrealistisch, ich weiß, und eigentlich kein Gedanke, den man sich ernsthaft gestatten sollte. LG, WilderKaiser

  5. Meine diesbezueglichen Beitraege werden auch gerne mal „kryptisch“ genannt. Wobei das auch so Absicht sein kann.

    Der heutige waere: stellen Sie sich vor, Sie sind ein Auto. Mit Frontantrieb. Vorne gut bereift. Und hinten fahren Sie auf der blanken Felge. Wie lange das wohl geht?

    Parabellisieren Sie das einfach. Ist doch einfach, oder?

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