„Ist Glauben…

…nicht auch eine Art Philosophie?“, schrieb mir diese Woche ein Freund per email. Und spontan ist mir nichts darauf eingefallen, was ich ihm antworten könnte. Aber dann fand ich mich doch unvermittelt am Anfangspunkt aller meiner Überlegungen wieder. Wenn sich christlicher Glaube, Philosophie und Psychologie in einem Punkt berühren, dann vielleicht im Zweifel an der als so selbstverständlich angesehenen Voraussetzung, dass uns unser Alltagsverstand verläßliche Informationen darüber liefern kann, was und wer wir sind. Die Konsequenzen, die sie daraus ziehen, könnten aber unterschiedlicher kaum sein. Die Psychologie sagt: Es gibt ein Denkendes, das wir mittels Empirie untersuchen müssen, um die Quelle der Fehlerbehaftetheit unseres Daseins aufzuspüren und, wenn möglich, zu korrigieren. Die Philosophie sagt: Es gibt ein Denkbares, das wir mittels Theorie untersuchen müssen, um die Passung unseres Daseins wiederherzustellen. Der christliche Glaube sagt: Es gibt ein schöpferisches Prinzip, das jenseits des menschlichen Denkens und der menschlichen Erfahrung liegt. Du musst daran glauben, um seiner erlösenden Kräfte teilhaftig zu werden. Der Zen-Buddhismus würde sagen: alle drei geben eine falsch positive Antwort. Da ist nichts, das denkt, gedacht wird oder schöpferisch wirkt. Jeder Versuch des Verstandes, die Erscheinungen zu abgegrenzten Begriffen zu ordnen, stört nur die Harmonie. Das führt mich weiter zu Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das heißt: in exotisch-esoterischen Höhen wird die Luft dünn für die Philosophie und den Philosophen. Denn dort, wo die Begründung aufhört, beginnt der Glaube, aber nicht als Fortführung der Philosophie mit anderen Mitteln. Die Sehnsucht nach Erlösung, Ganzheit und Vollendung hat eine völlig andere Qualität als das kühle Abwägen von Alternativen. Sie treibt den Menschen hinaus aus seinen brüchigen Behausungen, die er mit philosophischen Steinen notdürftig beschwert hat.

Das Foto

„Du wirst es nicht glauben“, sagte Alban nach einer Weile, „aber ich war doch tatsächlich einmal Mitglied in einer Rockband mit dem sprechenden Namen ‚The Motherfuckers‘.“ Julia schmunzelte und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, während sie weiter die Fotos von Albans Familie betrachtete. Alban stellte sich hinter sie und sah ihr über die Schulter. „Wer ist denn das?“, fragte Julia, „etwa dein Bruder?“ und deutete mit dem Finger auf eine bereits etwas verblasste Fotografie, auf der ein junger Mann mit einer Gitarre und einem Strohhut zu sehen war. Alban schwieg auffällig, so dass Julia sich zu ihm umdrehte. Alban hatte das Gesicht wie zu einer spöttischen Mimik zusammengezogen, aber es sah so aus, als leide er unter einem plötzlichen, siedend heißen Schmerz. „Das ist Gregor, ein entfernter Bekannter.“ „Nun sag schon“, drängte Julia. „Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Und Alban murmelte wie ein Bauchredner, mehr an sich selbst gerichtet: „Dafür, dass ich ihn kaum kenne, hasse ich ihn ziemlich heftig. Weißt du, ich werde bis zu meinem Tode Menschen Widerstand leisten, die glauben, ich müßte um Gnade winselnd vor ihnen auf die Knie fallen, nur weil sie einen schlechten Tag erwischt haben.“ Julia strich ihm mit ihrer Hand über die Wange. „Und was ist aus ihm geworden?“ „Er ist tot. Er kam bei einem Unfall ums Leben. Unsere ganze Familie stand am Grab und trauerte um ihn. Ich warf nur einen Klumpen Lehm auf seinen Sarg.“

Es war einmal ein Schmetterling

Es war einmal ein Schmetterling, der die Farbe seiner Flügel verloren hatte. Lange Zeit flog er unruhig hin und her, fand keinen Schlaf, und auch das Saugen des Nektars bereitete ihm keine Freude mehr. Jedem, den er traf, klagte er sein Leid; aber seine Freunde hatten nur ein Achselzucken für ihn übrig und flogen wieder weiter. Eines Tages, es war bereits sehr spät geworden, landete er auf einer goldenen Blüte vor der Höhle einer alten Erdkröte und schaukelte im Abendwind, ganz in seine traurigen Gedanken und in seine Sehnsucht versunken. Als er die Kröte aus ihrem Erdloch kommen sah, rief er ihr zu: „Ich hoffe, ich habe dich nicht gestört. Lass mich nur ein wenig Ruhe finden, bevor ich mich wieder auf den Weg mache.“ „Nein, du störst mich nicht, ich bin sogar froh, dich zu sehen. Ich bekomme doch sonst nur selten Besuch.“ Die Kröte kam näher heran und betrachtete voller Verwunderung die seltsam farblosen Flügel des Schmetterlings. „Wie ich sehe, ist dir ein sehr merkwürdiges Missgeschick widerfahren.“ „Ohja“, seufzte der Schmetterling. „Ich wüßte nur zu gerne, wie ich wieder farbige Flügel bekommen könnte.“ „Ich habe schon viel gesehen, gehört und erfahren. Schau, ich gebe dir diesen Rat: wenn du die Regenbogenfarben siehst und in deren Quelle fliegst, werden deine Flügel wieder strahlen vor Farbe.“ Der Schmetterling war überglücklich, als er das hörte. Und das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich wieder von der Kröte verabschiedete. Noch am gleichen Abend begann er, nach den Regenbogenfarben zu suchen, von denen die Kröte gesprochen hatte. Als er in die Siedlungen der Menschen flog, sah er einen wundersamen Schimmer aus einer Hütte, der ihn magisch anzog. „Gleich“, sagte er sich, „gleich wird es soweit sein.“ Er flog taumelnd noch näher und erkannte die Farben des Regenbogens, die an der Wand der Hütte tanzten; es war ein sich im Schein einer Kerze drehender Kristall, der die Reflexionen hervorrief. „Wie wunderbar“, rief der Schmetterling und stürzte sich in das Licht, wo er kurz aufflammte und verbrannte.

Und hier eine andere Version…

Gequakel

Ich habe bestimmt nichts gegen kommunikative Menschen. Aber die Dauerbeschallung der letzten Monate ging an mir nicht spurlos vorüber. Immer, wenn ich im Büro sitze und ich den stundenlangen, lautstarken Ausführungen meiner Zellengenossin am Telefon oder mit hereinschneienden Menschen unterschiedlichster Coleur folgen muss, schaltet mein Gehirn in einen Stand-by-Modus, der gierig auf die nächste Chance zur Konzentration wartet. Das geht so weit, dass ich einen Vorgang vom Stapel nehme und seufzend wieder zurücklege, weil ich mich momentan nicht damit beschäftigen kann. Ich habe den starken Verdacht, dass meine Arbeitsleistung im Vergleich zu früher stark nachgelassen hat. Heute benötigte ich für ein simples Anschreiben mehrere Anläufe, um es dann nach zwei Stunden verschicken zu können; ich weiß nicht, ob daraus für den Leser klar hervorgeht, was ich eigentlich will. Die Tür unseres Büros steht den ganzen Tag über weit offen, und jede der zig Personen, die täglich daran vorbeigehen, könnte der nächste potentielle Gesprächspartner werden. Sicherlich willkommene Abwechslung, ja, aber doch erst nach einigen Stunden konzentrierter Arbeit. Wenn meine Zellengenossin wahllos jede Chance zur Ablenkung und Zerstreuung ergreift, ist an eine wirkliche Erledigung meiner dringendsten Arbeiten kaum zu denken. Und ich hasse es, im Laufe meines Beruflslebens immer wieder in die ungeliebte Rolle des Spaßverderbers gedrängt zu werden, wenn ich ein so offensichtliches Thema anspreche. Ein Ausweichen auf andere Arbeitszeiten ist kaum möglich, denn dazu müßte ich sehr viel früher ins Büro kommen. Abends bleibt meine Kollegin bis zur absoluten Grenze des Gleitzeitrahmens, um Stunden aufzubauen – aber auch hier bleibt bis knapp vor Sonnenuntergang das wasserfallartige Mundwerk Trumpf. Ich bin kaum zwei Wochen da und nähere mich schon wieder dem Zustand vor meinem Urlaub an, den ich vor ein paar Wochen als abartig schlimm empfunden habe. Es gäbe soviel zu tun, aber ich habe keine Gelegenheit dazu. Über allem ergießt sich die Sauce eines ungestillten Mitteilungshungers, der jeden klaren Gedanken unmöglich macht. Ich atme auf, wenn sie aufsteht, ihre Sachen zusammenpackt und einen Besprechungstermin andernorts ankündigt. Und dabei verstehen wir uns eigentlich noch ganz gut.