Im Untergrund

Ich folge einer Treppe in den Keller, in dem ich vertraute Räume wiederzuerkennen glaube. Um meine Annahme zu bestätigen, öffne ich eine angelehnte Türe, und tatsächlich verbirgt sich dahinter ein Badezimmer. Seit meinem letzten Besuch hat es sich aber sehr verändert: es ist plötzlich weiß gefliest und strahlt eine große Sauberkeit aus. Als ich die Türe jedoch ganz öffne, entdecke ich die zerprungene Toilettenschüssel, die in der Ecke steht. Ganz im Gegensatz zum perfekten Weiß des übrigen Raums ist sie zerbrochen und schmutzig, und daneben sprießt Unkraut aus dem unreinen, schlammigen Morast. Ein stechender, fauliger Geruch fährt mir in die Nase. Die Renovierung ist wohl komplett mißlungen, wenn die weißen Fliesen nur das eigentliche Problem übertünchen sollen. Als ich den Gang im Keller weiter entlanggehe, treffe ich auf einen Treppenaufgang, der rötlich erleuchtet ist. Befindet sich hier nicht irgendwo ein Bordell in der Nähe? Mißtrauisch beobachte ich die Menschen, die sich auf den Treppenstufen versammeln. Aber nein, denke ich und muss über mich selbst schmunzeln, es ist nur ein Tanzstudio, in dem sich die Paare im scharzen Frack und weißen Kleidern zum Rhythmus des Tango in den reihum aufgehängten Spiegeln reflektieren. Ich stehe etwas abseits und sehe, anonym in der Menge der Zuschauer stehend, den Tänzern voller Vergnügen zu. Wenig später stürmt S. außer Atem in das Studio, begleitet von mehreren Freundinnen. Als sie mich sieht, steuert sie sofort auf mich zu und boxt ihren Handrücken neben meinem Kopf in die Wand. „Na, das ist ja auch eine Form der Begrüßung“, sage ich zu ihr. Sie lächelt ihr schönstes Raubtierlächeln und zieht mich mit sich auf die Tanzfläche. Es ist sehr angenehm an, so von ihr begehrt zu werden und sich völlig in dieses Begehren fallen lassen zu können. Ihre Augen sprühen und funkeln vor Lust. Während wir leicht und mühelos Körper an Körper tanzen und jede Bewegung ein elektrisches Knistern auslöst, nimmt S. mehr und mehr die Färbung meiner Persönlichkeit an, als fände zwischen uns eine magische Übertragung statt.

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