Der Dalai Lama und der Olympiaboykott

Dass der Dalai Lama angesichts der Eskalation in Tibet weiterhin auf Gewaltlosigkeit und Dialog setzt, erscheint mir nur folgerichtig und konsequent. Und ich glaube auch, dass bereits das Handelsvolumen, das die westlichen Staaten mit China abwickeln, die Hoffnung konterkariert, die chinesische Regierung könnte mit Appellen zum Einlenken bewegt werden. Ein Olympiaboykott wäre in diesen Dimensionen nur ein Nadelstich, und nicht mal ein besonders wirkungsvoller, ganz im Gegenteil: die Chance, auf die Informationspolitik Chinas gezielt Einfluss zu nehmen, wäre endgültig vertan. Würde China beispielsweise nur einen Bruchteil seiner gewaltigen Dollar-Reserven auf den Markt werfen oder in Euro umschichten, wäre eine weltweite Rezession nicht mehr aufzuhalten. Das heißt aber nicht, dass China damit ein Freibrief ausgestellt werden soll. Der Dalai Lama sagte zu einem möglichen Olympiaboykott: „Ich unterstütze die Gastgeberschaft Chinas. China ist ein wichtiges Land, ein mächtiges Land, das verdient hat, Gastgeber der Spiele zu sein…Die Chinesen sollten stolz sein auf dieses Ereignis. Ich befürworte die Gastgeberschaft, weil das chinesische Volk nichts für die dramatische Lage in Tibet kann. Aber die chinesische Führung sollte daran erinnert werden, mehr für die Menschenrechte, aber auch mehr für die Umwelt zu tun.“ (Quelle: SpiegelOnline) Ich plädiere auch für Realpolitik, Diplomatie und freie Berichterstattung aus Tibet.

Ich will mein Posting um einen Aufruf zur Unterzeichnung einer Petition der Aktivisten von Avaaz.org ergänzen, die am kommenden Montag, den 31. März, an chinesische Botschaften und Konsulate übergeben werden wird. Der Wortlaut der Petition lautet: „An den chinesischen Präsidenten Hu Jintao: ‚Als Bürger dieser Welt ersuchen wir Sie, bei der Reaktion auf die Proteste in Tibet, zur Zurückhaltung und zum Respekt der Menschenrechte. Berücksichtigen Sie bitte die Anliegen der Tibeter, indem Sie einen bedeutungsvollen Dialog mit dem Dalai Lama eröffnen. Nur durch Dialog und Reformen kann eine längerfristige Stabilität erreicht werden. Chinas aussichtsvolle Zukunft liegt in harmonischer Entwicklung seiner Beziehung zur Welt durch Dialog und Respekt.‚“ Hier kann man diese Petition unterstützen.

Leseabenteuer: eine Verlosung

Ich gebe zu, es handelt sich bei meinen zu verlosenden Büchern nicht um topaktuelle Literatur (das ist, wie immer, leicht untertrieben), und die beiden Taschenbücher aus dem Aufbau-Taschenbuch-Verlag weisen auch schon sichtbare Gebrauchsspuren auf. Aber ich will beim grassierenden Verlosungsfieber nicht hintanstehen und zwei Bücher, die mich begleitet haben, an einen oder eine(n) interessierte(n) Leser(in) weiterreichen. Zum einen verlose ich von Charles Dickens: „Große Erwartungen“, einen fesselnden Roman über einen Emporkömmling in England, zum anderen von Alexandre Dumas: „Das Halsband der Königin“, einen Roman über eine Staatsaffäre im Frankreich des Ancien Régime. Wer sich bis Montag, 20.00, in den Kommentaren verewigt, wandert in den Lostopf und hat die Chance, eines der beiden Bücher mit einer kleinen Überraschung zugeschickt zu bekommen. Natürlich dürfen auch Vorlieben für einen der beiden Romane geäußert werden.

Meine erste Autofahrt

Meine erste Autofahrt war bis dato auch meine letzte. Nach einem heftigen Absturz im „Roxy“ in S. war es meine damalige Freundin D., die mir für eine Testfahrt das Steuer ihres grünen Ford Fiesta überließ. Ich wagte mich todesmutig an die Strecke zwischen Ai. und Am., zwei gottverlassenen Nestern im niederbayerischen Outback. Die Strecke war etwa zweieinhalb Kilometer lang, und bis auf eine lange, geschwungene Kurve vor dem Ortseingang von Am. sah ich keine weiteren Probleme, zumal mich meine Freundin vor der Autofahrt aufmunterte: „Komm, du schaffst es! Es ist ganz einfach! Du wirst sehen!“ Ich hatte jedoch die unangenehme Neigung, bei den zwei Fahrzeugen, die uns auf der Gegenspur entgegenkamen, zu weit nach links zu ziehen, was meine Freundin bei Tempo 60 zu den hysterischen Schreien „Immer schön rechts bleiben!“ veranlasste. Ich fühlte mich gut. Die langgezogene Kurve fuhr ich fast schon wie ein alter Hase. Ha, ich konnte Auto fahren! Ich war ein Naturtalent! Und statt in Am. den Fuß etwas vom Gas zu nehmen, bretterte ich rasant und munter durch die von Bauernhöfen gesäumte, ziemlich kurze Dorfstraße. Am Ende riss ich das Lenkrad nach rechts und schaffte die erste 90°-Kurve, ohne Auto, Zaun und Insassen zu gefährden. Aber schon dräute in dieser seltsam lichtlosen Nacht die nächste Entscheidung: sollte ich halblinks auf die Todeskreuzung zufahren oder noch einen Schlenker nach rechts und nach links auf die Nebenstraße riskieren? Konfus entschied ich mich für letzteres und ließ den Wagen sanft ausrollen (oder ich würgte den Motor ab, so genau weiß ich das nicht mehr.) Meine Freundin starrte mich vom Beifahrersitz aus danach entgeistert an und fragte, Schweißperlen auf der Stirn: „Was war denn jetzt das?“ Ich zuckte die Achseln. Meine Güte, es war doch NICHTS passiert.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich bis heute noch keinen Führerschein habe.

Mother Nature´s Son

Voller Stolz blicke ich auf meine Arbeit: ich habe eine Art Kunstwerk geschaffen, das mit einer archäologischen Sensation zusammenhängt. Der provisorische Bau aus grauen Mauern, der die von mir behauenen, gelben Steine schützen soll, ist zwar relativ weitläufig, aber an mehreren Stellen kaum passierbar, ohne sich in große Gefahr zu begeben. Dennoch flanieren viele sonntäglich herausgeputzte Besucher durch das Haus und die Anlage, die sich ringsherum erstreckt, während ich selbst schmutzige Arbeitskleidung trage. Die Besucher unterhalten sich in einem gedämpften Ton miteinander und rufen ab und zu „Ah!“ oder deuten auf eine interessante Steinformation. Es ist Zeit für das Mittagessen. Am Fluchtpunkt von drei langgezogenen, steilen Treppen steht mitten in einer nicht näher definierten, städtischen Umgebung der Wagen von B. B. hat mir drei längliche, äußerst wohlschmeckende Dinge eingepackt. Am Wagen von B. befindet sich zudem eine ausklappbare Tisch-Sitz-Kombination, auf der nun eine rot-weiß-karierte Decke ausgebreitet liegt. Ah, herrlich! Auch ein Glas jungen, frischen und belebenden Weißweins steht schon bereit. Dennoch muss ich zunächst auf meine Stärkung verzichten, denn kurz darauf robbe ich durch das Dachgeschoss des Baus und sehe durch die Lücken der nur lose aufeinandergelegten Bretter auf die Besucher hinab. Die Decke ist doch um einiges höher, als ich dachte. Ich falle durch die Bretter hindurch und kann mich glücklicherweise an den Steinen festhalten. Meine Handinnenflächen sind jedoch vollkommen aufgeschürft. Später sitze ich mit zwei jungen Frauen im Gras und zeige ihnen meine Handinnenflächen. Sie sind beide sehr elegant in Schwarz gekleidet, stören sich aber bei unserem Gespräch nicht im Geringsten daran, dass ich über und über mit gelbem Staub bedeckt bin und dringend eine Dusche bräuchte. Ich weiß nicht, warum, aber ich bin bei alldem so vergnügt und zufrieden, dass ich mich selbst kaum wiedererkenne.

PS: Der Song der Beatles macht mir momentan das Herz sehr schwer. Vielleicht passt er auch deswegen so ausgezeichnet zu diesem Traum.

Reine vs. Praktische Vernunft?

Obwohl Kant nach Abfassung seiner erkenntnistheoretischen Schriften diametral entgegengesetzte Absichten zu verfolgen schien, gibt es keinen Bruch zwischen den erkenntnistheoretischen und ethischen Postulaten, wie er auch in der Forschung immer wieder als Hypothese formuliert wurde. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, schrieb Kant einmal. Der Mensch wird damit bei Kant zum erkennenden und moralisch handelnden Subjekt, das aus sich selbst heraus und unter Gebrauch seines Verstandes die Welt so formt, dass sie sich ihm später als etwas Festes und scheinbar von ihm selbst Unabhängiges zeigt. Die metaphysische Garantie, dass das Subjekt realen Objekten begegnet, stürzt mit Kants Untersuchungen zu Raum, Zeit und Kausalität in sich zusammen. Diese Kategorien sind der Welt inhärent, aber nicht als Voraussetzungen einer universellen und vorgefundenen Balance, sondern als Konzepte des denkenden Subjekts. Wie aber ist in einer solchen Welt moralisches Handeln möglich, das ein abstraktes allgemeines Wohl über die konkreten eigenen Bedürfnisse stellt? Hier sah Kant nur einen möglichen Weg – den der Selbstdisziplinierung und der Pflicht. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass er damit den falschen Ansatz gewählt hat, und schon Schiller, ein glühender Kant-Verehrer, ist ihm hierin nur teilweise gefolgt: „Gerne dien ich den Freunden, doch tu‘ ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.“ Kant entwickelte diesen Ansatz konsequent weiter: damit das Subjekt diese Selbstbeschränkung auf sich nehmen kann, ist es notwendig, dass die moralischen Leitlinien autorisiert werden. Sie sind – ähnlich den erkenntnistheoretischen Kategorien – nicht wählbar. Das Subjekt verhält sich aber nur dann moralisch, wenn es „auf etwas hin“ handeln kann. Handeln begründet sich in Zwecken. Kant postuliert hier ein „Als-ob“ – wir müssen so handeln, als ob ein göttliches Wesen unsere Handlungen sanktionieren oder belohnen würde. In der historischen Dimension läßt sich zweierlei feststellen: Kant sprach hier ein wirkmächtiges Denkverbot aus, das latent alle nachfolgenden philosophischen Diskussionen beeinflusste. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, beginnend etwa mit den Feuerbach´schen Thesen, dieses Denkverbot immer heftiger in Frage gestellt wurde, ging damit eine immer radikalere Entwertung des Seins und der „Stellung des Menschen im Kosmos“ (das ist der Titel eines Buchs von Max Scheler) einher. Kant war hellsichtig genug, das zu erkennen.

PS: Langsam bin ich wie Wittgenstein geneigt zu glauben, dass Mystik und Philosophie vielleicht eine scharfe Trennlinie, aber ansonsten gar nichts miteinander teilen.

Fastenschwindler

Ich komme gerade von einem sehr entspannten, genussvollen und gelungenen Abend nach Hause, und ich bin richtig glücklich darüber, diese Chance genutzt zu haben, um wieder einmal unter Leute zu kommen. Nachdem ich heute nachmittag bei einem kleinen Symposium mit dem störungsfreien Einsatz der Medien betraut war, fuhren wir vom Organisationsteam zusammen mit dem Referenten anschließend ins „Mirabelle“ in der Innenstadt, in dem ich noch nie vorher war; das Essen sollte eine kleine Belohnung für unseren Einsatz darstellen. Das „Mirabelle“ ist ein kleines französisches Restaurant direkt gegenüber vom Stadttheater in der Drei-Mohren-Straße, der Durchgangspassage von der Ludwigstraße zum Bismarckplatz. Als Vorspeise gab es Auberginenröllchen mit Schafskäse, als Hauptgang gefüllte Maispoularde und zum Dessert die – ohne Übertreibung – beste Mousse au Chocolat, die ich bis dato gegessen hatte. Flankiert wurde dieses Mahl von einem samtweichen Merlot, Espresso und einem Cognac. Das Gespräch verlief unterhaltsam und floss ungezwungen dahin, ohne dass ich, wie so oft, das Gefühl hatte, krampfhaft nach einem Gesprächsthema fahnden zu müssen. Und dabei beabsichtigte ich doch tatsächlich heute morgen noch, direkt nach dem Symposium wieder nach Hause zu fahren. Aber dann dachte ich mir: „Ach, wann passiert es mir schon mal, dass ich zum Essen eingeladen werde…“ – der richtige Gedanke, wie sich später herausstellte. Der Fastenschwindler des Abends war natürlich der Organisator der Veranstaltung selbst, der steif und fest behauptete, Espresso sei gar kein richtiger Kaffee.