Gequakel

Ich habe bestimmt nichts gegen kommunikative Menschen. Aber die Dauerbeschallung der letzten Monate ging an mir nicht spurlos vorüber. Immer, wenn ich im Büro sitze und ich den stundenlangen, lautstarken Ausführungen meiner Zellengenossin am Telefon oder mit hereinschneienden Menschen unterschiedlichster Coleur folgen muss, schaltet mein Gehirn in einen Stand-by-Modus, der gierig auf die nächste Chance zur Konzentration wartet. Das geht so weit, dass ich einen Vorgang vom Stapel nehme und seufzend wieder zurücklege, weil ich mich momentan nicht damit beschäftigen kann. Ich habe den starken Verdacht, dass meine Arbeitsleistung im Vergleich zu früher stark nachgelassen hat. Heute benötigte ich für ein simples Anschreiben mehrere Anläufe, um es dann nach zwei Stunden verschicken zu können; ich weiß nicht, ob daraus für den Leser klar hervorgeht, was ich eigentlich will. Die Tür unseres Büros steht den ganzen Tag über weit offen, und jede der zig Personen, die täglich daran vorbeigehen, könnte der nächste potentielle Gesprächspartner werden. Sicherlich willkommene Abwechslung, ja, aber doch erst nach einigen Stunden konzentrierter Arbeit. Wenn meine Zellengenossin wahllos jede Chance zur Ablenkung und Zerstreuung ergreift, ist an eine wirkliche Erledigung meiner dringendsten Arbeiten kaum zu denken. Und ich hasse es, im Laufe meines Beruflslebens immer wieder in die ungeliebte Rolle des Spaßverderbers gedrängt zu werden, wenn ich ein so offensichtliches Thema anspreche. Ein Ausweichen auf andere Arbeitszeiten ist kaum möglich, denn dazu müßte ich sehr viel früher ins Büro kommen. Abends bleibt meine Kollegin bis zur absoluten Grenze des Gleitzeitrahmens, um Stunden aufzubauen – aber auch hier bleibt bis knapp vor Sonnenuntergang das wasserfallartige Mundwerk Trumpf. Ich bin kaum zwei Wochen da und nähere mich schon wieder dem Zustand vor meinem Urlaub an, den ich vor ein paar Wochen als abartig schlimm empfunden habe. Es gäbe soviel zu tun, aber ich habe keine Gelegenheit dazu. Über allem ergießt sich die Sauce eines ungestillten Mitteilungshungers, der jeden klaren Gedanken unmöglich macht. Ich atme auf, wenn sie aufsteht, ihre Sachen zusammenpackt und einen Besprechungstermin andernorts ankündigt. Und dabei verstehen wir uns eigentlich noch ganz gut.

2 Gedanken zu „Gequakel

  1. Ich hasse offen stehende Türen bei der Arbeit, aber wenn man sowas anspricht, wird man immer schief von der Seite angeschaut, als habe man etwas zu verbergen. Ich habe ebenfalls schon mit solchen Leuten zusammengesessen und das kann einen total fertig machen, wenn man selbst nicht so kommunikativ ist. Über meinen jetzigen Kollegen kann ich mich nicht beklagen – der achtet peinlich darauf, daß stets die Türen geschlossen sind und hat auch lieber seine Ruhe.

  2. Ich glaube, meine Kollegin hat meinen Unwillen erspürt und fährt die Gesprächsquote im Büro etwas nach unten. Außerdem läßt sie nicht mehr automatisch die Türe offen. Was mich an offenen Türen stört, ist die simple Tatsache, dass das wirklich jeder als Einladung sieht, ein Gespräch zu beginnen. Und wenn mich ein Patient über Sinn und Unsinn des Qualitätsmanagements aufklären will, kann es passieren, dass mein Geduldsfaden etwas überstrapaziert wird. LG, WilderKaiser

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