Beiträge vom 25. Mai 2008

The Tempest

Sonntag, 25. Mai 2008 23:22

Sonnenuntergang

Sorgfältig nahm er das zusammengefaltete Blatt Papier aus dem Umschlag. Es verströmte einen leisen, flüchtigen Duft, der ihn an zurückliegende, glücklichere Zeiten erinnerte. Es war ein Brief, den die Studentin Lea Winter an ihren Professor, Alexander Baer, geschrieben hatte. Die beiden hatten sich sehr gut gekannt, vielleicht zu gut. “Wie auch immer”, murmelte er halblaut und zog seine Schreibtischlampe zu sich heran, um die feine und zierliche Handschrift besser entziffern zu können.

“Lieber Alexander, ich schreibe dir vor allem wegen unseres letzten Gesprächs in der Cafeteria der Philosophischen Fakultät. Verzeih, wenn ich es jetzt ausnutze, dass du mir vor einigen Monaten deine Privatadresse gegeben hast, damit ich dich jederzeit wegen meiner Magisterarbeit über Peruglio erreichen konnte. Aber du machtest damals einen so bemitleidenswerten Eindruck, dass ich nun diese Zeilen an dich richte. Ich weiß, dass du weder über Telefon noch über einen Computer verfügst und diese Errungenschaften unserer modernen Zivilisation für Teufelszeug hältst, auch wenn ich nie ganz verstanden habe, was der eigentliche Grund für diese heftige Abwehr war. Aber es ist nun mal so: ich habe mich in dich verliebt, in diesen kleinen, verletzlichen Phönix, der unter all der Asche noch ab und zu zaghaft mit den Flügeln schlägt und den ich in diesem wehen Blick erkenne, den er mir durch den Tränenschleier hindurch sendet. Wie schrieb Peruglio: ‘Unter dem Hundsstern finde ich meinen staubigen Pfad; hier noch voller Schatten, doch dort schon in gleißendem Licht.’ Auch auf dich wartet ein ganzes Universum voller Möglichkeiten. Hier ist der Schlüssel, um diese Tür zu öffnen.”

Das ist ein Auszug aus einer Erzählung, die ursprünglich für das Buchprojekt ‘Sturmtief’ gedacht war. Ich bin auch schon einigermaßen weit gekommen, aber überhaupt nicht zufrieden mit meiner Idee, die ich einfach nur für überspannt halte. Soll ich die angefangene Erzählung nun zu Ende schreiben?

Bildrechte: © Martina Merten / PIXELIO

Thema: Die blaue Blume | Kommentare (5)
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Selbstverletzendes Verhalten

Sonntag, 25. Mai 2008 22:02

Direkt über meinem rechten Knie verläuft leicht innenseitig eine schöne, ca. 10 Zentimeter lange Narbe, die ich mir während der Arbeit selbst zugefügt habe. Jedesmal, wenn ich vor einer Thrombozytenspende (immerhin schon knapp 80) den Spenderfragebogen ausfülle, stolpere ich über diese etwas unglücklich formulierte Frage: “Sind Sie jemals operiert worden?” Glücklich, wer diese Frage tatsächlich mit einem klaren “Nein” beantworten kann. Ich gehöre nicht zu dieser seltenen Spezies. Und dann erinnere ich mich meiner Narbe. Und das ging so: während meiner Zivildienstzeit arbeitete ich anfangs auch im medizinischen Lager des EK in Straubing. Zu meinen Aufgaben gehörte es unter anderem, die Vorräte aufzufüllen, und zu diesem Behuf mussten die einzelnen Ausgabeeinheiten eines Materials erst aus ihrer Kartonhülle befreit und in die Regale gestapelt werden. Da ich zu blöd/schüchtern/träge war, mir ein Sicherheitspaketmesser zu besorgen, dessen Klinge nach Verwendung wieder in der Versenkung verschwand, war das Unglück bereits vorprogrammiert. Ich kniete also eines Tages auf einem größeren Paket und holte mit Schwung zu einem großen Schnitt aus, um es zu öffnen. Zunächst ärgerte ich mich nur ein bißchen über meine zerschnittene Jeans, dann spürte ich ein warmes Rinnsal, das meinen Fuß hinablief. Ich stand auf und versuchte, die klaffende und blutende Schnittwunde mit einer Hand zuzuhalten. Der Schnitt ging ziemlich tief, und ich sah ein paar Muskelfasern deutlich hervortreten. “Hallo, ich habe mich geschnitten. Ich muss dringend zur Notaufnahme.” Meine herbeistürzenden Kollegen schleppten mich sofort dorthin. In der Hektik gab ich der Aufnahmetante eine falsche Krankenkasse an und wurde endlich auf den OP-Tisch verfrachtet. Ich spürte keinerlei Schmerzen, bis der Chirurg zum letzten Stich ansetzte – diesen ertrug ich nur mit zusammengebissenen Zähnen. Der Operateur war anscheinend der einzige, der sich von der allgemeinen Aufregung in keinster Weise anstecken ließ und routiniert und beinahe etwas gelangweilt meine Wunde zusammenflickte. Nach der ersten Versorgung bot mir der Leiter des Lagers, der meinen Vater über die Bundeswehr kannte, an, mich nach Hause zu fahren; und weil ich selbst etwas durcheinander war, stand ich irgendwann vor dem Haus meiner Familie, obwohl ich ein eigenes Zimmer im Altbau des Krankenhauses bewohnte. Aber das war nun auch schon egal. Auf dem Sofa im Wohnzimmer wartete ich verwirrt und auch ein bißchen schockiert über das eben Geschehene auf das Eintreffen meiner Eltern, die sich natürlich darüber wunderten, mich zuhause anzutreffen. – Heute kann man einen schmalen, weißen Streifen sehen, der von diesem Unfall kündet. Auch die Stiche sind noch erkennbar.

Angeregt durch diesen Blogeintrag von Frau Mia.

Thema: Zeitlinien | Kommentare (4)
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