Macbethiade

„When shall we three meet again? / In thunder, lightning, or in rain?“
„Will all great Neptune´s ocean wash this blood / Clean from my hand?“
Shakespeare, Macbeth

Ich lege mich im alten Haus meiner Großeltern zum Schlafen auf das Sofa. Die Wohnung hat nicht wirklich wohnlichen Charakter, sondern ist bis an die Decke mit Müll und Krempel vollgestopft. Aus mir völlig unduchsichtigen Gründen werde ich hier gefangen gehalten; für die folgende Nacht habe ich jedoch bereits meine Flucht mit dem Haustier, einem schwarzen Kater, abgesprochen. Mitten in der Nacht stehe ich auf und schleiche mich mit dem Kater, der mir folgt, in die nebenan liegende Scheune, um aus einem Fenster zu steigen und durch den Garten zu entwischen. Unabsichtlich haben wir dabei auch den Besitzer des Hauses geweckt. Ich verstecke mich in einer riesigen braunen Pappschachtel und decke mich mit einer Lasche zu, während sich der schwarze Kater in eine Spalte an der Wand zwängt. Ich bin mir völlig sicher, dass wir, wenn wir uns still verhalten, vom Besitzer nicht entdeckt werden können; das haben wir in der Vergangenheit bereits ein paar Mal geübt, und es ist uns bisher jedes Mal gelungen, unbemerkt und fast unter der Nase des Besitzers aus dem Haus zu gelangen. Der Hausherr scheint direkt dem Roman „Der Golem“ von Gustav Meyrink entsprungen. Es handelt sich um den Trödler Aaron Wassertrum, der jede körperliche und seelische Häßlichkeit auf sich vereint. Als er, wie ich erwartet hatte, in der Scheune tatsächlich nach mir und dem schwarzen Kater zu suchen beginnt, ertrage ich seine Gegenwart nicht mehr und schieße ihm mit einer trompetenähnlich nach außen gebogenen Flinte mitten ins Gesicht. Er fällt um, röchelt kurz und bleibt mit gelblichen, erstaunt aufgerissenen Augen auf dem Rücken liegen. Ich bin wie vom Donner gerührt, dass ich ihn getöte habe, obwohl es nicht notwendig gewesen wäre. Nun geht alles sehr schnell: plötzlich bricht Feuer in der Scheune aus, und alle Bewohner des Hauses, unter anderem meine Mutter, meine Brüder und die Familie meines Onkels, müssen sofort das Haus verlassen. Unter den Türen strömt bereits weißer Rauch hervor. Wir packen in höchster Eile alles zusammen und werfen es in den Kofferraum des auf einer kleinen Anhöhe bereitstehenden BMW, dessen hintere Stoßstange wegen der vielen geladenen Gepäckstücke fast den Boden berührt. Ob das auch noch gut gehen wird, wenn wir alle zusammen im Auto sitzen? Ich drehe mich um und betrachte gemeinsam mit meiner Mutter die hell lodernden Flammen, die aus den Fenstern und unter dem Dach hervorschießen. Sie schluchzt. Meine gescheiterte Flucht, der Mord, das Feuer – all das war von langer Hand geplant und teilweise inszeniert. Ich werde sicherlich als Mörder identifiziert werden, auch wenn die Tatwaffe und die Leiche in den Flammen zu Asche verbrennen sollten.

Experimenteller Beitrag

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Kennt jemand noch das Knarzen des Modems bei der Einwahl? Das war für mich immer elektronische Zwölftonmusik. Falls übrigens jemand gerade ein sicheres Passwort benötigt, darf er sich oben gerne bedienen. Meine derzeit sehr frei fließenden Assoziationen ließen mich gestern für meine Situation das Bild eines Rennfahrers finden, der mit leerem Tank auf der Rennstrecke liegenbleibt, und – schwupps! – strömen mehrere besorgte Teammitglieder herbei, die völlig außer sich um den Rennwagen herumhüpfen und den Fahrer dazu bewegen wollen, dass er weiterfährt. Anstatt dass einer Benzin nachfüllen würde.

Opium

„Die Religion ist das Opium des Volkes“, so Marx. Ich will Marx nur an einem Punkt korrigieren und das Wort „Religion“ durch „Religionsausübung“ ersetzen. Viele Menschen wollen nämlich keine metaphysischen Erschütterungen und vertragen sie auch sehr schlecht; das, was sie sich von der Religion versprechen, ist im Gegenteil eine metaphysische Beruhigung: „Alles in Ordnung, du kannst und darfst weiterschlafen.“ Sie freuen sich darüber, dass das Gottesbild, das ihnen vermittelt wird, ein so leicht beeinflussbares ist, und üben sich im Ritus und der schrittweisen Entwunderung, die ihnen das handliche Format eines alltagskompatiblen Zaubers bieten. Echte Spiritualität hingegen steht diesem Konzept diametral gegenüber; für ihre Verwirklichung braucht man keine vorgefertigten Formen. Sie bricht sich da Bahn, wo sie es will. Sie besingt den Sprung aus der Rationalität hinaus in die Ekstase.

Ein ekstatischer, metaphysisch „aufgeregter“ Mensch läßt sich nur schwer kontrollieren. Er hat Ideen, die für jede Autorität vernichtend klingen, und muss deshalb zum Schweigen gebracht werden. Sein Geist, der weithin sichtbar Energien transformiert, ist leuchtend und erfüllt. Der Ritus hingegen liebt die Heimlichkeit, die Zurückgezogenheit, das Sich-Verstecken; er tritt nicht als der Ermöglicher, sondern als Verhinderer wirklicher Gottesbegegnung auf. Seine Wirkung beschränkt sich auf geschlossene Räume, in denen die Feier des Seins, die sich ringsherum vollzieht, ausgeblendet bleibt. Die Botschaften, die er aussendet, erschöpfen sich in der Wiederholung des Immergleichen, dem Vollzug eines starren Musters und der Verherrlichung der Autorität. Und schließlich unterstützt der Pakt mit der Macht sein Ziel, alles Lebendige und Sich-Entfaltende zu unterbinden.

Audiophiler Beitrag

Ich mag es selbst kaum glauben, aber elektronisch erzeugte Musik hielt in meinem Kinderzimmer zuerst in Gestalt eines riesigen SABA-Weltempfängers (Wildbad 8, wenn mich nicht alles täuscht) Einzug, den mir meine Großmutter in einem überraschenden Anfall von Großzügigkeit überließ. Fortan kam ich nicht mehr von diesem Gerät los, das mich auf UKW, KW und MW mit völlig neuen Erfahrungen konfrontierte. Wenn in meinem dunklen Kinderzimmer am Abend die Hintergrundbeleuchtung die Namen von Städten wie Stockholm, Moskau oder Paris erleuchtete, entführten mich die Nachrichten aus dem Äther in eine mystische Welt voller Geheimnisse, weit jenseits der Tore meines provinziellen Dörfchens.

Irgendwann jedoch war ich des sagenhaften Kastens ein wenig überdrüssig, und ich erhielt dafür das ausgemergelte Telefunken-Radio meiner Eltern, das ich jedoch nur zusammen mit einem Kassettenrekorder von ITT betrieb. Fieberhaft wartete ich jeden Freitag auf die Top Ten, um die aktuellste Musik auf Band mitzuschneiden und so nach und nach eine gigantische Auswahl von Kassetten zu horten. Ich fühle heute noch die geriffelte Oberfläche der Aufnahmetaste und die Spannung, den Aufnahmeschalter so sanft und gleichzeitig nach unten zu drücken, dass der Kassettenrekorder sofort mit der Aufnahme begann. Gleichzeitig teilte ich mir mit meinem älteren Bruder einen Plattenspieler, an dem ständig irgendetwas kaputt war – die Nadel, der Arm oder auch manchmal der Deckel. Heiß und innig liebte ich damals eine Platte von Reinhard Mey und von Johann Sebastian Bach, aber auch Michael Jackson oder Peter Maffay kamen in diesen Tagen nicht zu kurz. Mit dem Kassettenrekorder nahm ich manchmal auch heimlich Gespräche in unserer Familie auf, die ich mir immer wieder anhörte. Gut erinnern kann ich mich noch an eine Aufnahme meines Zitherspiels, das von meinem polternden Vater jäh unterbrochen wurde. Weiterlesen