Vater und Sohn

St. TotnanSchon seit Januar hatte ich meine zweieinhalbtägige Dienstreise nach Würzburg geplant; ich wollte mich auf einem nicht zu großen Kongress mal wieder mit Kollegen in anderen Kliniken austauschen und beiläufig auch ein paar Informationen und Meinungen zu Themen sammeln, die mich beruflich schon einige Zeit beschäftigen. Gestern entschloss ich mich dann spontan, an der Abendveranstaltung des Fachverbands teilzunehmen, und wurde aus mehreren Gründen nicht enttäuscht. Es war bereits ein Erlebnis, auf der Fürstenterrasse der Festung Marienberg zu stehen und das nächtlich erleuchtete Würzburg von oben zu betrachten. Ich unterhielt mich dort mit anderen Teilnehmern angeregt über christliche Orden in Würzburg im allgemeinen und den einigermaßen bekannten, jungen Pater Manuel mit seiner Gitarre im speziellen, der wie ein Magnet Busladungen voller erlebnishungriger katholischer Hausfrauen anzieht, und, wie meine Gesprächspartnerin bemerkte, gar nicht heiraten könnte, da er so viele Frauen seelsorgerisch betreuen müsste. Nach Don-Giorgio-Imitaten muss man also auch in Würzburg nicht lange suchen. Zufällig saß ich beim Essen in der Ritterstube einem Unternehmer und seinem Sohn, der laut seinem Vater langsam an die Geschäftswelt herangeführt werden sollte, gegenüber. „Mein Junior…und, ich lasse mir den Chef doch auch nicht heraushängen, oder was meinst du?“ Ich fand diese Konstellation merkwürdig patriarchalisch, wohl auch deshalb, weil der Sohn die meiste Zeit schwieg und der Vater einen peinlichen Versuch nach dem anderen startete, sich mit dem Erzählen von Witzen in die Unterhaltung am Tisch einzubringen. Es gelang ihm nicht. Ja, noch schlimmer: wir standen plötzlich alle gemeinsam auf, um nach dem üppigen Essen an die frische Luft zu gehen, und ließen beide am Tisch zurück – eine grobe Unhöflichkeit, wie mir im nachhinein bewusst wird. Als ich allein wieder an den Tisch zurückkehrte, ließ mich der Vater, ein untersetzter, grauhaariger Mann mit einer dröhnenden Stimme und Teddybärknopfaugen, wissen, dass er jetzt zusammen mit seinem Sohn zu Fuß wieder in die Stadt hinabgehen wolle. Vielleicht zwickte mich auch ein bißchen mein schlechtes Gewissen; jedenfalls schloss ich mich den beiden an. Der Unternehmer bemerkte sofort die Stille der lauen Mainacht, als wir auf den Hof traten, und erzählte von einer Übernachtung auf der Festung mitten im Winter, als der Schnee beinahe jeden Laute schluckte. Das Gespräch plätscherte anschließend etwas lustlos dahin. Der Sohn erschien mir jetzt etwas fester und selbständiger, während vom Vater eine Traurigkeit ausging, die mir fast den Atem raubte. Ja, er hatte sich gerade ausgeschlossen gefühlt, aber es spukten ihm noch ganz andere Gedanken im Kopf herum, über die er nicht sprechen konnte oder wollte. Die blasse Gesichtshaut des spindeldürren Sohnes leuchtete in der Dunkelheit, während der Vater ganz in sich zusammengefallen war und nur noch vor sich hin brummte. Ich verabschiedete mich in der Nähe meines Hotels von den beiden. Unterbewusst ging ich aber mit ihnen mit, denn ich träumte die ganze Nacht nur von ihnen und davon, wie sie bei der Herstellung von Herzschrittmachern zusammenarbeiteten.

2 Gedanken zu „Vater und Sohn

  1. Der Sohn wird einiges zu tun haben, um aus diesen Schatten herauszutreten, füchte ich, sonst wird er kaum je als eigenständige Person wahrgenommen werden. Jedenfalls war es eine brüchige Harmonie, die die beiden nach außen vermittelten. LG, WilderKaiser

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