Sonntag, 25. Mai 2008 23:22

Sorgfältig nahm er das zusammengefaltete Blatt Papier aus dem Umschlag. Es verströmte einen leisen, flüchtigen Duft, der ihn an zurückliegende, glücklichere Zeiten erinnerte. Es war ein Brief, den die Studentin Lea Winter an ihren Professor, Alexander Baer, geschrieben hatte. Die beiden hatten sich sehr gut gekannt, vielleicht zu gut. “Wie auch immer”, murmelte er halblaut und zog seine Schreibtischlampe zu sich heran, um die feine und zierliche Handschrift besser entziffern zu können.
“Lieber Alexander, ich schreibe dir vor allem wegen unseres letzten Gesprächs in der Cafeteria der Philosophischen Fakultät. Verzeih, wenn ich es jetzt ausnutze, dass du mir vor einigen Monaten deine Privatadresse gegeben hast, damit ich dich jederzeit wegen meiner Magisterarbeit über Peruglio erreichen konnte. Aber du machtest damals einen so bemitleidenswerten Eindruck, dass ich nun diese Zeilen an dich richte. Ich weiß, dass du weder über Telefon noch über einen Computer verfügst und diese Errungenschaften unserer modernen Zivilisation für Teufelszeug hältst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, was der eigentliche Grund für diese heftige Abwehr war. Aber es ist nun mal so: ich habe mich in dich verliebt, in diesen kleinen, verletzlichen Phönix, der unter all der Asche noch ab und zu zaghaft mit den Flügeln schlägt und den ich in diesem wehen Blick erkenne, den er mir durch den Tränenschleier hindurch sendet. Wie schrieb Peruglio: ‘Unter dem Hundsstern finde ich meinen staubigen Pfad; hier noch voller Schatten, doch dort schon in gleißendem Licht.’ Auch auf dich wartet ein ganzes Universum voller Möglichkeiten. Hier ist der Schlüssel, um diese Tür zu öffnen.”
Das ist ein Auszug aus einer Erzählung, die ursprünglich für das Buchprojekt ‘Sturmtief’ gedacht war. Ich bin auch schon einigermaßen weit gekommen, aber überhaupt nicht zufrieden mit meiner Idee, die ich einfach nur für überspannt halte. Soll ich die angefangene Erzählung nun zu Ende schreiben?
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