Das Internat

Ich besuche einige Gemeinschaftsveranstaltungen auf einem weitläufigen Gelände, das architektonisch Züge der Universität und des Campus trägt. Dabei stelle ich mit Entsetzen fest, dass die Gebäude der NSDAP gehören und die Veranstaltungen in einem sehr engen Zusammenhang mit der NS-Ideologie stehen. Langsam wird mir klar, warum ich mich hier aufhalte: ich bin das Kind in Ungnade gefallener Adliger, die ihre Parteitreue dadurch beweisen wollen, dass sie ihr Kind auf ein NS-Internat schicken. Da gerade die Sommerferien vor der Tür stehen, bräuchte ich jedoch nur den Leitern der Einrichtung mitteilen, dass ich zum nächsten Schuljahr nicht mehr kommen werde, ohne dass meine Entscheidung zu größeren Nachfragen führen würde. In einem Verwaltungstrakt treffe ich mehrere Bekannte, die ich frage, wo sich das Büro des Gauleiters „Kultur“ befindet. Sie zucken ratlos die Achseln. Ich weiß zwar, dass sich das Büro hier irgendwo sein muss, aber der Gauleiter hat sich wohl schon in den Sommerurlaub verabschiedet. Statt dessen laufe ich zu meiner Familie, die sich in einem Seitenraum zum Mittagessen versammelt hat, und schleudere den Familienmitgliedern wutentbrannt meine Entscheidung ins Gesicht. Sie reagieren dennoch kaum auf mich: mein Vater wendet mir während meiner Rede den Rücken zu, und eine stark geschminkte Tante mit einem riesigen Federhut, die mir am Tischende gegenüber thront, rümpft die Nase und vermeidet es, mich anzusehen. Mein Auftritt ist ihr peinlich. Von meinem Vater ausgehend liegt eine depressive und resignative Stimmung in der Luft. Anschließend bewege ich mich sehr frei durch verschiedene Klassenzimmer, in denen noch unterrichtet wird, und bin zum Bersten von einer seltsam unbestimmten Sehnsucht erfüllt. Zunächst glaube ich, dass ich mich nach meiner alten Heimat zurücksehne, die ich bald wiedersehen werde, aber als ich aus dem Fenster sehe, strahlt mir eine atemberaubende Bilderbuchlandschaft mit schneebedeckten Gipfeln, grünen Matten und kleinen, glitzernden Seen in den Tälern entgegen, und ich weiß, dass es trotz aller Widrigkeiten, die mir hier begegnet sind, um Abschiedsschmerz handelt. Später beschließe ich, noch einmal schwimmen zu gehen, und schnappe mir dazu mein Fahrrad, das ich auf dem Campus umständlich über mehrere Betonstufen ins Tal hieven muss. Der vermeintliche See entpuppt sich als ein hochmodernes Freibad, dessen Becken durch Neonlicht bläulich erhellt werden. Ein kleines Häuschen mit den Umkleiden steht längsseitig zu einem weiteren Becken, an dem ich meine Klassenkameraden herumtoben höre. Sie können mich im Schatten des Häuschens nicht sehen. Schnell versuche ich meine Badehose anzuziehen und bin ein wenig enttäuscht, weil ich eigentlich gehofft hatte, in Ruhe ein Buch lesen zu können.

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