Normalisierung

Früher hörte ich über die Einwohner meines kleinen Heimatdörfchens noch richtige Schauermärchen, und die Katastrophe eines nicht gelingenden Lebens war so greifbar wie die rußverschmierte Mauer des kleinen Häuschens, das einem absichtlich gelegten Brand zum Opfer fiel. Später flog der durchsichtige Versicherungsbetrug auf, und die Medien stürzten sich wie Geier auf dieses Ereignis. Wir Dörfler!, hieß es damals. Es waren Sinti und Roma, die dort gelebt hatten, Menschen zum Anfassen, aus Fleisch und But, die als vermeintliche Monster die kindliche Phantasie belebten. Dann gab es noch die bucklige Lisa, die ihren Verlobten nicht mehr aus dem Krieg hatte zurückkehren sehen, und darüber ein wenig wunderlich geworden war. Jeder kannte sie, jeder tolerierte sie, sie tat niemandem etwas zuleide, und ein Flüchtlingsehepaar aus der direkten Nachbarschaft kochte ihr jeden Tag einen Teller Suppe und wusch ihre Kleidung. Sie aber, sie fuhr ihrem Verlobten mit einem uralten Fahrrad entgegen, um ihn am Straubinger Bahnhof abzuholen; aber dort war er nicht, und so fuhr sie wieder nach Hause. Am nächsten Tag machte sie sich wieder auf den Weg, und immer so fort, jahrelang, bis sie älter und müder wurde und schließlich nur noch vor ihrer Haushälfte auf und ab rann und sich in eine Ecke ihres Zimmers setzte, um am Boden ein wenig Suppe zu schlürfen. Schräg gegenüber wohnte eine ältere Bauersfrau mit ihrem ewigen Kopftuch, die Anne, die Hühner und Katzen hielt und in deren verwitterten Häuschen sich ein Sammelsurium verschiedenster Dinge auftürmte, so dass man gar nicht wußte, wo der Hühnerstall aufhörte und die Wohnung anfing; alles war verkommen und wenig aufgeräumt. Und wenn sie heiter gestimmt war, saß sie auf einer wackligen Bank vor ihrem Haus und redete mit ihren Tieren. Sie war immer freundlich zu uns Kindern, auch wenn wir wie Verrückte durch ihren Garten tobten und mit dem größten Vergnügen die Hühner aufscheuchten und ihre Töpfe durcheinanderwarfen. Es gab noch viele solcher Glanzlichter in meinem alten Dorf, Menschen, die ihre Würde daraus bezogen, dass sie sich auf ihre Art und Weise dem Leben gestellt hatten und den mitunter verzweifelten Mut hatten, das zu sein, was diese Begegnung aus ihnen gemacht hatte. Es waren reichlich krumm gewachsene und in die Jahre gekommene Bäume, die trotzdem noch aufrecht standen. Mein Heimatdörfchen hatte eine bewegte Geschichte und unzählige Gesichter, die zu flüstern schienen: „Schreib mich auf, damit ich nicht vergessen werde!“

Aber dort, wo einst unter uralten, wunderschönen Kastanien das steingraue Bushaltehäuschen stand, wo das alte Wirtshaus mit seinen dicken, kühlen Mauern und seinem historischem Tonnengewölbe an eine längst vergessene Zeit erinnerte, steht heute kein Stein mehr auf dem anderen. Die Dorferneuerung hat es geschafft, meinem Dorf das Herz herauszureißen und eine Freifläche für den neuen Dorfplatz zu schaffen, der von einem Brunnen, einem hölzernen Pavillon und neu gepflanzten Bäumen gesäumt wird. Das ist in etwa so, als würden die Berliner Philharmoniker nur noch seichte Kaufhausmusik spielen (nichts gegen diese Art von Musik, ich mag sie nicht, aber sie hat sicherlich ihre Berechtigung; es ging mir nur um den Vergleich). Alles, was je an Einzigartigkeit vorhanden war, konnte und durfte nicht existieren; es hatte keinen Platz in den Köpfen und in den Herzen. Die Theatergruppe nicht, der Kirchenchor nicht, die Bäume nicht. Es ist ja so wichtig, als normal anerkannt zu werden. Mein Freund, dem ich das Ganze schilderte und Bilder vom Zustand vor und nach der Dorferneuerung schickte, schrieb mir zurück: „Der Pavillon könnte überall stehen, das Wirtshaus war einmalig.“

Meine Mutter übergab noch vor einigen Jahren dem großen Vorsitzenden der bayerischen Staatspartei eine Petition, um das Gebäude vor dem Abriss zu retten. Und als das fehlschlug, beteiligte sie sich aktiv an der Dorferneuerung, denn sie wolle ja auch noch viele Jahre im Dorf wohnen und es für die nächste Generation erhalten.

Offensichtlich soll wieder etwas hinter dem Horizont versinken. Es wäre Zeit, meine Erinnerungen aufzufrischen, aber dazu müßte ich mit denen reden, die sie kaputtgetrampelt haben. Die Toten wissen, wovon ich spreche.

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