Ein älterer Herr

Heute hatte ich eine merkwürdige Begegnung in einem winzigen Cafe mit drei kleinen Tischchen ganz in der Nähe des Haidplatzes. Ein älterer Herr, der an der Theke resolut eine Trinkschokolade bestellte (“Draußen steht: Original französisch. Stimmt das?” “Ja!” “Da trauen Sie sich aber was! Ich will natürlich eine original französische!”), sah mich mit Moleskine und Minenbleistift schreibend an einem der Tische sitzen und fragte mich: “Sind sie ein Schriftsteller? Das, was Sie da schreiben, ist ja nicht nur ein reines Tagebuch, nicht wahr?” Touché. Ich sah ihn lange an und sagte: “Ich weiß es nicht.” “Naja, es hätte ja sein können, dass sie als Reiseschriftsteller ein Buch mit dem Titel ‘Impressionen aus der Oberpfalz’ verfassen.”, sagte er, während er würdevoll seine Trinkschokolade am Nachbartisch abstellte. “Dazu müsste ich erst mal auf der Reise sein,” antwortete ich, “aber mittlerweile bin ich doch eher ein einheimisches Gewächs. Ich glaube, dass das, was ich schreibe, in einem gewissen Sinn schon Schilderungen der Heimat sind, auch wenn ich mich nicht als Heimatschriftsteller bezeichnen würde.” Er schlürfte an seinem Kakao. “Sie hätte das heute im Dom sehen sollen – 2500 Sternsinger…das wäre etwas für Sie gewesen.” “Ach, wissen Sie, wenn ich solche Eindrücke bewusst suchen würde, wäre es eigentlich schon vorbei.” “Stimmt, das ginge dann schon in Richtung Reportage. Sie sitzen wahrscheinlich lieber im Cafe, sehen aus dem Fenster, und können die Gedanken…” “…schweifen lassen.”, ergänzte ich. “Und was machen Sie eigentlich? Verstehen Sie etwas vom Metier der Schriftstellerei?”, fragte ich neugierig. “Nein, ich beschäftige mich eher mit Naturwissenschaft und Gesellschaft.” “Ich weiß nicht, wo diese Gebiete ihren Fluchtpunkt haben könnten – in der Philosophie?” “Mich interessiert eher das Problem der Schwerkraft. Ich hatte schon von klein auf Zweifel, dass es sich dabei um eine Anziehungskraft handelt. Es könnte ja genauso gut sein, dass diese Kraft sozusagen von oben ‘drückt’, als Nachwirkung mehrerer ‘Urknalle’. Der Urknall, den wir jetzt untersuchen, ist ja nur der letzte. Mittlerweile gibt es in Kanada ein Grüppchen von Physikern, darunter ein Physiker vom Max-Planck-Institut, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Aber das ist ein Interessengebiet, in das ich mich nur hobbymäßig vertiefe.” Danach sprachen wir über Kakao. Als er aufstand, fragte er mich: “Und glauben Sie, dass Sie mal etwas veröffentlichen werden?” “Ach, wissen Sie, vielleicht bitte ich auch einem Freund, meinen Nachlass zu vernichten.”, antwortete ich etwas flapsig und spielte auf Kafka und Brod an. “Ja, das machen wahrscheinlich viele so. Aber in hundert Jahren wird man viele Ideen, die heute geboren werden, für wichtig erachten und anderes, was uns heute selbstverständlich erscheint, belächeln. Viel Erfolg!” Ich sah ihm schmunzelnd hinterher. Als eine schwarzhaarige Frau mit einem Kind, das sie in einem Tragetuch bei sich trug, das Cafe betrat, fragte er sie: “Und Sie sind die Frau?” und deutete auf mich. Ich winkte lachend ab, und sie antwortete etwas fassungslos: “Nein, nein, wir kennen uns gar nicht!”. Später wechselte die Frau, die an der Theke wartete, einen kurzen Blick mit mir und meinte halb entrüstet, halb lachend: “Ja, manche fangen halt schon mittags mit dem Alkohol an!”

Datum: Freitag, 28. Dezember 2007 1:31
Themengebiet: Stadtgekritzel Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. 1

    Eine Begegnung – eigentlich sind es ja zwei – die mich sprachlos zurücklässt. Am Ende hätte ich schmunzeln mögen, aber es blieb mir im Hals stecken. Vielleicht weil es mich mit meiner Neigung konfrontiert hat, vorschnell Urteile zu fällen – was mich traurig macht, wenn ich daran denke.

  2. 2

    Aus meiner Sicht hat die zweite Begegnung den Zauber oder das Überraschungsmoment der ersten völlig zerstört. Ich verließ das Cafe ziemlich ernüchtert und wusste – so wie du – ganz genau, dass auch ich oft Menschen sehr oberflächlich beurteile. LG, WilderKaiser

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