Audiophiler Beitrag

Ich mag es selbst kaum glauben, aber elektronisch erzeugte Musik hielt in meinem Kinderzimmer zuerst in Gestalt eines riesigen SABA-Weltempfängers (Wildbad 8, wenn mich nicht alles täuscht) Einzug, den mir meine Großmutter in einem überraschenden Anfall von Großzügigkeit überließ. Fortan kam ich nicht mehr von diesem Gerät los, das mich auf UKW, KW und MW mit völlig neuen Erfahrungen konfrontierte. Wenn in meinem dunklen Kinderzimmer am Abend die Hintergrundbeleuchtung die Namen von Städten wie Stockholm, Moskau oder Paris erleuchtete, entführten mich die Nachrichten aus dem Äther in eine mystische Welt voller Geheimnisse, weit jenseits der Tore meines provinziellen Dörfchens.

Irgendwann jedoch war ich des sagenhaften Kastens ein wenig überdrüssig, und ich erhielt dafür das ausgemergelte Telefunken-Radio meiner Eltern, das ich jedoch nur zusammen mit einem Kassettenrekorder von ITT betrieb. Fieberhaft wartete ich jeden Freitag auf die Top Ten, um die aktuellste Musik auf Band mitzuschneiden und so nach und nach eine gigantische Auswahl von Kassetten zu horten. Ich fühle heute noch die geriffelte Oberfläche der Aufnahmetaste und die Spannung, den Aufnahmeschalter so sanft und gleichzeitig nach unten zu drücken, dass der Kassettenrekorder sofort mit der Aufnahme begann. Gleichzeitig teilte ich mir mit meinem älteren Bruder einen Plattenspieler, an dem ständig irgendetwas kaputt war – die Nadel, der Arm oder auch manchmal der Deckel. Heiß und innig liebte ich damals eine Platte von Reinhard Mey und von Johann Sebastian Bach, aber auch Michael Jackson oder Peter Maffay kamen in diesen Tagen nicht zu kurz. Mit dem Kassettenrekorder nahm ich manchmal auch heimlich Gespräche in unserer Familie auf, die ich mir immer wieder anhörte. Gut erinnern kann ich mich noch an eine Aufnahme meines Zitherspiels, das von meinem polternden Vater jäh unterbrochen wurde.

Irgendwann leistete sich mein älterer Bruder eine Stereoanlage mit Verstärker, Kassettendeck, Plattenspieler und Tuner. Ich musste mitziehen, wenn ich etwas auf mich hielt und mich fürderhin als Musikliebhaber bezeichnen wollte. Von meinem ersten selbst verdienten Geld kaufte ich mir einen schwarzen Stereo-Radio-Rekorder von Grundig, der mich die Wogen des damals einsetzenden CD-Booms völlig verschlafen ließ. Ich nahm nach wie vor auf, was der Bandsalat so hergab. Mein Guthaben berechnete sich nach der Kassetten-Währung, und ich entdeckte nebenher die Beatles, die mir bei Kerzenschein und endlosen Gesprächen mit meinem damaligen besten Freund unglaublich beglückende Momente schenkten. Als neuesten Zugang begrüßte ich später den Erwerb eines Walkmans, den mir mein jüngerer Bruder nach kurzer Zeit resigniert und kampflos überließ. Mit ihm hörte ich auf der einstündigen Radfahrt von meinem Dörfchen in die Schule die legendären Mixtapes, die in verschiedenen Zirkeln kursierten. Ich kann mir die Szene heute absurder kaum ausmalen – wie ich, um das Geld für den Bus zu sparen, in aller Frühe auf das Fahrrad eintrat und dabei lauthals „Itchycoo Park“ von den Small Faces mitsang. Außerdem war er während des Abiturs auf der Flucht nach Genua mit dabei und untermalte meine Eskapaden lautmalerisch mit der Musik der Doors.

Mit dem Entlassungsgeld, das meinen Zivildienst stilistisch abrundete, erstand ich eine Musikanlage mit CD-Player und hielt wenig später auch schon den Grundstein (oder die Mutter) meiner CD-Sammlung in den Händen: „The Cream of Eric Clapton“. Mit dieser Scheibe hatte ich mir schon in S. die allerlangweiligsten Nachmittage vertrieben; mein erster Gang nach der Schule führte zielsicher zu Müller mit seiner riesigen Musikauswahl und zu dieser CD, die ich mir probeweise immer und immer wieder anhörte. Sie vermittelte mir so etwas wie ein Lebensgefühl, dessen ich mich durch ständiges Hören immer wieder neu versichern musste, und ließ die Anforderungen der realen Welt wie Schatten in sich zusammenfallen. Das ist es, was geblieben ist: das Gefühl, in der Musik beheimatet zu sein und sich um sich legen zu können wie eine wärmende Decke, egal, von welchem Medium sie kommt. Ein Tag ohne Musik erscheint mir verschwendet, ja im Grunde nicht lebenswert.

5 Gedanken zu „Audiophiler Beitrag

  1. Mich würde interessieren, mit welcher Motivation du damals Gespräche in der Familie aufgenommen hast. Beweismittel? Weil sie so schön waren? Spionage? Oder einfach Langeweile? Ich wäre nie auf diesen Gedanken gekommen, deshalb bin ich jetzt etwas verwundert darüber gestolpert.

  2. Ja, das kann ich dir auch nicht sagen. Vielleicht wollte ich diese flüchtigen Gespräche festhalten, um mich danach über ihre Fixiertheit zu wundern. Aber eine rechte Antwort will mir dazu nicht einfallen…vieles von dem, was ich früher getan habe, erscheint mir jetzt ziemlich verrückt und unerklärlich. Dass ich etwas damit bezwecken wollte, steht außer Frage. Aber was?

  3. Mich erinnert Dein Beitrag auch an eine unerklärliche Sache, die mir sogar heute noch ein bisschen peinlich ist. Ich hatte Anfang der 70er so einen grauen Kassettenrekorder mit einem kleinen eckigen Mikrofon. Mit meinen Schwestern habe ich einige „Radiosendungen“ aufgezeichnet. Diese Kassette, 1972 aufgenommen, habe ich sogar noch (irgendwo). Meine Spezialität war, mit absolut sexy Barfrau-Stimme „Ich bin eine Sexbombeeeeee!!!“ ins Mikro zu hauchen, dass es nur so rauschte. Diese sexy Stimme scheint ein Lebensthema zu sein, wenn ich zwei meiner aktuelleren Träume betrachte. *lach*

  4. *lach* Eine Frau mit einer sexy Stimme: traumhaft. So ein bißchen rauchig-verhangen? Ja, da braucht´s dann nicht mehr viel bis zur Endstufe der Verführung.

    (Jetzt dämmert´s mir – so sieht sie sie also aus, die neue Traumkraft!)

  5. Lieber Wilder Kaiser, Traumzeit 3.0 hat noch einige Probleme mit den neuen Features. Vor allem der Zugriff auf das Sprachprogramm wird immer wieder unterbrochen. Aber es wird schon werden – ich bin überzeugt! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.