Das System

Die Maschinerie funktionierte tadellos. In seinem System durfte es keine Abweichungen geben, und falls wider Erwarten doch Abweichungen auftraten, mussten ihre Auswirkungen sofort limitiert und ausgemerzt werden. Was er erreicht hatte, hatte er nicht dem Glück, sondern seiner vorausschauenden Übersicht, eiserner Selbstdisziplin und seiner brillanten Intelligenz zu verdanken. Es war ein perpetuum mobile, das auch noch weiterschwingen würde, wenn er nicht mehr da sein würde.

Der Tag begann immer mit dem gleichen Ritual: er duschte noch vor sechs mit kaltem Wasser, zog sich an und betätigte dann die Glocke, die alle Träume von einem anderen, wunderschönen Ort mit einem schrillen Läuten zerriss. Wenn sich die Türen öffneten, stand er bereits davor und trieb die verschlafenen, müden, geistlosen Körper zur Eile an. Die Ausdünstungen, die ihm entgegenschlugen, nahmen ihm schier den Atem, so dass er sich jeden Tag aufs Neue ekelte und in den Räumen die Fenster öffnete. Erst der Eishauch der hereinströmenden Luft beruhigte ihn wieder. Ihm und nur ihm war dieser Gestank anvertraut worden, und er würde dafür sorgen, dass daraus zivilisierte Menschen hervorgingen, die den rechten Pfad kannten.

Immer wieder scharten sie sich noch im Morgengrauen um ihn, den strengen und gerechten Zuchtmeister; er wußte, was er seiner Hand und seiner Stimme zu verdanken hatte. Schläge waren ein notwendiges Korrelat seiner Macht, die sich auch im leicht erhöhten Stand niederschlug, von dem aus er sie jeden Morgen begrüßte. Immer wieder wetterte er gegen ihre Verdorbenheit und die Last ihrer Fleischlichkeit, die sich der Sublimation verweigerte, an. Und sie blickten auf ihn und sagten nichts. Nichts. Ihre Augen waren leer, und nur er würde ihnen die Köpfe füllen, damit sie seine Gedanken auf den Lippen tragen würden. Er würde in ihrer Dunkelheit das Licht anzünden. Wenn er sich erhob, um das Morgenlied zu singen, schmetterte er aus voller Brust, und sie schmetterten mit, oder sie waren verloren. Er wettete gegen die Zeit, und er gewann immer.

Danach gab er sie frei, aber nur zum Schein; denn wenige Stunden später kehrten sie leer und hungrig zurück. Sie durften nicht essen, bevor er nicht den Löffel angefasst und sie ob ihrer knurrenden Mägen ermahnt hatte. Sie waren so schwach, dass sie sich beinahe um die dürftigen Speisen rangelten, aber ihre Schwäche belustigte ihn ein wenig. Kurz und ein wenig. Später beobachtete er sie, im bequemen Ledersessel sitzend, durch große Glasfenster hindurch, wie sie ihrer Arbeit nachgingen. Jeder Laut erstarb, da seine Aufseher diese wilden Tiere bändigten. Sie beugten sich über ihre tränenfeuchten Bücher und verstanden doch kein Wort. Er sah sie, und sie sahen ihn: das sollte genügen, um sie anzuspornen. Etwas, das sie nicht begreifen konnten, sollten sie zumindest aus der Ferne zu bewundern wissen. Die Sphärenharmonie, die über ihnen schwebte, konnte nur er hören.

Der Klang glich dem schrillen Läuten der Glocke, das die unnötigen und äußerst kurzen Pausen anzeigte. Er lächelte zufrieden und beugte sich dann wieder über die Namenslisten der Schüler aus der 5. und 6. Klasse. In jeder Zeile stand ein Betrag.

Jede Seele hatte ihren Preis, den sie sich erst verdienen musste.

My old valentine

Gerne würde ich etwas Substantielleres bringen, aber selbst meine Träume sind nur unzusammenhängende, wirre Puzzlestücke ohne einen erkennbaren roten Faden: das erstaunte Gesicht meines Bruders durch eine Glasscheibe, eine lautstarke berufliche Auseinandersetzung, der kalte Stahl einer geladenen Waffe in meiner Hand. Auch mein Leben hängt derzeit in einer Flaute fest. Die gestrige ethnologische Erkundung auf den Winzerer Höhen über den Dächern der Stadt – dämonische Fratzen, brennende Lagerfeuer, fast voller Mond, Föhnwind, der heftig in die Büsche fährt, schlammige, aufgeweichte Wege – verflog im Laufe dieses Tages wie ein spukhafter Eindruck. Wieder einmal fühlte ich mich an die Vergangenheit erinnert und an den Budenzauber, mit dem sie illuminiert wurde. Die getrocknete Rose verliert langsam ihre Blätter. Übrig bleibt ein häßlicher Stumpf, mehr ein Zeichen als ein Geschenk. Das ist es, was meiner Schwermut neue Nahrung gibt – eine unstillbare Sehnsucht danach, noch einmal von trügerischen Hoffnungen betrogen zu werden. Unter allen Masken der Wahrheit ins Gesicht sehen zu wollen, kann ein bohrendes Vergnügen sein, meist sogar ein krankhaftes. Das Leben gibt sich mit der Wandlung der Gestalt zufrieden und bleibt sich dabei doch immer treu.

Wenn du glaubst, es kommt nichts mehr…

…weht von irgendwo ein Stöckchen her. Dank der lieben Frau Jekylla (mit der ich schon wieder per Sie bin) kann ich meine kreative Durststrecke überwinden und dem geneigten Leser wieder einen schonungslosen Beitrag zumuten.

Drei Ingredienzien benötigt dieses abgefuchste Puzzle, aus dem das Plattencover eines eigenen Albums zusammengemixt wird: 1. Der Bandname ergibt sich aus dem Titel eines hier zufällig angezeigten Beitrags; 2. der Albumname setzt sich zusammen aus den letzten vier Worten des ersten Zitats auf dieser Seite; 3. das Albumcover ist das dritte Bild dieser Flick(r)schusterei.

Völlig spontan kam ich so mit Hilfe meines Bildbearbeitungsprogramms zu folgendem Ergebnis:

Albumcover

„Fear of flying“ ist übrigens der Titel einer Erzählung von Erica Jong, in der die Vorzüge des „zipless fuck“ beschrieben werden – purer Sex zwischen nur oberflächlich miteinander Bekannten ohne Emotionen oder Hintergedanken an den Altar. Wie passend.

Ich glaube, „No mind at all“ bietet satten psychodelischen Gitarrenrock mit ein paar elektronischen und Ambient-Einsprengseln. Also genau die Art Musik, die ich mir an einem einsamen Samstagabend gerne anhören würde.

In eigener Sache…

Ich habe heute die Kategorie „Privat“ für alle Beiträge eröffnet, in denen ich meinen abgestandenen Seelenmüll entsorge. Privat auch deshalb, weil diese Beiträge nicht jedermann zugänglich sein sollen und von Außenstehenden nicht gelesen werden können. Sollte jemand Lust haben, diese Beiträge lesend oder kommentierend mitzuverfolgen, habe ich in der Sidebar unter dem Punkt „Meta“ einen Link „Admin/Mitglied“ eingefügt, der zur Anmeldeseite von WordPress führt. Dort gibt es einen weiteren Link „Registrieren“, der euch zum Registrierungsformular weiterleitet. Zunächst habt ihr nur den Status „Mitglied“ und könnt meine privaten Beiträge noch nicht mitlesen, aber sobald ich euch als Admin den Status „Leser“ gegeben habe, sind auch die privaten Beiträge einsehbar. Immer wenn ihr euch mit Namen und Passwort anmeldet, gelangt ihr zunächst zu eurer persönlichen Seite, auf der ihr eure Benutzerdaten (z.B. Name und Passwort) abändern könnt. Ich hoffe, das Anmeldeprozedere ist nicht zu verwirrend…

PS: Ute, danke für deinen Kommentar zu meinem letzten Beitrag…er ist nicht untergegangen, sondern nur „versteckt“. Meine Antwort kannst du lesen, sobald du dich angemeldet hast.

Brief an S.

Liebe S.!

So oft habe ich mir schon vorgenommen, dir einen Brief zu schreiben, und ein ums andere Mal fehlt mir der Mut, es zu tun. Ich weiß, dass dich dieser Brief nie erreichen wird, da nun neben der örtlichen eine zeitliche und, wie ich annehmen darf, auch geistige Entfernung zwischen uns getreten ist, die ich nicht zu überbrücken weiß. Ich kann die Funktion, die du in meinem Leben eingenommen hast, genau beschreiben, aber wenn ich alles in nüchterne Worte packen würde, würde ich die feinen Fäden übersehen und zerreißen, die uns eine gewisse Zeit lang verbanden. Es ist vorbei; alles, was dich jemals in unserer kleinen, gemeinsamen Welt zurückhielt, hast du zurückgelassen und bist in die Schweiz gegangen, um andere Projekte zu verwirklichen, um das zu werden, was du bist und was als Traum in dir nach Werdung ruft. Glaube ich dir noch? Ja, du hast mich beeindruckt, aber für dich war ich nur ein Schüler des Hedonismus, der noch unberührt war von den Zumutungen eines Lebens, das gelebt werden will. Du warst unglücklich in meinen Bruder verliebt, und ich erinnere mich an die stundenlangen, nächtlichen Gespräche, die ihr geführt habt. Nichts Sichtbares ist davon geblieben, außer diese beiden schmalen Heftchen mit rotem Einband, die ich gerettet habe, das „Tagebuch der Gedanken“ und das „Tagebuch der Gefühle“, und ein begleitender Brief. Es war eine beinahe dämonische Dynamik, die uns auseinandersprengte, denn das kannten wir ja aus den Klosterschulen, die wir besucht hatten: die schwarze, vergiftende Verführungskraft der Sünde. Daneben erschienen die Geschäfte des Tages seltsam blutleer und uninteressant. Nein, es war nicht der profane Rausch, dem wir uns hingaben, sondern ein psychologisch unterfütterter Maskenball – niemand war, jeder schien nur etwas zu sein. Wie schmerzhaft war da der Moment, in dem die Maske fiel, in dem wir uns gegenseitig in die verängstigten Seelen sahen, wie oft zerplatzte unser Traum von einer Gegenwelt, in der die Widersprüche aufgehoben schienen, zu grauem Staub – du weißt es. Oft habe ich ein starkes Verlangen danach, mit dir darüber zu sprechen, aber die Gefahr, dass wir uns nicht verstehen und uns gegenseitig verletzen würden, ist zu groß, und einen zweiten Anlauf wirst du nach der Nacht in S., als ich dich um fünf Uhr morgens als meine Feindin verließ, nicht mehr unternehmen. So bleibt mir nur die Freiheit, dich zu verabschieden – in einen Nebel, aus dem es keinen Ausweg gibt, ein Nebel, der alle Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit verwischt und verklärt.

Wo auch immer du sein magst, worin auch immer dein Glück bestehen mag – leb wohl!

Der fremde Wundertäter

Mein zufällig erblätterter Bibelspruch für 2008 ist ja höchst passend:

Da sagte Johannes: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er nicht mit uns zusammen dir nachfolgt. Jesus antwortete ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.
Lukas 9,49-50

Gerade über den letzten Satz habe ich heute in einem ganz anderem Zusammenhang nachgedacht. Ein gutes neues Jahr euch allen!